Das Gute, das Böse und eine weite Skala dazwischen

Das Thema Vampire ist in der Literatur, insbesondere in der Fantasy, ein Dauerbrenner. Als Klassiker weltberühmt geworden ist Bram Stokers Roman „Dracula“, der im Jahr 1897 zum ersten Mal erschien. Erst im letzten Jahr brachte der Coppenrath Verlag den Klassiker als wunderschöne Schmuckausgabe neu heraus. Dieses besondere Buch stellt euch Manuela in diesem Artikel vor.
„Dracula“ wurde ebenso mit unzähligen Verfilmungen zum Film-Klassiker. Moderat gruselig und etwas moderner kommt Roman Polańskis Spielfilm „Tanz der Vampire“ aus dem Jahr 1967 daher. Auch diese Horrorkomödie gehört zu den Vampir-Klassikern und wird bis heute als Musical gespielt.
Im Nachwort zu „Schattenblut“ schreibt die Autorin Laura Dümpelfeld, dass ihre Vampirgeschichte vor mehr als zwanzig Jahren von „Tanz der Vampire“ inspiriert wurde und sie sich über ein Theaterstück zum Drehbuch und schließlich zum Roman entwickelte. In der Zwischenzeit schrieb sie phantastische Kurzgeschichten und den Fantasy-Krimi „Lemmy Lokowitsch„. Was vom ursprünglichen Manuskript in der aktuellen Buchveröffentlichung übrig ist, weiß die Autorin allein. Tatsächlich erinnert der zugrundeliegende Plot in „Schattenblut“ durchaus an „Tanz der Vampire“.
Vampire, Vampirjäger:innen und ein Hauch von Steampunk
Die Protagonistin Leonore Elvira Christine von Hardenberg ist die Tochter des preußischen Generals Wilhelm Theodor von Hardenberg. Ihre Mutter brachte sich um, als Leonore dreizehn Jahre alt war. Seither hütet sie Nacht für Nacht ein Geheimnis. Es beginnt mit düsteren Träumen über einen Blutrausch. Schließlich erkennt Leonore, dass sie nicht allein ist in ihren Träumen. Sondern dass eine geheimnisvolle Präsenz bei ihr ist, die irgendwann in ihr Leben am Tag kommen wird.
Nach einer ungewöhnlichen nächtlichen Begegnung erwacht Leonore in einer ihr unbekannten Burg. Sie lernt Clara, eine hilfreiche Bedienstete, kennen, sowie Liang, ihren geheimnisvollen Freund, der das Tageslicht scheut. Und schließlich begegnet sie Aristide, dem Burgherren, der ebenfalls abends und nachts aktiv ist. Doch nicht allein Aristide interessiert sich für die junge Frau, auch die selbsternannte Königin der Vampire, Anastasia, sucht nach ihr.
Friedrich Hauser ist die wichtigste Nebenfigur und nicht minder geheimnisvoll. Leonore stellt er sich als Clemens von Walter vor, als sie sich auf einem Fest kennenlernen. Schaurige Geschichten aus Siebenbürgen von Blut trinkenden Monstern erzählt er ihr, die sie wenig beeindrucken. Ist sie doch aus ihren Träumen Grusel gewöhnt. Trotzdem wird Leonore kurz ohnmächtig. Von Clemens von Walter verliert sich nach dem Vorfall jede Spur. Kein Wunder, denn die Loge, für die er arbeitet, agiert im Verborgenen. Ihre Mitglieder gehen auf die Jagd nach Vampiren und nutzen Professorin Llewelyns so fortschrittliche wie skurrile Erfindungen. Von Leonore benötigen sie etwas, dass sie ihr unbemerkt entwenden.
„Schattenblut“ kommt klassisch, aber nicht stereotyp daher
In „Schattenblut“ geht es um den klassisch anmutenden Kampf zwischen „guten“ und „bösen“ Vampiren und Vampirjäger:innen. Die guten Vampire um Aristide schlossen sich mit Menschen zu einer familiären Gemeinschaft zusammen, in der alle voneinander profitieren: Die Vampire erhalten Blut, die Menschen Schutz und ein angenehmes Leben. Die bösen Vampire um Anastasia halten Menschen wie Nutztiere. Sie missbrauchen sie für ihre Zwecke und foltern sie. Die Loge hat sich der Vernichtung aller Vampire verschrieben und rekrutiert clevere Erfinder:innen und Kämpfer:innen, um deren Nester aufzuspüren. Ihr Leitsatz
ist zugleich Motivation und Ziel.
Obschon dieser klassische Vampirkonflikt, wie man ihn auch aus „Interview mit einem Vampir“ von Anne Rice kennt, die Handlung prägt, fließen andere Themen ein, die der Geschichte einen moderneren Anstrich verleihen: Arm und Reich, Homosexualität und moralische Grauzonen. Laura Dümpelfeld ersann ein originelles Figuren-Ensemble und verlieh jeder Protagonist:in und Nebenfigur einen glaubwürdigen Hintergrund.
So entwickelt sich Leonores und Claras Beziehung über die des Gastes und der Kammerzofe hinaus, obwohl ihre soziale Herkunft unterschiedlicher nicht sein könnte. Leonore kommt aus begütertem Hause, während Clara bitterarm auf der Straße lebte, bevor Aristide sie aufnahm. Aus einer anfänglichen Reserviertheit entwickeln sich Vertrauen und Freundschaft zwischen den Frauen.
Ferdinand Hauser ist homosexuell und mit Philipp liiert, der seine Geheimnisse für sich behält. Ein interessantes Gespann bilden auch Ferdinand und Clarissa. Die Kämpferin wurde aus Anastasias Gefangenschaft befreit, spürt seither unermüdlich Vampire auf und tötet sie. Ferdinands Faszination für Technik teilt sie nicht und noch weniger mag sie seine Methodik, in der er vermeintliche Opfer als Köder benutzt.
Grausamkeit und Lichtblicke
„Schattenblut“ ist nichts für sensible Nerven. Allein die Erzählungen von Anastasias ehemaligen Gefangenen Clarissa und Liang über Missbrauch und Gewalt sind verstörend, erst recht die physische Folter, die die Vampirkönigin ihren Gefangenen antut. Oder Alexejs grausamer Umgang mit seinen jugendlichen Gefolgsleuten. Konflikte in moralischen Grauzonen sorgen für mindestens ebenso viel Spannung, wie die blutigen Auseinandersetzungen. Leonore, Aristide, Clara und Liang halten Mut, Solidarität und Menschlichkeit dagegen, sodass die Grundstimmung der Geschichte zwischen Düsternis und Lichtblicken abwechselt. Sinnbildlich spiegelt dieser Dialog zwischen Leonore und Liang die Atmosphäre wider:
Kein Glitzer, keine Romantik, dafür Spannung und Charakter
Dem anhaltenden Buchtrend der frühen 2000er Jahre, Vampir-Geschichten einen guten Schuss düsterer Romantik und Spice hinzuzufügen, folgt „Schattenblut“ nicht. Hier geht es um Feindseligkeiten, die sich aus unterschiedlichen Weltanschauungen und Perspektiven entwickeln. Die Geschichte ergründet die Hintergründe und offenbart Überraschungen. Dazu passen Charakterstudien, die vielen Figuren mitgegeben werden. Ob Mensch oder Vampir, jede und jeder bringt eine persönliche Motivation mit. Einige Hintergrundbeschreibungen sind vielleicht etwas zu ausführlich geraten und bremsen den Spannungsbogen aus, gleichwohl sie die Geschichte bereichern.
Sprachlich überzeugt Laura Dümpelfeld mit einem eingängigen, überwiegend der Zeitepoche angepassten Stil, der stellenweise jedoch einen Tick zu modern wirkt. Die Kunst der in Worte gefassten Bilder beherrscht die Autorin allerdings. Die Szene, in der Leonore sich der düsteren Präsenz aus ihren Träumen anschließt, geht unter die Haut. Nicht nur Leonore und Ferdinand, sondern auch Alexej und Clara erzählen die Geschichte, was eine spannende Vielfalt an Sichtweisen bietet. Dialoge, wie der folgende Ausschnitt aus einem Monolog Claras, sind nie belanglos, Im Gegenteil:
Es gibt ein, zwei Handlungsabläufe, die etwas holprig wirken, wie zum Beispiel Leonores Flucht und der erste Versuch der Loge, Leonore zu befreien. Insgesamt ist die Entwicklung jedoch trotz unerwarteter Wendungen plausibel. Die Geschichte von „Schattenblut“ ist nicht zu Ende erzählt, es folgt ein zweiter Band mit dem Titel „Schattenerbe“. Eine Reihe von wichtigen Fragen bleibt für den Folgeband zur Beantwortung offen. Im ersten Band geht ein Lebensabschnitt zu Ende, an der Schwelle zu einem neuen, vielleicht noch aufregenderen Weg. Ich bin gespannt auf mehr.
- Autorin: Laura Dümpelfeld
- Titel: Schattenblut
- Teil/Band der Reihe: Band 1 einer Dilogie
- Verlag: Edition Roter Drache
- Erschienen: 10/2025
- Einband: Taschenbuch
- Seiten: 534
- ISBN: 978-3-96815-088-8
- Sonstige Informationen:
- Produktseite beim Verlag
- Information zum Buch auf der Webseite der Autorin

Wertung: 11/15 dpt







