Katharina Finke – Loslassen (Buch)

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Katharina Finke - Loslassen - Cover © Malik/PiperImmer mehr Menschen in der westlichen Welt machen sich Gedanken über einen nachhaltigen Lebensstil. Das betrifft immer neue Lebensbereiche, da bei der Beschäftigung mit Themen wie Massentierhaltung, Gentechnologie, menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, Frauengleichberechtigung, Umweltverschmutzung und dem oft bemühten Ökologischem Fußabdruck ständig neue Wege gegangen werden müssen, um nachhaltig gute Entscheidungen treffen zu können.

Die Autorin und Ihre Arbeit

Katharina Finke hat sich diesen Fragen auf eine ganz eigene Art und Weise genähert und ein Buch über ihr Leben aus dem Koffer mit bewusstem Verzicht auf viel Besitz geschrieben. Konsumkritik und Nachhaltigkeit sind für die Journalistin, die nun schon seit fünf Jahren aus dem Koffer und ohne festen Wohnsitz auf der ganzen Welt lebt und arbeitet, wichtige Themen. Auf ihren Reisen hat sie erkannt, wie wichtig es ist, loslassen zu können – Besitz, Meinungen und auch Menschen. Die Autorin arbeitet als freie Korrespondentin u.a. für den Freitag, die Zeit, SPIEGEL, ARD und ZDF. 2015 veröffentlichte die gebürtige Frankfurterin ihr Buch „Mit dem Herzen einer Tigerin“ über dessen intensive Recherchearbeit im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen sie auch in ihrem jetzigen Werk berichtet.

Sicherheit oder Freiheit?

In einer reichen demokratischen Gesellschaft aufzuwachsen und all deren Privilegien genießen zu können, ist ein großes Privileg. Nichts desto Trotz sorgt die schiere Vielfalt der Möglichkeiten und der zur Verfügung stehenden Produkte und Luxusgüter nicht automatisch für mehr Glück in unser aller Leben. Natürlich vermittelt ein gut gefülltes Bankkonto Sicherheit, und wenn die Berufsunfähigkeitsversicherung, der Rechtsschutz, die Haftpflicht und die Vollkakso bezahlt sind, kann doch eigentlich nicht mehr viel passieren, aber an anderer Stelle büßt so manch einer individuelle Freiheit ein. Im Spannungsfeld zwischen Themen wie diesen lädt die Autorin die Leser ein, sie auf einigen Ihrer Reisen zu begleiten. Die moderne Nomadin begreift fernab der Heimat, dass sie eigentlich keinen festen Wohnsitz mehr benötigt und dass das, was sie dort angehäuft hat an Möbeln, Kleidern und Erinnerungsstücken, zum größten Teil Ballast für die Art von Leben bedeutet, das sie sich ausgesucht hat. In einer (meiner Meinung nach) mutigen Entscheidung löst die ehemalige „Shoppingqueen“ ihren gesamten Hausstand auf und durchlebt dabei ein Wechselbad der Gefühle, an dessen Ende ihre gesamte Habe in zwei Rucksäcke passt.

Gesellschaftskritik oder Autobiografie?

Wenn man ein Buch wie dieses kauft, schlägt vermutlich jeder Käufer mit etwas anderen Erwartungen die erste Seite auf. Der eine erwartet abenteuerliche Reiseberichte, der andere praktische Anleitungen zu einem nachhaltigeren Lebensstil und der dritte Autobiographisches über den Werdegang einer interessanten weitgereisten Journalistin. Ich für meinen Teil habe ein gesellschaftskritisch-philosophisches Buch erwartet und bin in dieser Hinsicht nicht enttäuscht, jedoch in anderer überrascht worden.

Ausgehend von der oben erwähnten Haushaltsauflösung beschreibt Katharina Finke Etappen ihres Lebens an verschiedensten Orten der Welt. Das beginnt mit der Arbeit als Betreuerin eines autistischen Mädchens in England und hört bei Recherchereisen durch den indischen Subkontinent für ihr Buch zum Thema Gewalt gegen Frauen noch nicht auf. Zwischendrin gibt es zahlreiche Stationen, die eine bestimmte Wirkung auf die Autorin hatten, mit der diese sich ganz genau auseinandersetzt. Längere Aufenthalte in New York, Lissabon und China seien hier nur als Beispiel genannt. Von all ihren Reisen hat sie sehr viel mitgebracht, aber fast nichts Materielles. An einigen Ihrer Gedanken lässt die Wahl-Minimalistin den Leser teilhaben und diese Reise könnte kaum interessanter sein. Neben den sehr reflektierten und vielfältigen Gedankengängen sind es auch die Schilderungen ihrer Reisen, die das Buch zu einem echten Pageturner machen. Einzig und allein das Konkrete für den, der sich selbst verändern möchte, muss gesucht, herausgeschrieben und natürlich im Alleingang umgesetzt werden, das ist aber eine bewusste Entscheidung der Autorin, die nicht „missionieren, sondern informieren“ möchte. Das Buch ist kein Ratgeber, sondern in erster Linie ein Reisebericht – zum einen einer Reise durch die Welt und zum anderen einer Reise zu sich selbst.

Reiseberichte, Psychologie und Philosophie

Frau Finke schildert ihre Erlebnisse derart bunt und abwechslungsreich, dass es im gesamten Buch für mich keine einzige Länge gab. Da sie in der Regel zu den einzelnen Etappen nicht nur berichtet, sondern auch sehr persönlich Stellung bezieht, fühlte ich mich als Leser herausgefordert, mir zumindest im Ansatz zu überlegen, wie ich zu diesem oder jenen Thema stehe oder wie ich mich in einer bestimmten Situation verhalten hätte. Das Spektrum der angerissenen und gründlich recherchierten Themen reicht dabei von der Lehre des Kung-Fu bis hin zu Neuroanatomie im Zusammenhang mit Autismus, der Wechselwirkung von Empathie und Besitz und, und, und … Die Autorin beispielsweise hat sich im Ashram weniger wohl gefühlt als in der Kung-Fu-Schule und hat bei dieser Gelegenheit über Selbstbeschränkung mit einem bestimmten Zweck und wiederkehrende Rituale nachgedacht. Zeitweise habe ich mich gefragt, ob nicht zwischen den Zeilen trotz aller beeindruckender Erlebnisse eine gewisse Rastlosigkeit zu erkennen ist, die immer nach etwas Neuem streben und einen nie zur Ruhe kommen lässt. Wenige Seiten später offenbart die gelernte Journalistin ganz ähnliche Zweifel und sehr persönliche Gedanken.

Sowieso äußert die Schriftstellerin immer wieder auch sehr selbstkritische Gedanken zu ihrem Lebensstil und denkt nach über Konsumverhalten, Nachhaltigkeit und was man tatsächlich zum Leben braucht. Der auf der Hand liegende Kritikpunkt, dass von ihr der einen Seite auf Besitz verzichtet und Minimalismus gelebt wird und auf der anderen Seite eine unfassbare Menge an Flugmeilen zusammenkommen, ist auch der Autorin bewusst. Bedingt durch einschneidende Ereignisse im Leben der Weltreisenden denkt diese auch darüber nach ob durch die ständige Entfernung zu ihr lieben Menschen Entwurzelung droht, ob und wie Fernbeziehungen funktionieren können wenn es doch für das ständige Reisen notwendig ist sehr bei sich zu sein, welche Privilegien wir in Westeuropa als selbstverständlich annehmen und wie wichtig trotz aller Flexibilität ein persönlicher Rückzugsort ist.

Fazit

Ein bemerkenswertes Buch, vollgepackt mit interessanten Themen über die es Spaß macht, nachzudenken. Die kleinen und großen Herausforderungen, denen sich die Autorin bei dem Verzicht auf so vieles stellt, regen dazu an das eigene Verhalten in Frage zu stellen oder einfach nur in interessanten Eindrücken von der ganzen Welt zu schwelgen.

Cover © Malik Verlag

  • Autor: Katharina Finke
  • Titel: Loslassen – Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte
  • Verlag: Malik
  • Erschienen: 03/2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3-89029-481-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 14/15 dpt

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Über den Autor

David J. Weigel

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Zur Zeit darf ich im schönen Hannover studieren… Das ist diese unscheinbare aber irgendwie sympathische Halbmillionen-Stadt an der A7 zwischen den großen Metropolen. Besonders im Spätsommer, da kann man Glühwürmchen im Stadtpark sehen…

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Katharina Finke – Loslassen (Buch)

von David J. Weigel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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