Sarah Kuttner – Mama & Sam (Buch)

„Hallo Fan. Wie geht es dir, ich hoffe, du hast einen tollen Tag, ich möchte dir für deine Liebe und Unterstützung für mich und meine Karriere danken, von wo unterstützt du mich Fan?“ Das schreibt der schottische Schauspieler Sam Heughan, Hauptdarsteller in der Serie „Outlander“, an die Mutter der Protagonistin. Natürlich ist er das nicht wirklich, aber mit diesen generischen und holperigen Worten entsteht eine tragische Geschichte, an deren Ende der angebliche Sam um 104.000 Euro reicher ist und eine Tochter sich fragt, warum ihre verstorbene Mutter auf so einen Love-Scam hereingefallen ist. Sarah Kuttner hat diesen Fall mit ihrer eigenen Mutter erlebt und daraus den autofiktionalen Roman „Mama & Sam“ gemacht, der auch detailliert die Chatverläufe wiedergibt.

Frauen, die glauben, sie würden mit Hollywood-Stars schreiben, die ungeheure Geldmengen überweisen an eigentlich steinreiche Männer, die gerade zufällig nicht auf ihr eigenes Konto zugreifen können, schlecht gefälschte Fotos für echt halten und fest an die große Liebe glauben – meistens werden solche Nachrichten ungläubig und amüsiert zugleich gelesen. „Wer sich nicht vorstellen kann, wie man darauf hineinfallen kann, dem geht’s zu gut“, sagt Sarah Kuttner in einem Interview mit dem rbb. Denn diejenigen, die Opfer von Love-Scamming werden, bei dem ihnen die große Liebe vorgegaukelt wird, suchen eben diese große Liebe. „Du gehst direkt über das Herz von jemandem, der traurig ist“, sagt sie im Gespräch. Dieses Verständnis für die Situation und die Gefühle der Betrogenen und Ausgenommenen zieht sich auch durch ihr gesamtes Buch.

Meine Mutter hatte seit Jahren, eventuell Jahrzehnten, keinen Mann mehr. Zumindest keine Beziehung, und das ist es, was meine Mutter eigentlich immer nur wollte: einen Mann, der sie liebt. Der ihr Nähe, aber auch Raum gibt, der interessiert und interessant ist, der bei ihr, aber auch bei sich selbst ist.S. 20/21

Sarah Kuttner legt großen Wert darauf, dass das im Roman nicht eins zu eins ihre Geschichte und die ihrer Mutter ist. Auch wenn die Protagonistin – wie die Autorin selbst – auf dem Land in Brandenburg wohnt, Ukulele spielt, einen Hund hat, offen über ihre Depression spricht und ebenso wie Sarah Kuttner über ihre verstorbene Mutter erzählt. Einige der Chat-Verläufe im Roman sind die von Kuttners Mutter, andere hat sie sich ausgedacht. Letztendlich ist es aber auch egal, wieviel Autobiographisches und wieviel Fiktionales in „Mama & Sam“ steckt. Die Nähe zur Autorin gibt aber dem Ganzen ein besonders hohes Maß an Authentizität: Das alles ist kein Werk, wo sich jemand ausdenkt, wie es hätte sein können. Hier erzählt jemand eine Geschichte, die dicht an der Wirklichkeit ist.

So wird dem Love-Scamming auch die amüsante Note genommen, die Vorstellung, dass jemand einfach nur dumm war und die Liebesfalle fast verdient hat. Sarah Kuttner springt kapitelweise zwischen der Gegenwart und den vergangenen acht Monaten hin und her. In der Gegenwart steht die Protagonistin in der Wohnung der Mutter, die dort verstarb und länger nicht entdeckt wurde. Soll sie das Erbe annehmen oder ausschlagen? Die Protagonistin kennt die „Liebesgeschichte“ zwischen ihrer Mutter und dem Scammer, ahnt, dass Geld geflossen ist, befürchtet Schlimmes und findet Chatverläufe und Auflistungen der Finanzen. In den Kapiteln der Vergangenheit erzählt sie, wie fruchtlos die Versuche waren, die Mutter aus dieser Situation zu holen, wie geschickt der Scammer die Mutter manipuliert und von der Familie trennt. „Zuckerbrot und Peitsche“ nennt Sarah Kuttner die sich abwechselnden Liebesbeschwörungen und Drohungen des Liebesentzugs.

Dabei zeigt die Protagonistin (und hier kann man sie auch nicht von der Autorin trennen) großes Mitgefühl für die Mutter, ihr Zorn richtet sich zurecht auf den Scammer und nicht auf das Opfer. Und dennoch: Wie kann es sein, dass eine Erwachsene glaubt, mit einem Star zu chatten? Daran glaubt, dass sie dieser Star in sie verliebt hat? Selbst die Beweise, die die Familie vorlegt, andere, fast identische Fälle, bringen die verhängnisvolle Beziehung zum Scammer nicht zu einem Ende. Sarah Kuttner ist sich sicher: Ein innerer Teil der Betroffenen weiß, dass das alles sehr unwahrscheinlich ist, aber zugleich fühlt es sich so toll an, sagt sie in Interviews.

Mir war von Anfang klar, dass jedes Foto gefälscht sein könnte (Photoshop). Selbst auf meinem Lieblingsfoto von dir sieht der Kopf aus, als wäre er bearbeitet worden. Ich kann nicht so tun, als wäre ich überrascht. Ich hatte das immer im Hinterkopf, aber es war mir egal und es ist mir auch jetzt egal.S. 206

Fazit:

Sarah Kuttners Roman „Mama & Sam“ über Love-Scamming liest sich einfach und schnell. Sprachlich sind die Chatverläufe natürlich keine hohe Poesie. Aber das würde auch überhaupt nicht passen. Das hier ist eine Geschichte, wie sie tatsächlich oft genug geschieht, und sie zeigt auch die Gefühlswelt, das Zweifeln und Schwärmen der Opfer und die manipulativen Tricks der Täter. Wäre es nicht so traurig, könnte man sagen: ein authentischer Einblick in ein spannendes Thema.

Wertung: 13/15 dpt

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