Anselm Weyer – Die Insel der Seligen (Buch)

Die Insel der Seligen
© Greven

„True Crime“ nach dem Ersten Weltkrieg in Köln

Es beginnt in der Nacht des 20. Oktober 1918, in der ein Schutzmann und ein Musketier zwei Männer, Rudolf Hombach und Hermann Mertens, kontrollieren, die ein Schaf gestohlen und ausgeweidet haben. Es kommt zu einer Schießerei, bei der der Schutzmann von Hombach getötet wird, die Täter entkommen. Nur drei Tage später kommt es zur Verhaftung der Täter, die folglich auf ihre Verurteilung warten. Doch es kommt anders, denn der Matrosenaufstand in Kiel schwappt nach Köln über. Politische Gefangene werden befreit, die Polizei versucht zu deeskalieren, im großen Durcheinander gelingt Hombach und Mertens die Flucht. Erst 1925 wird der Polizistenmörder Hombach erneut geschnappt und zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.

Es endet mit der deutschen Boxlegende Max Schmeling, der sich zu Beginn seiner Karriere auch als Geschäftsmann versucht. Eine Eismaschine soll Geld einbringen, doch sein verschuldeter Manager verkauft das Gerät in Schmelings Abwesenheit. Ein klarer Fall von Veruntreuung und man sieht, es geht in „Die Insel der Seligen“ nicht nur um Mord und Totschlag. 

Verbrechen eingebettet in ihre Zeit

In „Köln kriminell“ stellte Bernd Imgrund fünfzehn Verbrechen vor, die nach 1945 bis Ende des 20. Jahrhunderts geschahen. Anselm Weyer stellt nun in seinem Werk weitere dreiundzwanzig Verbrechen vor, die in den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges geschahen. Dabei darf man nicht alles auf die Goldwaage legen, denn zwei Verbrechen geschahen nicht direkt in Köln und bei den Beiträgen über Max Schmeling und Joseph Goebbels standen wohl eher die Namen im Vordergrund. Goebbels begann am 1. Januar 1923 seine berufliche Laufbahn als Buchhalter bei der Dresdner Bank in Köln, ein Job, den der Germanist nur dem Einfluss seiner damaligen Freundin Else Janke zu verdanken hatte, deren Mutter übrigens Jüdin war.

Die geschilderten Fälle sind höchst unterschiedlich und werden, genau dies macht das Buch sehr lesenswert, in die Umstände der damaligen Zeit und ihrer historischen Hintergründe eingeordnet. So werden nicht nur alte Verbrechen beschrieben und die teils dubiosen Strafmaße vorgestellt, sondern auch die Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg mit Schwerpunkt auf Köln und dem Rheinland. So kam es beispielsweise am 6. Juli 1922 zu einer Schlägerei im Kölner Rathaussaal, der vom Fraktionsführer der Kommunisten angezettelt wurde. Ausgang war die Ermordung des Außenministers Walther Rathenau am 24. Juni 1922. In der fraglichen Ratssitzung wurde heiß diskutiert, ob man die Erinnerungen an die Hohenzollern nicht endgültig aus dem Stadtbild tilgen solle. In der Folge wurde im September 1923 der Königsplatz in Rathenauplatz umbenannt; über die Hohenzollernbrücke hingegen erreicht man bis heute den Kölner Hauptbahnhof.

48 Millionen Mark verdiente im Herbst 1923 ein städtischer Arbeiter mit Frau und zwei Kindern. Und das in einer einzigen Woche. Kaufen konnte er sich davon aber kaum etwas. Ein Brot kostete allein schon zehn Millionen, ein Kilo Kartoffeln fünf Millionen Mark.

Die Auswirkungen des Krieges waren hart. Hungersnot und Versailler Vertrag, Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit sorgten mitunter dafür, dass manche der Versuchung auf das schnelle Geld erlagen. Bei einem Raubüberfall im März 1923 erbeuteten drei Täter eine Beute im Wert von zwanzig Millionen Mark. Allerdings betraten sie die Wohnung – dank dem Dienstmädchen des Opfers – mit einem nachgemachten Schlüssel, so dass die Aufklärung des Falls vermeintlich einfach war.

Immer wieder spielen die Besatzungsmächte, Engländer wie Franzosen, eine wichtige Rolle. Widerstände der deutschen Bevölkerung gegen deren Entscheidungen waren oft vorprogrammiert, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer war nicht um seinen Job zu beneiden. Gleiches galt für Reiner Haehling von Lanzenauer, Präsident des Landesfinanzamtes mit Sitz in Köln, der von den Franzosen verhaftet und ausgewiesen wurde, da er sich weigerte, die Forderungen der Rheinlandkommission zu erfüllen. Auch der sogenannte Ruhrkampf wird beleuchtet oder der Traum einiger Separatisten von einer Rheinischen Republik. Ein Anschlag auf den Separatisten Joseph Smeets im Jahr 1923 wird erst zehn Jahre später zufällig aufgeklärt, da sich der Täter aufgrund eines Amnestiegesetzes stellt. Der Attentäter Hannes Miebach stirbt wenig später bei einem Flugzeugabsturz und wird auf seiner Beerdigung von Herrmann Ehrhardt (Gründer der „Organisation Consul“, auch als „Schwarze Reichswehr“ bekannt) als der „vielleicht erste Nationalsozialist in Köln“ gewürdigt.

Fazit: Eine kurzweilige, kriminell wie historisch spannende Geschichtsstunde.

  • Autor: Anselm Weyer
  • Titel: Die Insel der Seligen
  • Verlag: Greven
  • Umfang: 174 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Mai 2022
  • ISBN: 978-3-7743-0949-4
  • Produktseite


Wertung: 11/15 dpt

 


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