
Wenn über die Jahre hinweg alle Teile eines Schiffs ausgewechselt werden und keine Schraube mehr original ist – ist es noch das gleiche Schiff? Wenn sich so ziemlich jede Zelle eines menschlichen Körpers innerhalb von sieben Jahren ausgetauscht wird – ist man dann ein neuer Mensch? Wenn der Geist eines gestorbenen Kindes in einen Roboter gesteckt wird – ist es noch immer das eigene Kind?
Der Science Fiction-Roman “Klara und die Sonne” von Kazuo Ishiguro, der 2021 in Deutschland durch den Blessing-Verlag veröffentlicht wurde, stellt eben genau diese Frage: Was sind die Grenzen von Identität? Und wie gehen wir mit dieser Frage um, wenn durch technologischen Fortschritt die Grenzen der menschlichen Existenz ständig verändert werden?
Die Geschichte spielt in keiner allzu fernen Zukunft, in der Kinder mit Hilfe von “Impfungen” “gehoben” werden – eine Behandlung, in der ihr Erbgut verändert wird und so zu einer neuen Zweiklassengesellschaft führt, bei der “gehobene” Kinder Zugang zu mehr Privilegien erhalten wie etwa zu besseren Ausbildungen. Die Umwelt scheint durch Umweltverschmutzung beschädigt zu sein, es scheinen immer weniger Kinder geboren zu werden und es gibt kleine KI-Freunde, die Kindern als Freunden dienen sollen.
Alles, was wir über diese Welt erfahren, lernen wir durch den KI-Freund Klara – einem Spielzeug, das Kindern und Jugendlichen gegen Einsamkeit helfen soll. Schnell erfahren wir, dass diese kindliche KI anders ist als die anderen: Sie ist aufmerksam, denkt mit und philosophiert – sie sucht nach Sinn und findet in der Sonne eine göttliche Entität, zu der sie in größter Not beten kann. Und ihre größte Freude ist es, von der Sonne begrüßt zu werden – ihr Licht ist es, das sie auflädt.
Als Klara dann von der jugendlichen Rosie als KI-Freund aufgenommen wurde, lernt sie schnell, wie viel komplizierter die Welt ist als in dem Laden, in dem sie zuvor gelebt hat. Zwischen Rosies krassen Krankheitsschüben, die durch ihre “Hebung” verursacht werden, sozialen Zwängen durch den sozialen Status ihrer Familie, Rosies Beziehung zu ihrer Kindheitsliebe Rick und Klaras verzweifelte Suche nach einem Heilmittel gegen Rosies Leiden lernt Klara langsam, wie kompliziert zwischenmenschliche Beziehungen sind – und wie weit Menschen bereit sind aus Liebe zu gehen.
Am deutlichsten wird das, als Klara nach und nach zusammenpuzzelt, was mit Rosies älteren Schwester passiert ist, die ebenfalls im Prozess war “gehoben” zu werden und durch den Prozess starb. Gerade dann kommt die Frage auf, wie viel an einem Menschen geändert werden kann, um trotzdem noch die gleiche Person zu sein.
Beim Lesen war es aber Klaras Liebe zu Rosie, die den tiefsten Eindruck bei mir hinterlassen hat. Auch wenn Klara als KI-Freund dazu programmiert ist, ein Freund für das zugewiesene Kind zu sein, ändert es nichts an Klaras Aufmerksamkeit und Mühe, die sie weit über erwartbare Leistungen erbracht hat und sogar bereit war, sich selbst zu schädigen, nur um Rosie zu helfen. Denn das ist es, was Menschsein bedeutet: Füreinander da zu sein, denn unsere Beziehungen zu anderen sind es, was uns zu dem macht, wer wir sind.
“Klara und die Sonne” ist ein berührendes Buch, das mit viel Fingerspitzengefühl das macht, was Science Fiction am besten kann: Ergründen, was Menschsein überhaupt bedeutet und zu zeigen, wie vielschichtig und kompliziert wir sind. Wie bereits mit seinen anderen Büchern konnte Ishiguro, ohne zuviel vorwegzunehmen, subtil schwierige Fragen thematisieren, ohne in hochgestochene philosophische Debatten zu versinken. Durch Klaras naive Perspektive ist es uns als Leser*in möglich unvoreingenommen über die Geschehnisse zu urteilen.
In Zeiten, in denen von Einsamkeits-Epidemien gesprochen werden kann, ist “Klara und die Sonne” ein Buch, das ich unbedingt empfehlen möchte. Das Buch zeigt nämlich, wie schön es ist zu lieben und wie wichtig Hoffnung ist, um Sinn zu schaffen.
- Autor: Kazuo Ishiguro
- Titel: Klara und die Sonne
- Originaltitel: Klara and the Sun
- Übersetzer: Barbara Schaden
- Verlag: Blessing
- Erschienen: 2021
- Einband: Hardcover
- Seiten: 352
- ISBN: 978-3-641274-436
- Sprache: Englisch
- Sonstige Informationen:
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Wertung: 14/15 dpt







