Endstation-Engadin
© Kampa

Nette Unterhaltung, dünner Spannungsbogen

Bereits in „Engadiner Abgründe“ stolperte der junge Polizeianwärter Massimo Capaul durch die Handlung, was letztlich zu seiner Suspendierung führte. Wohlgemerkt, noch bevor er seinen Dienst überhaupt antreten konnte. Im zweiten Teil der durchaus kurzweiligen Serie ergeht es ihm ähnlich wie beim Debüt. Er interessiert sich für einen Mordfall, der vermutlich keiner ist und sieht Zusammenhänge, wo andere gar nicht erst hinsehen.

Der Engadin ist bekannt für seine Landschaft, seine zahlreichen Brücken und Tunnel. Einer führt die Rhätische Bahn (RhB) durch den alten Albulatunnel, während der neue Tunnel unmittelbar vor der Fertigstellung steht. Capaul nutzt seine Suspendierung, um eine Zugfahrt zu unternehmen, die jedoch vorzeitig ihr Ende findet. Ein Mineur, der am Tunnelbau beteiligt war, erlag einem schrecklichen Unfall. Er befand sich im Tunnel und wurde zwischen einem vorhergehenden Zug und der Tunnelwand aufgerieben. Ein tragischer Unfall. Fremdeinwirkung nicht erkennbar, Akte zu, Fall erledigt. Aber Capaul wäre nicht Capaul, wenn ihm der Fall nicht merkwürdig vorkäme. Der Fall ereignete sich in der Nacht, doch warum sollte ein Mineur, betrunken oder nicht, sich nachts im Tunnel aufhalten? Zudem waren ihm Sicherheitsvorkehrungen bekannt für den Fall, dass sich ein Zug näherte.

“Und was machst du beruflich?“

„Ich bin Polizist.“

„Ei, ei, ei, im Ernst?“

„Einer von der Trachtengruppe, sieh mal an. Wie viele böse Buben hast du bisher eingelocht?“

„Erst einen, ich bin aber ganz neu dabei. Davor war ich ein paar Jahre Pfleger in einem Sterbehospiz.“

„Echt? Das wird ja immer schlimmer.”

Da die Weiterfahrt unmöglich wird, macht sich Capaul zu Fuß auf den Rückweg und entdeckt im Wald einen Wohnwagen, in dem sich eine seltsam auftretende Frau befindet. Es handelt sich um die Schauspielerin Silke Simon, die von allen nur Fräulein Nietzsche genannt wird, weil sie unter anderem gerne den bekannten Philosophen zitiert. Auf eigenwillige Weise fühlt sich Capaul zu der Frau hingezogen und so kommt es zu einigen denkwürdigen Gesprächen, in denen es auch um Leben und Tod geht.

In Samedan, dem Sitz seiner Kantonspolizei, stößt Capaul auf eine Fangruppe der RhB, die extra zur Tunneleröffnung angereist ist. Es folgen Ausführungen rund um die Bahn, die vor allem Eisenbahnfans interessieren dürften. In seiner neuen Unterkunft, einem stillgelegten Beherbergungsbetrieb, wohnt neben Capaul auch Peter Moor, kurz Hotzenplotz genannt, der wiederum polizeibekannt ist. Wenig später stirbt ein weiterer Mineur. Sprang dieser freiwillig von einer Brücke? Für Capaul ein bisschen zu viel des Zufalls, zumal die beiden verunglückten Männer sich seit ihrer Kindheit kannten und mit Fräulein Nietzsche befreundet waren.

“Kannst du mir sagen, wie lang der Tunnel ist?“

„Sechs Kilometer, glaube ich. Sieh bei Wikipedia nach.“

„Das reicht mir schon. Sag, wie betrunken muss man sein, um sich auf Zugschienen schlafen zu legen? Und wenn man so betrunken ist, wie schafft man es im Stockdunkeln bis in die Mitte eines so langen Tunnels?”

Gian Maria Calonder ist ein guter Erzähler, der es geschickt zu überdecken versteht, dass der Spannungsbogen einmal mehr recht dünn ist. Lässt man die Eisenbahnfreunde außen vor, bleiben nur noch das Fräulein Nietzsche und der Hotzenplotz übrig, was den Spannungsbogen überschaubar macht. Gleichwohl muss natürlich irgendeine Art der Aufklärung der beiden Todesfälle erfolgen und hier hat sich Calonder durchaus einen netten Clou einfallen lassen. Wer ruhige, ungewöhnliche und mit lustigen Dialogen versehene Krimis mag, darf dem oft unbeholfen wirkenden Protagonisten erneut folgen. Wenngleich es an krimineller Spannung fehlt, das Buch beiseitelegen möchte man dennoch nicht.

  • Autor: Gian Maria Calonder
  • Titel: Endstation Engadin
  • Verlag: Kampa
  • Umfang: 204 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: August 2019
  • ISBN: 978-3-311-12009-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 9/15 dpt


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