Lioba Happel – Pommfritz aus der Hölle (Buch)


Pommfritz: Die Geschichte eines Monsters

Pommfritz sitzt in Einzelhaft. Man hat ihn verurteilt nachdem er seine Mutter ermordet und ein Stück von ihr gegessen hat. In der Isolation seiner Zelle schreibt er seine Geschichte nieder, in dreiundzwanzig Briefen, die er an den unbekannten Vater richtet.

Lioba Happel lässt ihren Protagonisten also selbst erzählen.

Unflätig, monströs, nah am Wahnsinn ist der Ton, in dem er so zu Wort kommt. Quasi ungefiltert lässt die Autorin ihren Ich-Erzähler auf die Leser:innen los. Aus dem anfangs wirren Szenenfetzen schält sich jedoch bald ein roter Handlungsfaden, der die Biografie des Protagonisten sichtbar werden lässt.

Eine haarsträubende Geschichte um Verwahrlosung und häusliche Gewalt, von gescheiterter Sozialhilfe, von gleichgültiger wegschauender Gesellschaft entrollt sich. Und schnell ist klar: Das Kind ist von Beginn an völlig chancenlos.

„… aber da kam es schon, das Wort ihrer Liebe: ‚Komm her!‘
… Meine Mutter wollte, dass ich zu ihr komme und ich wackelte in die Gegenrichtung
meines instinktiven Davoneilens, und zack! Rein in ihre Faust.
Na ja, ich war bald abgehärtet und machte mir gar nicht mehr so viel daraus.
Der Moment der Berührung mit ihrer Haut war ja direkt ein Muttersegen.
Ich lernte mit der Zeit, aus dem Schlag den Sekundenmoment der Berührung herauszufiltern,
und spürte so was wie Vorfreude, wenn es hieß: ‚Komm her!‘
… Es ist einer der wenigen Momente, für die es sich lohnt zu leben. Eine große Zärtlichkeit durchströmt dich tief drin
… Ehe der Schmerz kommt, hast du gebadet in Lust. Hast du gejubelt in Freude.
Ah, diese Hitze auf deiner Haut, bevor der Schlag trifft. Alles Weitere – egal. ‚Komm her!‘,
und ein paar Sekunden später knallt es in deinem Kopf.“
<span class="su-quote-cite">Seite 23/24</span>

Gewalt ist die einzige Form von körperlicher Zuwendung, die das Kind empfängt. Gewalt prägt also auch sein eigenes Verhalten.

Lioba Happel geizt nicht mit ekligen Details. Das Setting trieft und starrt vor Schmutz. Das Kind Pommfritz vegetiert in den ersten Lebensjahren an ein Tischbein gebunden im völlig verwahrlosten Einzimmerappartement der Mutter. Es spielt mit Fliegen, Blut und Dreck.

Auch im Kinderheim, in das Pommfritz schließlich eingewiesen wird, weil man ihn der Mutter wegnimmt, erfährt er keine Geborgenheit. Die Leidensgeschichte setzt sich nahtlos fort.

Liobba Happel romantisiert ihren Antihelden nicht. Er bleibt monströs und abstoßend. Er ist ein der Welt hoffnungslos Verlorener. Und doch erzeugt Happel Mitgefühl für ihn. Das Monster, das er geworden ist, ist nicht seine Schuld.

„Ich war nicht im menschlichen Zusammenhang, als ich es tat.“ <span class="su-quote-cite">Seite 73</span>

Das wahrhaft Monströse kommt von außen.

Pommfritz beschreibt nicht nur, er reflektiert auch seine Situation. Dabei versucht er sich nie aus der Verantwortung zu stehlen. Und doch benennt er die Faktoren seiner Monsterwerdung sehr präzise. Er vergleicht seine Kindheit mit dem berühmt-berüchtigten Affenkind-Experiment Harry Harlows aus den 1950-er Jahren. Der Forscher hatte Affenkinder von deren Müttern getrennt und bot ihnen wahlweise kalte Drahtgestelle mit Milchversorgung und weiche Plüschkörper zum Kuscheln an. Das Ergebnis bewies die Abhängigkeit der Affenkinder zu körperlicher Wärme ohne die es ihnen nicht möglich war zu überleben.

Pommfritz ist am Ende also vor allem eine tragische Figur, die ihre eigene Hölle in sich trägt. Ein von allen Verlassener. Weder Gott noch Mensch können ihn erlösen. Der Vater, an den er seine Worte wie an einem fernen Gottvater richtet, antwortet nicht.

Pommfritz findet keine Erlösung aus seinem Dilemma, er bleibt zwischen Schuldgefühl und Rache, Wut und Sehnsucht nach innerem Frieden und Versöhnung stecken.

Happel inszeniert die innere Zerrissenheit ihrer Figur mit wahrhaft halsbrecherischer Prosa. Ihr gelingt ein genialer Balanceakt zwischen klug kalkulierter Vulgarität und Sensibilität.

Der Roman ist nichts für Zartbesaitete. Die Symbiose aus brachialer Sprache und der Darstellung von Gewalt stößt die Leser:innen brutal aus der Komfortzone.

Und doch und gerade darum ist genau dieser Text ein herzzerreißender Appell nach Liebe. Nach dem Recht auf Liebe für jedes Kind.

Große Leseempfehlung!

  • Autorin:  Lioba Happel
  • Titel: Pommfritz aus der Hölle
  • Verlag: edition pudelundpinscher
  • Erschienen:  November 2021
  • Einband:  Paperback
  • Seiten: 136 Seiten
  • ISBN:  978-3906061252


Wertung: 14/15 dpt

  • Autorin:  Lioba Happel
  • Titel: Pommfritz aus der Hölle
  • Verlag: edition pudelundpinscher
  • Erschienen:  November 2021
  • Einband:  Paperback
  • Seiten: 136 Seiten
  • ISBN:  978-3906061252


Wertung: 14/15 dpt


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