
Rhys Frake-Waterfield macht sich mit seinem Jagged Edge Productions-Studio den Umstand zunutze, dass künstlerische Werke nach einem gewissen Zeitablauf gemeinfrei werden, da ihr Copyright abläuft (in den USA entweder 95 Jahre nach der Erstveröffentlichung oder 120 Jahre nach Entstehung, je nachdem was zuerst eintritt). So wurden zuerst Pooh der Bär und später Peter Pan ins „Twisted Childhood Universe“ kurz TCU überführt. Frake-Waterfield verwandelt die Ikonen der entsprechenden Kinder- beziehungsweise Jugendbücher frankensteinmäßig in Horrorfiguren. An anderer Stelle erlitten Mickey Mouse und Popeye, der Seemann ein ähnliches Schicksal.
Die jeweiligen Filme waren zwar blutig und unappetitlich, lagen aber qualitativ zwischen mau und kläglich. Immerhin muss man dem TCU zugestehen, dass es sich von Film zu Film steigerte. Da die kleinen, schmutzigen Machwerke nicht viel kosteten und das Namedropping funktionierte, war das Franchise erfolgreich und erweiterte sich. Zunächst um vorliegendes „Bambi – The Reckoning“.
„Pinocchio“ soll folgen, bevor es mit diversen Märchengrößen weitergeht. Von Fortsetzungen ganz abgesehen. Wie heißt es am Ende von „Bambi – The Reckoning“ ganz wie bei James Bond: „Bambi will return…“ Ob das als Versprechen oder Drohung aufzufassen ist, wird sich zeigen.

Bis dahin gilt, dass „Bambi – The Reckoning“ der ansprechendste Film des TCU ist. Die Schauspielerei geht für ein derartiges Unterfangen in Ordnung, Hauptdarstellerin Roxanne McKee durfte bereits ein paar Folgen um Daenerys Targaryen auf dem Weg zur „Dragon Queen“ herumtändeln. Nicola Wright als scheinbar demente Großmutter ist Horrorfilm erprobt, der restliche Cast ist bislang unauffällig geblieben.
Die Effekte sind in Anbetracht des Budgets ebenfalls okay. Da der Film im Laufe einer einzigen Nacht spielt, geht vieles im gnädigen Dunkel unter. Dabei herrscht rege Betriebsamkeit. Blut fließt, Körperteile verabschieden sich, Intrigen werden gesponnen und eine kleine Armee unter Klopfers Ägide darf Knabberarbeit erledigen. Unweigerlich fühlt man sich an Monthy Pythons Killerkarnickel erinnert, doch freiwilliger Humor geht „Bambi – The Reckoning“ nahezu völlig ab.

Der Gruselfaktor ist ebenfalls überschaubar, Langeweile kommt angesichts der knappen Laufzeit des finsteren Filmchens und der ständigen Aktivitäten dennoch nicht auf. Eine reine Blut- und Gedärmeschau findet nicht statt, von „Terrifier“ und Konsorten ist der Film trotz einiger derber Gewaltspitzen weit entfernt.
„Bambi“ will tatsächlich etwas anderes. Erzählt wird von zerstörten (Bambi, Mutter, Frau und Kind) und dysfunktionalen Familien (der menschliche Rest). Das ist ehrenwert, angesichts des wenig ausgefeilten Drehbuchs und der platten Charakterisierung und -entwicklung des herumwuselnden Personals von wenig Erfolg gekrönt. Die Figuren sind einem herzlich egal, was der Erzeugung von Horroratmosphäre im Wege steht.
„Bambi – The Reckoning“ ist in erster Linie ein Revenge-Movie, eine Art tierischer Widergänger John Wicks. Im Mutationsmodus, denn nachdem die Gattin überfahren, das Kitz entführt wurde, trinkt Bambi aus einem Gewässer, in dem böse Menschen chemischen Unrat verklappt haben und wird so zum augenglühenden Rachegeist des Waldes.

Dass der wütende Hirsch keine Unterschiede macht, ob er Schuldige oder Unschuldige jagt, könnte dem Umstand geschuldet sein, dass der Mensch an sich schlecht ist. Wogegen aber das lautere Mutter-Kind-Oma-Trio im Zentrum des Films spricht, das nicht ganz so verkorkst ist wie der Rest der Familienbande. Die gewissenlosen, profitgierigen Jäger haben allemal verdient, was ihnen zustößt. Insofern ist man als Zuschauer auf Bambis Seite, was seine Inszenierung als unheimliche Kreatur aus den Tiefen des Waldes aber unterläuft. Bambi ist nicht böse, nur wütend.

Trotz derartiger Ungereimtheiten unterhält „Bambi – The Reckoning“ sehr brauchbar. Der Film macht nicht viel Federlesens, ist durch die holzschnittartige Zeichentrick-Sequenz zu Beginn sogar ein bisschen kunstvoll und dem nahezu gleichzeitig entstandenen und aufgeführten A24-Hochglanz-Pendant „Death Of A Unicorn“ überlegen. Zwar hat das tote Einhorn die (etwas) besseren Darsteller und die teurere Optik, die aber bei den Effekten nicht einmal großartig punkten kann. Zu dunkel sind beide Filme.
„Bambi – The Reckoning“ kommt schneller zur Sache, ist fokussierter und mit seinem emsigen Aktionismus die amüsantere Variante des tierischen Rachethemas. Ob das reicht, um sich den Film mitsamt des sich selbst schulterklopfenden Audiokommentars der Schöpfer ein zweites Mal anzuschauen, mag jeder für sich selbst entscheiden. Hier gilt wie so oft: Alles kann, nichts muss.

Man kann aber konstatieren, dass die Filme des TCU von Mal zu Mal besser werden. Bambi ist der bisherige König des Hundert-Morgen-Geisterwaldes. Wenn es so weitergeht, wird spätestens „Snow White Returns“ (in Planung, Zeitfenster offen) ein richtig guter Film.
Cover+ Bilder © Plaion Pictures
- Titel: Bambi – The Reckoning
- Originaltitel: Bambi – The Reckoning
- Produktionsland und -jahr: GB, USA / 2025
- Genre: Horror, Thriller, Revenge
- Erschienen: 10/2025
- Label: Plaion Pictures
- Spielzeit:
80 Minuten auf 1 BluRay
77 Minuten auf 1 DVD - Darsteller: Roxanne McKee,
Russell Geoffrey Banks
Tom Mulheron
Samira Mighty
Nicola Wright - Regie: Dan Allen
- Drehbuch: Rhys Warrington
- Kamera: Vince Knight
- Schnitt: Dan Allen
- Musik: Greg Birkumshaw
- Extras: Trailer, Audiokommentar, Behind The Scenes,
Interveiws mit den Darstellern - Technische Details (DVD)
- Video: 2.35:1 (16:9)
- Sprachen/Ton: Dolby Digital 5.1, Deutsch, Englisch, Italienisch
- Untertitel: Deutsch, Italienisch
- Technische Details (Blu-Ray)
- Video: 1920x1080p (2.35:1) @24 Hz
- Sprachen/Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1, Italienisch DTS-HD MA 5.1
- Untertitel: Deutsch, Italienisch
- FSK: 16
- Produktseite

Wertung: 9/15 dpt







