Erik Svetoft – SPA (Graphic Novel)

Skurrile Horrorgroteske

(c) Luftschacht Verlag

Bereits das Cover lässt keinen Zweifel aufkommen: Diese Geschichte wird skurril. Auf 328 durchgängig schwarz-weiß illustrierten Seiten entfaltet der bildende Künstler Erik Svetoft eine Horrorgroteske mit hohem Sogpotential.

Die Handlung ist minimalistisch, die Textpassagen sind es ebenfalls. Svetoft setzt ganz auf die hypnotische Kraft seiner Bilder.

Schauplatz der im April 2022 im Luftschacht Verlag erschienenen Graphic Novel ist ein Spa-Hotel. Hier möchte ein frisch vermähltes Paar einen Erholungsurlaub verbringen, um seinem Alltag zu entfliehen. Doch hinter der luxuriösen Fassade verbergen sich mysteriöse Kräfte, die das Hotel allmählich ins Chaos versinken lassen. So ähnlich verrät es der Klappentext, der zugleich auch der längste zusammenhängende Text des Buches ist.

Die eigentlichen Geschichten, aus denen die Graphic Novel zusammengesetzt ist, werden ausschließlich durch Bildkraft erzählt. Svetoft entfaltet dabei eine besondere Magie. Seine Zeichnungen wirken zunächst eher schlicht und oberflächig. Es bereitet anfangs Mühe, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten, so stereotyp sind sie dargestellt. Doch schon bald wird die Systematik dahinter klar: Die Konformität der seelenlosen Luxusgesellschaft wird entlarvt. Dass Hässliche hinter der Fassade wird sichtbar. Svetoft öffnet einer alptraumartigen Parallelwelt die Türen. Unheimliche Monster- und Zombiewesen erobern unaufhaltsam den Schauplatz des Geschehens.

Alle Versuche sich dieser Transformation entgegenzustellen sind ebenso sinnlos wie halbherzig. Überhaupt scheint kaum jemand in diesem Buch echte Emotionen aufzubringen. Jede Gefühlsäußerung, etwa wenn die Assistentin des Hoteldirektors davon spricht diesen heimlich zu lieben oder wenn ein Hotelgast bedroht wird und eigentlich Todesangst empfinden müsste, wirkt geradezu unbeteiligt und kraftlos. Mindestens so erschreckend wie die Horrorszenarien ist die Passivität, mit der sich die Figuren in ihr Schicksal fügen. Der eigentliche Horror, das zeichnet Svetoft überdeutlich, liegt darin mit welcher Leichtigkeit das Grauen vorrückt. Wehrlos verharren Svetofts Figuren in ihrer bequemen Ignoranz.

Ein Bild mit symptomatischer Symbolik markiert die Mitte der Graphic Novel:

Eine Gruppe junger Männer hat sich am Rand des Hallenschwimmbeckens versammelt. In legerer Zwanglosigkeit liegen und stehen sie mit dem Rücken zum Betrachter und schauen alle in Richtung eines gespenstisch über dem Wasser schwebenden Kopfes, der wie eine Sonne zu leuchten scheint. Blicken auf den ersten Seiten noch alle dargestellten Figuren unbeteiligt aus den Bildern heraus in Richtung ihrer Betrachter:innen hat sich nun die Dynamik verändert. Das Wegsehen hat sich in ein aktives Übersehen verwandelt. Ähnlich wie in Frischs „Biedermeier und die Brandstifter“ wird die wachsende Bedrohung sukzessive ins eigene Weltbild integriert und dadurch legitimiert.

Hier schließt sich auch der Kreis der Handlung: Das Gästepaar, das sich im Spa eingebucht hatte, um den bildgewordenen Gespenstern des eigenen Alltags zu entfliehen, mutiert selbst zu dem, vor dem es eigentlich fliehen wollte.

Es liegt eine zeitlose Aktualität in den Bilderbotschaften Svetofts, der gekonnt mit berühmten Vorbildern jongliert und humorvoll Anleihen z.B. bei Caspar David Friedrich und Hieronimus Bosch nimmt.

„Spa“ unterhält mit großer Detailfreude und Bildern von enormer Symbolkraft. Ein Gesamtkunstwerk, das garantiert mehrmals gelesen und betrachtet werden kann.

  • Autor:  Erik Svetoft
  • Titel: SPA
  • Übersetzer:  Andreas Donat
  • Verlag: Luftschacht Verlag
  • Erschienen:  April 2022
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 328 Seiten
  • ISBN: 978-3903422063


Wertung: 13/15 dpt


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