Michael Bennett – 6 Tote (Buch)

Kolonialismuskritik als informativer Thriller

Während eines Gerichtsverfahrens erhält Detective Senior Sergeant Hana Westerman eine Mail, deren angehängte Videodatei auf ein Fenster im „Palace“ verweist. Das abbruchreife Gebäude wird seit Jahren von Obdachlosen und Junkies genutzt, doch jetzt stoßen Westerman und ihr Partner Stan dort auf einen Alptraum. In einem versteckten Hohlraum finden sie die Leiche von Terence McElroy, der einst wegen fahrlässiger Tötung der eigenen Tochter zu drei Jahren Haft verurteilt wurde und nach seiner Entlassung auf der Straße lebte. Doch warum wurde er nach seiner Ermordung gefesselt und aufgehangen?

Einen Tag später stürzt der erfolgreiche Geschäftsmann Daniel Waterford aus dem zwanzigsten Stock in den Tod. Alles spricht für einen Suizid, doch Westerman und Stan finden unweit des Absprungortes ein Zeichen, welches sie ebenfalls in der Nähe des „Palace“ gefunden haben. Offensichtlich scheint ein Serienmörder die Stadt Auckland heimzusuchen. Als die beiden Ermittler auf eine alte Daguerreotypie aus den 1860er Jahren stoßen, die sechs britische Soldaten und einen aufgehängten Einheimischen zeigt, entwickelt sich ein schrecklicher Verdacht. Aber warum sollte rund acht Generationen später jemand auf einem Rachefeldzug sein?

Eine entscheidende Spur führt zum Mount Suffolk, einem heiligen Berg der Māori, wo es vor achtzehn Jahren zu einem gewalttägigen Drama kam. Die Māori wollten ihren Berg nicht hergeben und besetzten diesen kurzerhand, worauf die Polizei diesen räumen lies. In vorderster Front waren Māori-Polizisten, die gegen das eigene Volk teils mit Gewalt vorgingen. Darunter befand sich auch Hana, die plötzlich in mehr als einer Hinsicht im Mittelpunkt des Geschehens steht.  

Auftakt der Hana-Westerman-Reihe

„6 Tote“ ist der Auftakt der Hana-Westerman-Reihe, deren zweiter Teil „Tote Bucht“ bereits erschienen ist. Der Roman des preisgekrönten Regisseurs Michael Bennett (Ngāti Pikiao, Ngāti Whakaue) bietet teils packende Action vor dem Hintergrund der Kolonialisierung Neuseelands und den damit einhergehenden Folgen für die indigene Bevölkerung. Tradition und Kultur der Māori werden sehr lebendig vorgestellt, zahlreiche Begriffe in deren Sprache verwendet, weswegen ein häufigeres Blättern zum nicht ganz lückenlosen Glossar hilfreich ist.

Die Kolonialisierung Neuseelands durch Großbritannien begann 1840, wobei Auckland, der Handlungsort dieser Geschichte, zur ersten britischen Hauptstadt wurde. Gebiete wurden den Einheimischen genommen, spätere Rückgaben erfolgten nie. Windige Verträge sorgten für großen Reichtum einzelner britischer Siedler, während die indigene Bevölkerung, ihres eigenen Landes beraubt, das Nachsehen hatte. Ein Zustand, der bis heute anhält und auch auf viele andere indigenen Völker weltweit zutrifft. Wie die Māori bis heute mit dem Thema umgehen, ist einer der Schwerpunkte dieses Thrillers, der durchaus spannende Elemente hat.

Wieso „durchaus“? Nun ja, das Motiv sowie der gesuchte Serienmörder sind nach nicht einmal der Hälfte des Romans allen, will sagen, Lesern wie Ermittlern, bekannt. Danach lautet die „spannende“ Frage, ob es tatsächlich zu sechs Toten kommen wird, bei denen es sich um Nachfahren jener Soldaten handelt, die auf der alten Daguerreotypie zu sehen sind, was ebenfalls schnell herausgefunden wird, denn die Protagonistin ist nicht umsonst eine der besten Polizisten des Landes. Hana, seit sechszehn Jahren von Jaye, dem Vater ihrer siebzehnjährigen Tochter Addison, getrennt lebend, arbeitet nun unter ihm, denn Jaye ist Leiter der Mordkommission. Wo andere zwischenmenschliche Dramen auswälzen, herrscht hier – ein seltener Glücksfall – Harmonie und Einigkeit. Es gibt keinen Groll, man verhält sich professionell.

Hana ist wie erwähnt eine Māori, die sich durch die Geschehnisse vor achtzehn Jahren von ihrem Volk distanzierte respektive von diesem aus den eigenen Reihen verstoßen wurde. Jaye ist Weißer und lebt in einer neuen Beziehung, allein die offizielle Scheidung hat noch nicht stattgefunden. Tochter Addison studiert Politik und ist empört als sie von der Rolle ihrer Mutter bei der Räumung des Mount Suffolk erfährt. Es gibt sie also doch, die privaten Dramen, wobei es Michael Bennett ein bisschen übertreibt, da Addisons beste „Freundin“, was man so aber keineswegs sagen darf, die non-binäre PLUS 1 ist. Die Situation der Māori hätte als politisches und gesellschaftskritisches Element völlig ausgereicht, denn so werden nur zusätzlich Seiten gefüllt, ohne Auswirkung auf die Handlung zu haben. Fakt ist, der Auftakt der Reihe ist gelungen und weckt Interesse auf die Fortsetzung. Auckland, Neuseeland und dessen nicht unblutige Geschichte haben noch viel zu Erzählen.        

  • Autor: Michael Bennett
  • Titel: 6 Tote
  • Originaltitel: Better the Blood. Aus dem Englischen von Frank Dabrock und Martin Ruf
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 368 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2023
  • ISBN: 978-3-453-42730-3
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share