Peter Englund – Mord in der Sonntagsstraße (Buch)

Frauenmord im freizügigen Schweden des Jahres 1965

Mord in der Sonntagsstraße
© Rowohlt Berlin

In den Jahren 1950 bis 1952 entsteht die Reihenhaussiedlung Skönstaholm in Hökarängen, einem Vorort südlich von Stockholm. Die als ruhig und sicher geltende Siedlung ist durch einen Waldstreifen von Hökarängen getrennt, der bedingt durch hohe Kriminalität einen schlechten Ruf hat und als sozialer Brennpunkt gilt. Die einzige Verbindung ist der Söndagsvägen, die Sonntagsstraße, in deren Hausnummer 88 am 27. Juli 1965 eine Frauenleiche gefunden wird, die ganz Schweden in einen Schockzustand versetzt. Das wirtschaftlich starke, sexuell aufgeschlossene Schweden als Schauplatz für einen kuriosen Mord an einer jungen Frau. Und das in einem als sicher geltenden Stadtteil.

Eva Marianne Granell, achtzehn Jahre jung und von allen nur Kickan genannt, war gerade mit ihrem Verlobten im Urlaub als dieser sie kurz darauf tot in ihrer Wohnung findet. Zwei Streifenpolizisten eilen zum Tatort, welcher auffällig sauber ist. Kickan liegt nackt in ihrem Bett unter einer Decke. Das Telefonkabel ist durchtrennt, eine Tablettendose auf dem Nachttisch fast leer. Äußere Verletzungen sind nicht erkennbar, Einbruchspuren gibt es ebenfalls nicht. Die Polizisten entscheiden auf Selbstmord und veranlassen den Abtransport des Leichnams. Dem Wachhabenden ihrer Station kommt die Angelegenheit jedoch seltsam vor und informiert die Kriminalpolizei. Der bekannte Ermittler GW Larsson übernimmt den Fall, der in die schwedische Geschichte eingehen wird. Die Obduktion verkompliziert die Lage, denn es finden sich keine Spuren von Tabletten in Kickans Körper. Lediglich kleine Erstickungsblutungen an der Bindehaut der Augen deuten auf einen wahrscheinlichen Mord hin.

Blut und Urin wurden zum Schnelltest geschickt, und die Antwort kam umgehend: keinerlei Spuren von Schlafmitteln. Sie hatte sich nicht das Leben genommen. Das Sperma und die Verletzungen im Gesicht deuteten darauf hin, dass es sich wahrscheinlich um einen Sexualmord handelte. Doch wenn sowohl Töten durch Erwürgen als auch Selbstmord ausgeschlossen werden konnten – wie war sie dann ums Leben gekommen?

True Crime im Reportagestil

Der Historiker Peter Englund hat sich unter anderem durch zahlreiche Polizei- und Prozessakten gewühlt und einen spektakulären Mordfall im Stil einer Reportage spannend beschrieben, der einst ein ganzes Land elektrisierte. Lange war die Todesursache unklar bis eine hohe Dosis Chloroform festgestellt wurde. Doch es gab keine Spuren, die zu dem Täter führten. Keine Finger- oder Schuhabdrücke, keine Zeugen, die etwas beobachtet hatten, lediglich eine größere Menge Kartoffelmehl am Tatort gab den Ermittlern zu denken und führte letztlich zum Täter.

Englund beschreibt aber nicht nur das Verbrechen, die umfangreiche und oft zermürbende Arbeit der Ermittler, sondern verortet dies alles in der damaligen Zeit. Das Jahr 1965 war turbulent. Feierte man zuvor in der Reihenhaussiedlung immer gerne mit den Nachbarn diverse Feste, so ist man inzwischen individuell auf sich gestellt, denn der Fernseher hat Einzug in die meisten Haushalte gehalten. Wirtschaftlich steht Schweden weit oben und ist zudem für seine sexuelle Freizügigkeit bekannt. Selbst pornografische Werke finden reißenden Absatz. Zudem gibt es eine sich schnell verändernde Jugendkultur, die sich auch musikalisch abbildet. „Yesterday“ der Beatles steht auf Platz eins, die Rolling Stones liefern mit „Satisfaction“ den Sound der Stunde und The Who sind mit „My Generation“ am Start. Diese und viele weitere Einblicke in ein Land, welches sich im großen Umbruch befindet, machen „Mord in der Sonntagsstraße“ zu einem besonders informativen True-Crime-Leseerlebnis.

Der Ermittler GW Larsson scheint vergleichbar mit dem deutschen Kult-Ermittler Ernst Gennat zu sein, jedenfalls finden sich in der Figur des Kommissar Beck aus der Feder des Autorenduos Maj Sjöwall und Per Wahlöö Eigenschaften des realen Polizisten wieder. Becks erster Fall „Roseanna“ (deutscher Titel „Die Tote im Götakanal“) erschien – man ahnt es – 1965.

Ein Massenmord ist für mich derzeitig die zweite Alternative und genauso akzeptabel wie eine Ehe. Auch hier liegt es wieder bei meinem Umfeld, zu entscheiden, welchen Weg ich einschlage.

Ohne zu weit vorgreifen zu wollen, führen die Spuren spät, aber immerhin, zu einem jungen Mann namens Friedrich Wagner, einem gebürtigen Österreicher, der die Tat vehement bestreitet. Nach einem reinen Indizienprozess wird er im ersten Verfahren sogar freigesprochen. Dabei ist Wagner ein sehr auffälliger Mann. Ein Narzist, der unter Paranoia leidet, Gewaltfantasien entwickelt und Frauen hasst; nicht zuletzt, weil er selber keine hat. Dabei kam er vermutlich gerade deshalb nach Schweden, weil hier die Frauen ja so freizügig unterwegs waren. Den jeweiligen Kapiteln sind einzelne Gedankengänge Wagners vorangestellt, die zeigen, wie psychisch krank und hoch intelligent er gleichermaßen war.

Kleine Schönheitsfehler eines empfehlenswerten Buches

„Mord in der Sonntagsstraße“ ist unbedingt zu empfehlen, wenn man sich für True Crime interessiert oder einfach eine Zeitreise in die 1960er Jahre, hier am Beispiel Schwedens, unternehmen möchte. Die kleinen „Haare in der Suppe“ sollen nicht unerwähnt bleiben. Der Schreibstil wechselt zwischen Dritter Person und Ich-Erzähler mitunter abrupt, was etwas irritiert. Zudem sind einige Wiederholungen und Belanglosigkeiten eingebracht, etwa wenn der Autor über sein Gespräch mit einer früheren Freundin von Kickan Granell erzählt: „Wir trinken beide Wasser ohne Kohlensäure.“ Aha. Größter Wermutstropfen ist allerdings, dass dem gebundenen Buch, welches immerhin 22 Euro kostet, jegliches Bildmaterial fehlt, was gerade bei True-Crime-Büchern normalerweise dazu gehört. Hier wurde leider am falschen Ende gespart.

  • Autor: Peter Englund
  • Titel: Mord in der Sonntagsstraße
  • Originaltitel: Söndagsvägen. Berättelsen om ett mord. Aus dem Schwedischen von Maike Barth
  • Verlag: Rowohlt Berlin
  • Umfang: 336 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: April 2020
  • ISBN: 978-3-7371-0016-8
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt

 


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