„Ich versteckte mich, aber schrie, damit man mich hörte“  – Rezension des letzten Buches von Pilar Baumeister Andreo

Gedichte unter dem Schutzschirm griechischer Göttinnen und Musen. Unter dem Label der reflektierten Minerva thematisiert Pilar Baumeister Andreo ihren Arbeitsschwerpunkt Migration und Zweisprachigkeit. Die Göttin Justitia hingegen wird zur Überschrift für das Thema Blindheit, das ebenso existenziell für die Schriftstellerin ist. 

Die Autorin Pilar Baumeister Andreo wurde 1948 in Barcelona geboren und starb 2021 in Köln. Durch ihren Mann, der 2012 verstarb, ist sie nach Deutschland gekommen. Sie engagierte sich zeitlebens für die Belange der Autor*innen mit multikulturellen Wurzeln. Die beiden wichtigsten Themen ihrer Lebensarbeit, die sich durch ihr gesamtes literarisches Werk ziehen, finden in diesem Gedichtband eine Art Vollendung. 

Immer wieder wird die Frage nach der Zweisprachigkeit berührt, wie in dem Gedicht „Eine politische Liebeserklärung“ auf S. 49 f.: (…) Mein Mann hört wie hypnotisiert/die spanische Sprache,/die er nicht versteht, aber genießt./ Er ist ein Genießer des Fremden,/Unbegreiflichen, und die magische Macht/dieser Laute ohne Bedeutung/ beruhigt, bereichert, belebt seine Entdeckungslust/wie ein Naturgebilde, das keiner Worte bedarf. (…) Dasselbe gilt für das Thema Blindheit, das immer wieder auftaucht, aber niemals aufdringlich, sondern locker über den Gedichtband verteilt. So entsprach es auch der Autorin selbst, die niemals sehen konnte und die doch dazu in der Lage war, ihre Blindheit als nur eines ihrer Lebensthemen neben anderen wahrzunehmen. Klang, Stimme und körperliche Berührungen besaßen für Baumeister Andreo einen dementsprechend hohen Stellenwert. So bemerkt sie beispielsweise, dass wir heute von Goethe keine Stimmprobe haben – etwas, das Sehenden wahrscheinlich gar nicht auffällt – wie es auf S. 78 anklingt: (…) Seine Stimme, die wir, die Sterblichen/ nie zu Gehör bekommen werden,/ da es damals keine Tonträger gab,/ ist nicht verklungen, sondern/ durch die Entfernung,/ über die Jahrhunderte, verdoppelt/ durch unaufhörliche Hinzufügungen/ von Interpreten, Wissenschaftlern,/ Dichtern und Schülern./ Doch es ist nicht das Original,/ nur übersetzte Stimme. (…) 

Ein großer Wunsch von ihr war, dass ihre Gedichtsammlung, in der Minerva, Justitia und weitere Musen und Gottheiten miteinander im Gespräch sind, auf der Bühne mit wechselnden Rollen aufgeführt wird. Das wäre auch für andere Blinde eine sehr angemessene Form der Rezeption. 

Sehr bewegt hat mich das Gedicht „Gedanken eines Blinden beim Anfassen eines Kugelschreibers“ auf Seite 38f: der Schreibstift  –  für den Sehenden so wichtig wie selbstverständlich – hat für den Blinden keinen Nutzen: (…) Für die Hand gemacht/ und doch das Ergebnis nur für die Augen. / Er hat die lebenslängliche Würde/ einer Fremdsprache für mich! (…)“ Das Gedicht endet mit den Worten: Ich liebe/das lautlose Schreiben/der Sehenden. Die angenehme Aufmachung des Buches (Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen) richtet sich ebenfalls an Sehende, die sich mit dem Werk der Autorin vertraut machen wollen. 

Pilar Baumeister Andreo hat über fünfzehn Bücher geschrieben und veröffentlicht, dies aber unter schwierigen Bedingungen. Das gilt besonders für den deutschsprachigen Raum, in dem ihre Rezeption dürftig war. So musste Pilar Baumeister Andreo fast alle Romane und Erzählbände selbst herausbringen. In Spanien sei es etwas besser gewesen. Deutlich klingt dieses Problem in ihrem Gedicht „Ich als Materie“ auf Seite 42f heraus, wo sie schreibt: Für die eigene Miete selbstverständlich aufkommen,/für die eigenen Bücher mit unglaublicher/Kraft selbstverdientes Geld ausgeben/ Bezahlen…/ Eigenständig bezahlen/für einen Theaterbesuch/für mein eigenes Essen,/ für meine Urlaubsreise,/ für jede Kleinigkeit und jedes/bedeutungsvolle Unternehmen/ in meinem Leben, für mein Telefongespräch, / für Zucker, Autoreparaturen,/ für meine Beerdigungskosten im Voraus. 

Aus diesen Worten höre ich Einsamkeit und Bitterkeit heraus und so endet das Gedicht auch: Ich wünschte, jemand/ würde mich lieben,/ und ich würde jemandem/ etwas schenken! 

Pilar Baumeister Andreo macht es ihren Leser*innen nicht einfach: Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wird konkret, was körperliche Erlebnisse und Erfahrungen anbelangt, konfrontiert ihr Publikum mit Sexualität, Einsamkeit, Behinderung und Tod. Und doch ist gerade dieser letzte Gedichtband sehr gut geeignet, einen Zugang zu Baumeister Andreos Werk zu bekommen. Denn nicht alle Gedichte sind autobiografisch gefärbt, sondern die Lebensthemen sind gewissermaßen transzendiert. Die Sprache ist für Gedichte sachlich, so dass ich eher von lyrischer Prosa sprechen würde, aber auch sehr klar und gut verständlich und voll starker Emotionen. Die Autorin selbst bezeichnet ihre Texte eindeutig als Gedichte, so geht es allein aus dem Untertitel hervor. Pilar Baumeister Andreo hat in der Anordnung ihrer Texte einen ästhetischen Bogen geschlagen: Das erste Gedicht ist aus der Perspektive eines Fötus im Mutterleib geschrieben, das letzte symbolisiert am Beispiel einer fast leeren Handtasche den Antritt der letzten Reise. Dazwischen liegen die verschiedenen Lebensstationen, auf die die Gedichte in lockeren Assoziationen Bezug nehmen. 

Eine Bemerkung verdient auch die Vorrede, welche von der Autorin stammt, aber nicht von ihr unterschrieben ist. Hier erklärt sie den Zusammenhang zwischen dem Anklang an die griechisch-römische Mythologie und an das antike Theater und der Bedeutung ihrer Gedichte in der heutigen Zeit. Über sich als Autorin spricht Pilar Baumeister Andreo dabei in der dritten Person, so als setze sie sich selbst an die Stelle des Kritikers und Rezensenten, der ihr die Aufmerksamkeit geschuldet hätte, die sie in der ihr zustehenden Form nicht bekam. Die Schriftstellerin hat ihr Manuskript noch beim Verlag einreichen können und die Veröffentlichungszusage erhalten, jedoch ist das Buch erst 2022 erschienen. Der Band markiert eine bemerkenswerte Schnittstelle zwischen einer Veröffentlichung zu Lebzeiten und einer posthumen Publikation. Der Schriftsteller Sven J. Olsson hat das Nachwort geschrieben und das Erscheinen des Buches verwirklicht. Ein Nachruf der bekannten Lyrikerin Safiye Can bereichert den Band zusätzlich.

Ich wünsche dem Gedichtband zahlreiche Leser*innen, denen auf diesem Weg die Tür zu Pilar Baumeister Andreos Gesamtwerk geöffnet werden kann, und ganz besonders eine Übertragung in die Braille-Schrift, wenn dies nicht schon geschehen ist.

  • Autor: Pilar Baumeister Andreo
  • Titel: Ich versteckte mich, aber schrie, damit man mich hörte. Gedichte von Minerva und anderen Stimmen
  • Verlag: Kulturmaschinen Verlag
  • Erschienen: 04/2022
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 132
  • ISBN: 978-3-96763-197-5
  • Sonstige Informationen:
  • Erwerbsmöglichkeiten


Wertung: 12/15 dpt

 


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