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Mark Benecke – Viral. Blutrausch

Bevor ich eine Rezension schreibe, lasse ich immer ein paar Tage verstreichen – um mich zu sammeln, meine Gedanken zu ordnen und mich zu fragen, welchen Eindruck  das Buch in mir hinterlassen hat.

Normalerweise kommen mir dann ganz gute Gedanken, um meine Rezensionen zu beginnen, und mir fallen im Nachhinein Dinge auf, die ich fast übersehen hätte. 

Aber dieses Mal? Nichts ist hängengeblieben.

“Viral. Blutrausch” ist ein Krimi von Mark Benecke, der 2022 durch den Beneveto-Verlag veröffentlicht wurde und den Privatdetektiv Sebastian Becker bei der Lösung eines medial und politisch aufgeladenen Falls begleitet.

Berlin gerät durch eine Mordserie in Aufruhr: Das Besondere an diesem Fall? Zwei schöne junge Frauen wurden bis auf den letzten Tropfen ausgeblutet, doch ihre Wunden sind kaum zu sehen.

Der Ex-Polizist Sebastian Becker, gefolgt von seiner Assistenz Janina Funke, werden von der Polizei als Beratung angeheuert und Becker muss sich wieder strengen Regeln und starren Hierarchien entgegenstellen, die ihn schon einmal daran gehindert haben, ein Leben zu retten.

Der Fall selbst bestimmt bald die Medien und die Politik: Querdenker stürzen sich gierig auf diesen sonderbaren Mord, die Medien wittern einen Titelseiten füllenden Fall und werden noch wilder, als die BDSM- und Vampirismusszene in das Visier der Ermittlungen geraten. Auch die Politik versucht sich verzweifelt aus einer Schlinge zu winden, die sie sich durch Sparmaßnahmen und Druck auf die Beamten selbst geknüpft hat.

In diesem Durcheinander verliert die tatsächliche Lösung des Falls und das Leid der betroffenen Familien an Bedeutung.

So gewinnt auch der Titel des Krimis im Verlauf des Buches immer mehr Bedeutung, denn nicht nur ist das Interesse an diesem Fall für so viele unterschiedlichen Gruppen ansteckend – vielmehr scheinen die Leute in einen Blutrausch zu verfallen, indem es um die eigenen Interessen geht und die Wahrheit keine Rolle mehr spielt.

Währenddessen müssen Becker und die Polizistin Brinkmeier mit ihren eigenen inneren Dämonen kämpfen, während für beide durch den Fall vieles auf dem Spiel steht.

Dieser Krimi ist ein Mix auf Medienkritik, Politikanalyse, forensischen Insiderwissen und die eine oder andere Selbstreflexion.

Der Cast selbst ist dabei bunt gemischt: Wir haben den traumatisierten Detektiv, der dringend Therapie benötigt, weil er eine schrecklich dunkle Vergangenheit hat, sowie seinen Sidekick, die genauso kompetent ist, aber eben nicht die gleichen Chancen bekommt (und natürlich gab es eine Szene, in der sie heißer als sonst aussah, um eine Undercover-Mission zu erledigen). Demgegenüber steht die pflichtbewusste und regelkonforme Hauptkommissarin, die dennoch versucht unserem Helden so viel Freiheit wie Möglich zu verschaffen, während sie von dem Polizisten-Wunderkind unterstützt wird (die natürlich ebenfalls eine tragische Geschichte hat, welche sie zu noch mehr Perfektionismus antreibt).

Also insgesamt der typische Krimicast.

Die Handlung selbst war interessant und blieb durchgehend auf die Lösung des Falles konzentriert – Dinge, die die Figuren persönlich betrafen, wurden nur nebenbei angeschnitten, wobei sich solche persönlichen Momente doch nachhaltig auf die Figuren ausgewirkt haben.

Wendepunkte waren überraschend, aber sie wirkten nie wie aus dem Nichts herausgegriffen, weswegen ich das Gefühl hatte, miträtseln zu können und genug Infos zu erhalten, um selbst auf den Täter kommen zu können.

Insgesamt handelt es sich bei “Viral.Blutrausch” um ein Bilderbuchkrimi, an dem sich gerade unerfahrene Autoren wunderbar orientieren können.

Was ist dann mein Problem?

Das Buch war zu ordentlich.

Diesen Krimi war für mich so, als würde ich eine Folge aus einem Fernsehkrimi sehen: Die Folge war durchaus interessant und unterhaltsam, aber ich könnte sie nicht von anderen Folgen oder sogar anderen Serien unterscheiden, da die Figuren, die Opfer und die Fälle ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr einzigartig oder besonders sind.

Denn grundlegend folgen Krimis doch alle dem gleichen Rezept:

Opfer (junge, schöne Frau) + Detektiv (psychisch durch und tragische Geschichte) + blutiger, ausgefallener Mordfall (Pluspunkte, wenn der Mörder irgendwie ausgefallen ist)  = Krimi

Und das ist vollkommen in Ordnung so – jedes Genre hat ein Grundgerüst, dass es auszeichnet und diese Grundstruktur erlaubt es Krimis zu einem Genre zu machen, in dem man sich immer schnell und leicht zurechtfinden kann, wenn man unterhalten werden will.

Aber weil “Viral. Blutrausch” all die Marker, die einen Krimi ausmachen so gut getroffen hat, ohne beispielsweise Elemente aus anderen Genres zu entnehmen oder die Figuren aus dem gewohnten Schema ausbrechen zu lassen, ist es für mich ein Buch von vielen, ohne für mich herauszustechen. Denn obwohl die politische und mediale Ebene interessant waren und auch mit dem Fall zu tun hatten, waren sie doch nicht so wichtig und tragend für die Geschichte, dass das Buch nicht ohne sie ausgekommen wäre.

Trotzdem möchte ich “Viral. Blutrausch” an alle weiterempfehlen, die Krimis lieben, denn es ist ein ordentlich geschriebenes Buch mit einem interessanten Fall, der auch die Frage stellt, welche Bedeutung die Suche nach der Wahrheit tatsächlich hat. Nur alle, die wie ich mit der klassischen Krimi-Formel nichts anfangen können, oder mehr Abwechslung in diesem Genre suchen, sollten von diesem Buch die Finger lassen.

  • Autor: Mark Benecke
  • Titel: Viral. Blutrausch
  • Verlag: Benevento
  • Erschienen: 2022
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 233
  • ISBN: 978-3-7109-0140-9
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten


    Wertung: 5/15 dpt


1 Kommentar
  1. Spätestens bei “Opfer = schöne junge Frauen, die noch im Tod wunderschön aussehen” hätte ich das Buch zur Seite gelegt.
    Respekt, dass du es trotzdem bis zum Ende durchgehalten hast und es noch geschafft hast, eine Rezension zu schreiben 😀

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