Louise Doughty – Deckname: Bird (Buch)

Nicht nur die Geschichte einer Flucht

Der Besprechungsraum strahlt eine unheilvolle Kälte aus, weswegen er nur Alaska genannt wird. Dort tagt die Abteilung L.2.6 des Secret Service, deren Aufgabe darin besteht, korrupte Spione in den eigenen Reihen zu überführen. Als Kieron Blythe, Chef der kleinen Gruppe, eine wichtige Information weitergibt und dabei seiner Mitarbeiterin Carmella die Hand auf die Schulter legt, fängt Heather Berriman deren Blick auf und weiß, dass ihr nur Sekunden zur Flucht bleiben. Sie ist auf diesen Zeitpunkt vorbereitet, hat schon immer eine Tasche gepackt, die alles für einen unerwartet längeren Aufbruch bereithält. Am Bahnhof von Birmingham versteckt sie ein Handy in einem Zug nach London, fährt selber aber Richtung Schottland, wobei sie übersieht, dass ein weiteres Handy von ihr durch Kieron geortet werden kann.

„Sie wissen schon, dass du nicht nach London fährst, also ist das hier …“

Er hat nicht wir gesagt. Sondern sie. Das sind – möglicherweise – extrem schlechte Nachrichten.

In Carlisle verlässt sie den Zug, gerät auf ihrer Flucht an einen übergriffigen Autofahrer und reist weiter quer durch Schottland, wo es zur Gewissheit wird, dass ihr ein Auftragskiller auf den Fersen ist. Später erreicht sie ein kleines Dorf in Norwegen, wo sich ein verdächtig wirkendes Paar unter die Einheimischen mischt und Fragen stellt. Weiter geht es nach Island, doch sie kann nicht den Rest ihres Lebens auf der Flucht bleiben. Folglich muss sie dem Service etwas bieten, dass zu einer Einigung führt. Aber erst einmal müsste sie wissen, worum es überhaupt geht, wer hinter ihr her ist und wer auf welcher Seite steht?

Ungewöhnlicher Spionagethriller, der erst spät hohe Sogkraft entwickelt

Die vorgenannten Fragen stellen sich lange Zeit dem Leser dieses ungewöhnlichen Agentenromans. Heather, genannt Bird, ergreift die Flucht. Damit beginnt der Roman, doch den Grund hierfür erfährt man erst gut zweihundert Seiten später. Überhaupt bleibt vieles lange Zeit im Ungefähren. Es ist ein wenig wie in einem Horrorfilm. Geräusche suggerieren eine Gefahr, dann der Kameraschwenk ins Nichts. Die zentrale Frage bleibt, was ist hier los?

Zunächst testet der Roman die Grenzen des Thrillergenres weidlich aus und überschreitet diese mitunter für lange Zeit. Gerade die ersten zweihundert Seiten haben etliche Längen und beschäftigen sich vor allem mit Heathers bisherigem Lebensweg und der Beziehung zu ihrer einzigen Freundin Flavia und deren Tochter. Dies ist zwar irgendwie herzergreifend, aber nicht unbedingt der Grund, warum man im Buchregal zu einem Thriller greift. Beide lernten sich beim WRAC, dem Women’s Royal Army Corps, kennen. Dann wird Flavia ungewollt schwanger und muss den Dienst verlassen, Heather folgt ihr kurz darauf und arbeitet fortan in einer normalen Firma bevor sie vom Secret Service rekrutiert wird. Ihr damit einhergehender Umzug von London nach Birmingham führt zu einer finanziellen Schieflage, die sie in eine missliche Lage bringt, da Kieron von ihren nicht unerheblichen Schulden erfährt.

Auf meiner Flucht bin ich bislang so stark gewesen, habe nicht versucht, mich bei irgendwem zu melden, nicht mal bei Vikram – weil Leute immer genau so ins Netz gehen: wenn sie einknicken und sich bei einer Person aus ihrem alten Leben melden.

Von Beginn an sorgen kleine Vorkommnisse, womöglich sind es auch Anflüge von Verfolgungswahn, für ein wenig Nervenkitzel. In der zweiten Romanhälfte behält Louise Doughty zwar ihren ebenso anspruchsvollen wie ruhigen Erzählstil bei, allerdings werden zunehmend Mosaiksteine gefunden, die auf die finale Auflösung hinweisen. Sofern dies in Kreisen der Geheimdienste denn überhaupt möglich ist. Bis dahin erleben wir eine Flucht von Schottland über Norwegen nach Island, wo immer wieder Gefahren lauern und etliche Phasen, in denen Heather ausreichend Gelegenheit hat, ihr Leben zu rekapitulieren. Warum hat sie wann, welche Entscheidung getroffen? Hätten sich manche Dinge nicht anders entwickeln können, womit wir wieder bei Flavia wären, denn nach einem bitteren Streit kommt es keineswegs zur Aussprache unter den Freundinnen, sondern zu jahrelanger Funkstille.

„Deckname Bird“, im August 2025 auf Platz Neun der Krimibestenliste notiert, ist ein ungewöhnlicher Thriller, auf dessen Erzählstil, übrigens in Ich-Form geschrieben, man sich einlassen muss. Sofern man nicht frühzeitig aufgibt, weil in der ersten Hälfte Spannung nur bedingt aufkommt, wird man mit zunehmender Dauer belohnt. Eigenwillig, ja, aber gerade deswegen eine Entdeckung wert.      

  • Autorin: Louise Doughty
  • Titel: Deckname: Bird
  • Originaltitel: A Bird in Winter. Aus dem Englischen von Astrid Arz
  • Verlag: Suhrkamp
  • Umfang: 390 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2025
  • ISBN: 978-3-518-47494-5
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share