Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist (Buch)


Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist (Buch)

Kultverdächtiges Außenseiterporträt

Cover: Es ist so einsam im Sattel (c) Aufbau

Für Alex, Anfang 20,  ist das Leben eine Abfolge aneinandergereihter Gelegenheiten. Er ist Gelegenheitsstudent, Gelegenheitsarbeiter und  gelegentlich Dichter. Özdogan porträtiert in seinem Roman einen Menschen, der in sich selbst gefangen ist. Der seine Ziellosigkeit als Anspruchslosigkeit tarnt, obwohl er sich insgeheim doch mehr vom Leben erhofft.

Die Liebe erscheint ihm der Ausweg zu sein, ein Weg zum Glück. Als er Esther trifft und sich verliebt, setzt er alles daran sie für sich zu gewinnen. Sie werden ein Paar. Für Alex wird die Beziehung zum Sinn gebenden Element, ein Zustand, den es ab sofort festzuhalten gilt.

Özdogan lässt seinen Ich-Erzähler durch den handlungsarmen Plot schlingern wie einen Kompasslosen. Alex ist unreif, ein großgewordenes Kind, der nur sein eigenes Befinden im Blick hat. Sobald ihn die Schwere des Lebens bedrängt, flieht er in den Alkohol. Er ist eine tragische Figur, die an sich selbst scheitert. Ein in sich Gefangener, der Veränderungen meidet und darum auf der Stelle tritt.

Dass er Gedichte schreibt, blitzt kurz als Hoffnungsschimmer auf. Doch obwohl er seine Texte selbst als gut erkennt und ihm sein Schreiben viel bedeutet, kann er aus seinem Talent keine Chance zur Veränderung generieren.

„Ich schreibe nur Gedichte, weil ich nicht das Geld habe, die ganze Zeit besoffen zu sein.“ (Seite 70), lässt Özdogan Alex sagen – Selbstironie als Mittel, um sich selbst nicht ernst nehmen zu müssen. Und irgendwie ist auch dieses Gedichteschreiben symptomatisch, da Alex, das erfahren wir ebenfalls, seit zwei Jahren schon nicht mehr geschrieben hat. Die Gedichte selbst, Zustandsberichte einer vergangenen Einsamkeit, entfalten ihre Bedeutung nur noch im Rückblick. Das Schreiben ist für Alex nicht mehr als ein inzwischen versandeter Fluchtweg, ohne glaubhafte Zukunft.

Ein wenig erscheint Alex wie der ältere Cousin von Holden Caulfield, dessen Scheitern ebenfalls in der Weigerung liegt, den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Die Sprache, die Özdogan seinem Ich-Erzähler in den Mund legt, ist brutal und direkt. Ein Hauch von Bukowski liegt in der einen und anderen Szene. Alex gibt sich als Macho, der auch mal zu Handgreiflichkeiten neigt, sich selbst jedoch ebenfalls nicht schont, als müsse er sich seiner Körperlichkeit versichern und diese zugleich betäuben. Alkohol und Sex sind seine Drogen, Lebensverstärker und Fluchtmittel in einem.

Wer eine Story erwartet, in dem die Hauptfigur einen Prozess durchläuft und dadurch eine Wandlung erfährt, muss zwangsläufig enttäuscht sein. Denn Özdogans Roman ist ein Zustandsbericht. Alex steht am Ende nicht anders da als zu Beginn. Der Titel „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“ könnte treffender überhaupt nicht sein. Bewegungslosigkeit, Vergeblichkeit und Melancholie sind die Grundstoffe, aus denen dieser Roman gemacht ist.

Ein Buch mit Anwartschaft auf Kultstatus.

  • Autor:  Selim Özdogan
  • Titel: Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist
  • Verlag:  Aufbau Verlag
  • Erschienen:  April 1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 163 Seiten
  • ISBN:  978-3746611570


Wertung: 13/15 dpt


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