The Trip – Ein mörderisches Wochenende (Film)

“The Trip – Ein mörderisches Wochenende” ist “Szenen einer Ehe” auf Norwegisch. Die Brachialversion, ohne Bergmannsches Räsonieren, dafür gradewegs mit dem Vorschlaghammer mitten ins Gemächt.


Die Ehe von Schauspielerin Lisa (vorzugsweise Darstellerin in Werbespots) und TV-Regisseur Dan liegt in Scherben. Er häuft Schulden an, sie betrügt ihn mit Diego, ihrem Partner beim Schreiben eines nie zu Ende gebrachten Drehbuchs. Ein gemeinsames Wochenende in der idyllischen Hütte von Dans Vater soll es richten und der Ehe einen letzten Schub geben: Richtung Grab. Ein Entschluss, den beide Ehepartner unabhängig voneinander gefasst haben.

Verläuft der erste Abend noch halbwegs harmonisch, von einigen Untertönen abgesehen, beharkt man sich gleich am ersten Morgen blutig und ohne Umschweife. Doch bevor es zu einem entscheidenden Schlag kommen kann, ist Dans Komplize tot, vom Dachboden purzeln drei flüchtige Strafgefangene und nehmen Lisa und Dan als Geisel. Willkommen im Chaos.

Fortan müssen sich die beiden Kombattanten zusammenraufen, damit “Bis dass der Tod Euch scheidet” nicht zur gemeinsamen Grabinschrift wird. Denn das mörderische Trio ist nicht nur von eher beschränkter Auffassungsgabe, sondern auch extrem gefährlich.

Zunächst hat das malträtierte Gespann schlechte Karten, doch dann erweist sich Dan als wehrhaftes Stehaufmännchen und auch Lisa vermag auszuteilen. Knochen werden brechen, mehr Blut wird fließen – und dies reichlich.

“The Trip – Ein mörderisches Wochenende” ist nichts für Zartbesaitete. Tommy Wirkola und seine Co-Autoren Nick Ball und John Niven (“Kill Your Friends” – Der Mann kennt sich im Metier aus) entfesseln eine Horrorgroteske, die zwar Gefangene macht, aber nicht für Lange. Hier wird mit der ganz groben Kelle ausgeteilt. Körperteile werden zerfetzt und nach einem Schuss mit der Schrotflinte fliegt man auch schon mal ein paar Meter durch den Korridor. Das entbehrt nahezu jeder Ernsthaftigkeit, ist in seiner (selbst)zerstörerischen Looney Tunes-Mentalität finster spaßig, spannend und unterhaltsam. Bis auf ein paar Brüche, die am Gesamtkonstrukt nagen. So flicht Wirkola gelegentlich Rückblenden ein, die ziemlich redundant sind, da sie erklären, was das Publikum bereits geschlussfolgert hat. Das Tempo wird so rausgenommen und die Laufzeit wird unnötig gestreckt. Die Szene in der Dans Vater wehrhaft aus seiner Seniorenresidenz flieht, ist allerdings wohlgeraten und sehr amüsant.

Unangenehmer ist allerdings, dass der Film nach einem Drittel kurzzeitig zum hässlichen Psychothriller mutiert und eine beabsichtigte Vergewaltigung viel zu lange ausspielt. Die mit einer Pointe startet, die völlig abstrus ist und später auch relativiert wird. Kleiner Spoiler: Wollen die uns wirklich weismachen, im Gefängnis gäbe es keine sexuellen Interaktionen zwischen den Insassen? Hanebüchen und überflüssig.

Denn eigentlich punktet das gebeutelte kriminelle Trio mit einer Bösartigkeit á la Three Stooges, die Michael Haneke-Begleittöne sind überflüssig. Vermutlich ist das ein weiterer filmischer Verweis, von denen “The Trip – Ein mörderisches Wochenende” nur so wimmelt. Ganz vorne natürlich das Schaffen der Coen-Brüder, speziell “Fargo”. Doch damit ist lange nicht Schluss. Neben den Comic-Anspielungen finden sich recht deutlich Parodien auf Philip Noyces “Todesstille”, Peter Jacksons “Brain Dead” und eine kleine Hommage an “Piranha 3D” in Wirkolas Film ein. Doch es gibt weit mehr zu entschlüsseln.

Die Darstellerriege überzeugt komplett. Jeder Beteiligte darf seinem ganz speziellen Affen satt Zucker geben. Besonders gut gelingt dies dem tumbem Roy, dem freundlichen Möchtegern-Nazi mit einem Hass auf blondierte Frauen (warum nur?) und Hauptdarstellerin Noomi Rapace, die frisch erblondet(!) das Prollige zum Kunstwerk stilisiert. Dabei glänzend mit ihrem Partner in Crime Aksel Hennig harmoniert. In der deutschen Synchronisation lässt Sandra Schwittau ihren inneren Bart Simpson von der Leine. Normalerweise fällt es nicht stark auf, dass Rapaces Synchronstimme auch den Bartman spricht, diesmal ist es hingegen ohrenfällig. Doch irgendwie passt das zum Film.

Tommy Wirkola geht wieder ruppiger zu Werke als in seinen Hollywood-Arbeiten (die in puncto Gewaltdarstellungen auch nicht gerade Zurückhaltung üben) und erreicht (qualitativ nicht quantitativ) einen Blutausstoß wie in seinen beiden “Dead Snow”-Teilen. Gefällt über weite Strecken, sowohl was Spannung wie wüste Komik betrifft, besitzt aber die oben erwähnten, vermeidbaren Wermutstropfen. Etwas Straffung hätte “The Trip – Ein mörderisches Wochenende” per se nicht geschadete.

Der versöhnliche Schlussakt kommt zwar nicht überraschend, überzeugt aber in seiner unverhohlenen Fröhlichkeit, die die Fähigkeit zur mörderischen Problembewältigung abfeiert. Das Medium ist die Message. Ein drastischer Gute-Laune-Bär (zum bösen Spiel) von Film.

Cover und Szenenfotos: © Camera Obscura Filmdistribution

  • Titel: The Trip – Ein mörderisches Wochenende
  • Originaltitel: I Onder Dage
  • Produktionsland und -jahr: Norwegen 2021
  • Genre: Groteske, Psychodrama, Horror, Komödie
  • Erschienen: 28.10.2021
  • Label: Leonine Filmdistribution
  • Spielzeit:
    109 Minuten auf 1 DVD
    113 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Noomi Rapace
    Aksel Hennig
    André Eriksen
    Christian Rubeck
    Atle Antonsen
    Nils Ole Oftebro
  • Regie: Tommy Wirkola
  • Drehbuch: Tommy Wirkola
    Nick Ball
    John Niven
  • Kamera: Matthew Weston
  • Schnitt: Patrick Lasgaard
  • Musik: Christian Wibe
  • Extras:
    Trailershow, Behind The Scenes
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,00:1 (16:9 anamorph)
    Sprachen/Ton:
    Deutsch DD 5.1, Norwegisch DD 5.1
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,00:1 (1080p/24)
    Sprachen/Ton:
    Deutsch DTS-HD MA 5.1, Norwegisch DTS-HD MA 5.1
    Untertitel:
    D
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeit


Wertung: 10/15 dpt


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