Ralph Knobelsdorf – Ein Fremder hier zu Lande (Buch)

Der erste Serienmörder Berlins?

Ein Fremder hier zu Lande
© Lübbe

1856. Es ist der 10. März. Ein gefundenes Fressen für die Zeitungen, die sonst unter strenger polizeilicher Aufsicht stehen. Karl Ludwig Friedrich von Hinckeldey, seines Zeichens Generalpolizeidirektor in Berlin und bekannt für sein Vorgehen gegen demokratische Kräfte, wird bei einem Duell von Hans von Rochow, Offizier und Mitglied des Herrenhauses, erschossen. Ein höchst ungleicher Kampf mit Pistolen, ein verbotener noch dazu. Das Duell wurde Seiner Majestät angezeigt und von Hinckeldey vertraute sicher darauf, dass dieser rechtzeitig einschreiten würde, was nicht geschah. Ein Skandal und gleichzeitig der Beginn für Umstrukturierungen bei der Polizei und einem Machtkampf zwischen eben dieser und der Staatsanwaltschaft. Seit jeher streitet man um behördliche Befugnisse und Einfluss am Hof.

Ein gestandener Offizier duelliert sich mit einem Verwaltungsbeamten, der das eine Ende einer Pistole nicht vom anderen unterscheiden kann und darüber hinaus auch noch extrem kurzsichtig ist. Warum hat der Mann nicht einfach vorbeigeschossen? Der Ehre wäre doch in jedem Fall Genüge getan.

Der neue Polizeipräsident ist ein ausgewiesener Verwaltungsfachmann, hat jedoch von Polizeiarbeit rein gar keine Ahnung und so fällt der bisherige Chef der Kriminalpolizei Herford die sprichwörtliche Treppe hinauf und wird dessen Stellvertreter. Sehr zum Bedauern der Kommissare Ernst Vorweg und Wilhelm von der Heyden, die ihren Mentor verlieren und sich nun ausgerechnet Dr. Stieber als neuem Chef stellen müssen. Das Verhältnis zu Stieber ist alles andere als entspannt, doch zunächst fordert ein neuer Fall die Ermittler. Johanna Miltenberg, neunzehn Jahre jung, ist verschwunden. Wenig später stößt Vorweg auf die Tote im Leichenschauhaus, wo er auf zwei weitere Fälle aufmerksam gemacht wird. Ebenfalls junge Frauen, blond und stranguliert. Besonders auffällig sind bei allen Frauen sieben Schnitte an einem Schienbein, die eine Liste darzustellen scheinen, denn ein Strich ist stets länger als die anderen. Eine Reihenfolge der Opfer? Demnach wäre Miltenberg bereits das vierte Opfer und bei sieben Schnitten sind womöglich noch drei weitere Frauen in hoher Gefahr. Ein Serienmörder in Berlin?  

Polizeiarbeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts

„Ein Fremder hier zu Lande“ ist der zweite Teil der Wilhelm-von-der-Heyden-Reihe nach „Des Kummers Nacht“, der sich selbstständig lesen lässt, wobei die Kenntnis des Vorgängers hilfreich ist. Laut Buchrücken geht es um die Jagd nach einem Serienmörder, doch bis sich die Protagonisten Vorweg und Wilhelm mit diesem Fall beschäftigen, sind bereits nennenswerte zweihundert Seiten absolviert. Zunächst gilt es das Duell mit Hinckeldey und dessen Hintergründe aufzuklären, sodann dessen Auswirkungen auf die Polizei im Allgemeinen und die beiden Hauptfiguren im Besonderen. Zudem lösen Vorweg und Wilhelm zwei aktuelle Fälle quasi en passent. Dies liest sich interessant, gibt Einblicke in die damaligen Machtverhältnisse und führt zu einem Wiedersehen mit nahezu allen bekannten Nebenfiguren aus dem ersten Teil.

Ein bisschen zu viel Privatleben

Die „Vorlaufzeit“ bis zum Beginn des eigentlich angekündigten Falls, der Jagd nach dem Serienmörder, ist lang und wird nicht dadurch besser, dass Wilhelm seine Freundin Marie heiraten möchte. Ein nahezu unmögliches Unterfangen, denn die Familien müssen zustimmen und gerade die beiden Mütter sind im gegenseitig tief empfundenen Hass miteinander verbunden. Da können sich die Überlegungen, was denn nun zu tun sei, in die Längen ziehen. Gefühlte fünfzig bis hundert Seiten kommen da schnell zusammen. Dabei dürfte die nicht gerade epochale Frage, ob die Liebenden zueinander finden, eher am Rande interessieren, aber sicher nicht in diesem Umfang. Quo vadis Serienmörder?

Dennoch ist „Ein Fremder hier zu Lande“ durchaus eine Empfehlung wert. Die Arbeit der Polizei, die Hintergründe und Auswirkungen des Duells sowie – nicht zuletzt – der eigentliche Fall des gesuchten Serienmörders sind gut dargestellt. Ebenfalls zu erwähnen ist der informative Anhang, in dem zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterschieden wird. Hierbei werden auch einige historische Figuren (Hinckeldey, Stieber, Prinz Friedrich sowie der Pathologe Virchow) vorgestellt.

  • Autor: Ralph Knobelsdorf
  • Titel: Ein Fremder hier zu Lande
  • Verlag: Lübbe
  • Umfang: 511 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2022
  • ISBN: 978-3-7857-2789-8
  • Produktseite


Wertung: 11/15 dpt

 


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