
Mit großer Melancholie habe ich dieses kleine feine Buch gelesen. Zu wissen, dass diesen aus dem Nachlass stammenden Texten von Pascal Mercier keine weiteren folgen werden, stimmt mich traurig. Umso mehr als sich bereits mit den ersten Zeilen das Gefühl einstellt, einer vertrauten Stimme zu lauschen.
Der schmale Erzählband belegt eindrucksvoll, was für ein großartiger Erzähler Pascal Mercier gewesen ist und – auch wenn es widersprüchlich klingen mag – er zeigt, was seine sehr viel umfangreicheren Romane wie „Nachtzug nach Lissabon“ oder „Das Gewicht der Worte“ so unverwechselbar gemacht hat. Er braucht keine spektakulären Ereignisse. Vielmehr entwickelt sich das Gewicht der Dinge aus dem Alltäglichen, dem Unvermeidbaren, dem, was jeder kennt. Das Besondere liegt auch hier im „Kleinen“. Das, worum es geht, platziert Mercier in den Raum zwischen seinen Zeilen.
So werden wir u.a. Zeuge wie ein Paar das Haus eines ins Altersheim ziehenden Restaurators übernimmt, der nicht loslassen kann. Wie die Großzügigkeit eines Geschenks das Gleichgewicht einer Freundschaft stört. Wie ein Mann auf das Ergebnis einer ärztlichen Untersuchung wartet.
Seine Figuren erleben Brüche, die sich in ihr Leben schneiden. Über allem liegt die Erkenntnis, dass die Zeit voranschreitet und keinen verschont.
Merciers Sprache ist unprätentiös und gerade darum zart und von großer Behutsamkeit. Spannung schöpft er aus der unmittelbaren Intensität seines Erzählens. Er bewegt sich auf der gleichen emotionalen Ebene wie seine Protagonisten und erzeugt dadurch große Nahbarkeit.
Obwohl die Erkenntnisse, der er formuliert, Allgemeingültigkeit besitzen, verliert sich Mercier nicht in Banalitäten oder Allgemeinplätzen. Er zeichnet die Entwicklung seiner Figuren als individuelle Erlebnisse nach, die dadurch für die Leser und Leserinnen nachspürbar und nachvollziehbar werden. So wird das Verhandeln großer Themen zu einem tief menschlichen Akt. Die fünf Erzählungen sind kurz, der Umfang des Buches ist mit gerade mal hundert Seiten schmal, aber die Lektüre ist eine berührende Begegnung mit einem der ganz Großen.
Danke Pascal Mercier!
- Autor: Pascal Mercier
- Titel: Der Fluss der Zeit
- Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
- Erschienen: Januar 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 112 Seiten
- ISBN: 978-3446285774

Wertung: 14/15 dpt







