Claire Kilroy – Kinderspiel (Buch)

Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr – und die Belastung ist oft sehr ungleich verteilt.

»Wer bemuttert die Mütter? […] Hatten sie nicht den härtesten Job?«

Kinderspiel, Claire Kilroy
© Clare Elsaesser/ Schillerdesign, Frankfurt

Soldier bekommt ihr Wunschkind – und doch kann von Babyglück nur sehr eingeschränkt die Rede sein. Sie kann sich an ihrem Sohn gar nicht satt sehen und trotzdem überschatten andere Gefühle ihre Liebe. Vor allem verübelt sie ihrem Mann, dass sich sein Leben durch die Ankunft des neuen Familienmitglieds nicht verändert zu haben scheint. Er schläft, geht zur Arbeit, trainiert, als sei nichts passiert, während sie auf dem Zahnfleisch geht und ihr Leben nicht wiedererkennt.

Während sie immer gedacht hat, eine gleichberechtigten Partnerschaft zu führen, stellt sich nach der Geburt heraus: Die Versorgung und Bespaßung des Babys soll einzig und allein ihre Aufgabe sein. Recht schnell kommt sie an den Rand ihrer Belastbarkeit, doch dass nimmt ihr Mann ihr dann seinerseits übel. Wieso geht sie nicht mit dem Kleinen zur Mutter-und-Kind-Gruppe? Wieso ist die Milch alle? Wieso sieht das Haus aus wie ein Schweinestall? Und was gibt es, bitteschön, zum Abendessen? Wenn er mal für den Kleinen sorgen soll, erwartet er eine detaillierte Anleitung, um dann trotzdem Wichtiges, wie die pünktliche Gabe eines Antibiotikums, zu vergessen. Am liebsten kommentiert er einfach nur aus der Ferne Fotos, die seine Frau ihm schickt, mit einem Smiley.

»Ich war bloß eine Frau! Wie hatte ich das vorher nicht erkennen können? Eine Frau war in dieser Gesellschaft weniger wert als ein Mann.«

Nicht nur ihren Mann erkennt sie nicht wieder, sondern auch sich selbst, wie sie so ungeduscht mit strähnigen Haaren durch ihren durch Schlafmangel umnebelten Alltag schlurft und die einfachsten Dinge nicht gebacken kriegt. Mit Galgenhumor kommentiert sie die verblödenden Tätigkeiten wie das Anbringen eines Regenüberzugs am Kinderwagen im strömenden Regen, das müßige Anziehen von Socken oder Mützen entgegen dem Willen des Kindes, das diese sofort wieder auszieht und in die Gegend pfeffert, oder den Hindernislauf des Einkaufens mit einem gerade mal lauffähigen Kind, das unbedingt einen eigenen kleinen Einkaufswagen schieben möchte.

Es liegt eine gewissen Fassungslosigkeit in diesen Beschreibungen, als könne sie nur schwer glauben, dass all das sie jetzt überkommt, und auch eine entwaffnende Wehrlosigkeit. Welche Mutter kennt diese Situationen nicht? Diese Momente des gleichzeitigen Unglaubens und der Panik, wenn man das eigene Kind aus den Augen verloren hat und nicht sofort wiederfindet. Dieses »Wie konnte das passieren?« in Kombination mit »Womit habe ich das verdient?« Dazu passend ist das Buch fast ein einziger langer, an das Kind gerichteter Monolog.

»Von außen wirkt eine das Neugeborene wiegende Mutter friedlich. Aber eine frischgebackene Mutter ist nicht friedlich, sondern befindet sich in einem hektischen Zustand höchster Alarmbereitschaft. Wir erklären sie für gelassen, um sie sich selbst zu überlassen. Damit wir die funkelnde Oberfläche erhalten, ihre Schönheit loben und verschwinden können.«

Zwar gibt es immer mehr Bücher, die davor warnen, dass das Leben mit einem Baby für die Mutter kein Zuckerschlecken ist und nicht jede junge Mutter in akuten Glückstaumel verfällt, aber dennoch ist jedes einzelne lesenswert. So auch dieses. Und es sind immer noch nicht genug, denn noch viel zu viele frischgebackene Mütter kämpfen sich durch diese einschneidende Lebensphase ohne die dringend notwendige Unterstützung.

Autorin: Claire Kilroy

Titel: Kinderspiel

Originaltitel: Sailor Soldier

Übersetzung: Luca Mael Milsch

Verlag: Fischer Verlag

Erschienen: 17.08.2025

Einband: Hardcover

Seiten: 285

ISBN: 978-3-7587-0009-5

Sonstige Informationen:

Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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