Schwarzer Hintergrund. In weißer Blockschrift: "Die schwule Seele" und "Peter Fässlacher".
© Luftschacht

Peter Fässlacher – Die Schwule Seele

Die Frage, was denn eigentlich eine Identität ist, umgibt uns ständig.

Manche Menschen werden aufgrund ihrer Identität gefördert, während andere ausgegrenzt werden. Manche Identitätsaspekte werden glorifiziert, während wegen anderen, Menschen sogar in Umerziehungslager geschickt werden. So wurden schon immer heteronormative und heterosexuelle Menschen gefördert (gerade, wenn man den gängigen Männlichkeits- und Weiblichkeitsidealen entsprochen hat), während es noch nicht lange her ist, dass man Jungs und junge Männer wegen ihrer Homosexualität in Therapie gesteckt hat.
Identität ist deswegen politisch und kann mit vielen Schmerzen und Trauma einhergehen – gerade weil man sich Identität kaum selbst aussuchen kann.

Diese Erfahrungen können sogar gruppenübergreifend sein, weswegen Peter Fässlacher “Die Schwule Seele” geschrieben hat.

“Die Schwule Seele” von Peter Fässlacher wurde 2022 durch den Luftschachtverlag veröffentlicht und thematisiert wie Homosexualität schwule Männer in unserer heternormativen Welt formt und welche Narben diese Männer tragen müssen.

Fässlacher beschreibt in kurzen (und mit vielen Grafiken und Doodels veranschaulichten) Kapiteln den Umgang als schwuler Mann mit der eigenen Identität, dem eigenen Umfeld, das Coming-Out und wie widerstandsfähig die eigene Identität tatsächlich ist.

Er vermischt dabei psychoanalytische Ansätze, seine eigenen Reflexionen und die Erfahrungen seiner Gesprächspartner, die er durch seinen Podcast “Reden ist Gold” kennenlernen durfte. Dabei betont er, dass es sich bei “Die schwule Seele” nicht um ein allgemeingültiges Sachbuch handelt, das die einzig gültige schwule Erfahrung in Worte gefasst hat, sondern es sich um die Verarbeitung seines eigenen Wissens und seiner Erfahrungen.

Trotzdem konnte ich mich in Fässlachers Buch wiederfinden – nicht etwa weil ich homoromantisch bin, sondern weil die schwule Seele dadurch geformt wird die eigene Sexualität und die daraus resultierende Identität verbergen und verstecken zu müssen.

Als schwuler Mann ist das Erste was man lernt, wie andere Menschen über Homosexualität reden: Schwule Männer sind entmännlicht, verweichlicht und insgesamt eine Schande. Um wegen der eigenen Homosexualität nicht ausgegrenzt, Gewalt ausgesetzt oder von der eigenen Familie verstoßen zu werden, muss man eine komplizierte und anstrengende Fassade aufbauen und erhalten. Das kann sogar so weit gehen, dass man doch heterosexuelle Beziehungen eingeht, um sich vor den Anfeindungen und Vorurteilen der Gesellschaft zu schützen.

Aber auch wenn man sich dafür entscheidet die eigene schwule Identität auszuleben, heißt es noch lange nicht, dass man als schwuler Mann frei leben kann: So setzen sich viele Männer innerhalb der Community aus Kompensationszwang und Minderwertigkeitsgefühlen unter Druck – das passiert selbst in Liebesbeziehungen und beginnt mit der eigenen Selbstdarstellung.

Die schwule Seele wird dadurch bestimmt niemals genug zu sein und ständig mehr geben zu müssen, um wenigstens etwas selbstwert zu empfinden. Jeder der in einem toxischen Haushalt aufgewachsen oder mal einen narzisstischen Partner hat sollte sich ohne Mühe in die von Fässlacher beschriebenen Gefühle hinein empfinden können.

“Die schwule Seele” ist ein Mix aus psychoanalytischer Reflexion und dem offenen Umgang mit den eigenen Erfahrungen, ohne nach Mitleid zu wollen. Fässlacher formuliert dabei sensibel wie es sich anfühlt, mit Scham und einem Minderwertigkeitsgefühlen auszuwachen, weil die Norm noch immer heteronormativ und homo-abwertend ist.

Dabei spielt es keine Rolle, dass es sich bei dem Buch nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, denn Fässlacher artikuliert hervorragend eine Perspektive die Betroffenen von Diskrimierung und Ausgrenzung schwer fallen kann zu formulieren.

Deswegen ist “Die schwule Seele” ein Buch, dass ich an alle empfehle, die einen intimen und reflektierten Einblick in die schwule Lebensrealität erhalten wollen oder an diejenigen, denen noch das Vokabular fehlt die eigenen Erfahrungen und Schmerzen zu artikulieren.

  • Autor: Peter Fässlacher
  • Titel: Die Schwule Seele
  • Verlag: Luftschacht
  • Erschienen: 2022
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 204
  • ISBN: 978-3-903422-02-5
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite
  • Erwerbsmöglichkeiten


    Wertung: 12/15 dpt


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