Auf die harte Tour

Gringo und sein Kumpel Chueco leben in Zalaveta, der größten Armensiedlung von Buenos Aires, wo sie – passend zum Buchtitel – schon mal eine der zahlreich streunenden Katzen töten, um ein wenig Fleisch essen zu können. Es ist ein trostloses Leben, das der zwanzigjährige Gringo im Haus seiner Großmutter führt, zumal die Mamina gar nicht seine Großmutter und die leibliche Mutter schon lange tot ist. In der Kneipe des Dicken Farias, dem Treffpunkt des Barrios (Stadtviertel), überrascht ihn Chueco mit einem Fünfziger, ein Geldschein, den Gringo so gut wie nie seinen eigenen nennen kann. Am Ende eines feuchten Treffens kommt man auf die Idee, später die Kneipe zu überfallen, denn diese muss doch einiges abwerfen.
Gesagt, getan, plötzlich schwimmt Gringo förmlich im Geld und fährt in die Stadt, um dieses gleich zu verprassen, was nicht so einfach ist, da es überall von Sonderangeboten wimmelt. Als er in eine große Demonstration gerät, trifft er unerwartet auf seinen Cousin Toni, der seit Jahren untergetaucht ist und nicht in sein Viertel zurückkehren kann.
„Der Typ geht Müll sammeln. Metall, Papier, Flaschen, alles, was irgendeinen Wert hat. Man muss nur geduldig suchen. Alles wie immer. Dass die sich ein paar Querstraßen weiter gegenseitig abknallen, hat für den Bärtigen keine Bedeutung. Er muss trotzdem raus und malochen.“
Zwei Tage nach dem Überfall hat Chueco einen Job in der Tasche, denn El Jetita, der den Drogenhandel kontrolliert, bietet ihm die Aufnahme in seiner Gang an. Auch für Gringo gilt das Angebot und gemeinsam sollen die beiden die verfeindete Gang von Charly aus dem Revier halten. Es geht ums große Geschäft mit Drogen und Prostitution, doch schnell lösen die beiden geborenen Looser eine Kettenreaktion aus, die in einer tödlichen Gewaltspirale eskaliert.
Blick in den Abgrund
Matías Néspolos Roman „7 Arten, eine Katze zu töten“ erschien im Original im Jahr 2009 und beginnt mit einem Paukenschlag, nämlich mit dem, was der Titel verspricht. Also mit einer der sieben Varianten, die detailliert beschrieben wird und nicht nur für Tierfreunde unappetitlich ist.
„Es gibt sieben Arten eine Katze zu töten, aber in der Stunde der Wahrheit gibt es nur zwei: nett und freundlich oder auf die harte Tour.“
Die Eingangssequenz gibt die Tonart für den weiteren Handlungsverlauf an, in dem zwei Habenichtse vom großen Geld träumen. Man blickt in den tiefen Abgrund eines Elendsviertels, in dem es zum Nötigsten nicht reicht und wo aus Pappkartons Betten entstehen. Der oft tägliche Diebstahl ist aus der Not geboren, zudem gelten im Viertel eigene Gesetze. Die Polizei nimmt zwar Bestechungsgelder dankbar an, überlässt aber die dunklen Geschäfte den Gangs. Sollen die sich untereinander einigen und die Gebiete aufteilen, Hauptsache, die Polizei hat keine Arbeit. So verschärft sich der Bandenkrieg, bei dem sich Gringo, der Ich-Erzähler, wiederholt die Frage stellt, wem er eigentlich trauen kann.
Woher hatte sein Kumpel den Fünfziger? War es eine Anzahlung auf den späteren Überfall und wenn ja, hat er Gringo womöglich seinen Anteil vorenthalten? Warum darf Toni nicht zurück; hat dieser tatsächlich Schuld am Tod von Gringos Mutter? Und überhaupt, wie kommt man aus der ganzen Scheiße wieder raus, wo man doch zumeist gern seinem Gegenüber – und wenn es der beste Freund ist – eins in die Fresse hauen möchte? Auf Letzteres weist Gringo mehrfach in dieser Wortwahl hin.
Die Geschichte spielt in Buenos Aires und die erwähnte Demonstration läuft vor dem Hintergrund des argentinischen Finanzcrashs, womit wir den Zeitraum der Handlung auf die Jahrtausendwende festlegen können. Das Elendsviertel Zavaleta, sprich der Handlungsort, könnte aber überall dort liegen, wo große Armut junge Männer in die Arme skrupelloser Gangster treibt. Dass dies nur selten gutgeht und im vorliegenden Fall zu zahlreichen Toten führen wird, überrascht wenig. Matías Néspolo schreibt und erzählt mit klarer, mitunter brutaler Sprache, die den Ton des Barrio wiedergibt. Zwar träumt Gringo wie alle Männer von der großen Liebe, doch auch da hakt es, zumal die angebetete Yanina ausgerechnet die Tochter des Dicken Farias ist.
Gringo, der so wenig Sachen zum Anziehen hat wie er üblicherweise Geldscheine besitzt, gerät bei seinem Kaufrausch nach besagtem Überfall ausgerechnet in einen Buchladen, wo er spontan Herman Melvilles „Moby Dick“ kauft. Er liest also jene Geschichte, in der Kapitän Ahab einen Weißen Wal jagt und dabei erfahren könnte, wohin blinde Wut, um nicht zu sagen Hass, führen kann. Es ist eine große Parallele zu Gringos echtem Leben, was dieser aber nicht erkennt. Aber wann hat er zuvor jemals ein Buch gelesen? Immerhin zeigt ihm Ahab, dass man sein Geschick in die eigene Hand nehmen kann. Dass dies im literarischen wie im echten Leben oft nicht erfolgreich endet, erfährt Gringo auf die zweite, die harte Tour.
- Autor: Matías Néspolo
- Titel: 7 Arten, eine Katze zu töten
- Originaltitel: Siete manerea de matar a un gato. Aus dem Spanischen von Inka Marter. Mit einem Nachwort von Peter Henning
- Verlag: Polar
- Umfang: 206 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Februar 2026
- ISBN: 978-3-910918-42-9
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