Gabriella Zalapì – Ilaria (Buch)

Eigentlich soll der Vater sie nur abholen, um mit ihr zum Treffen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester ins „Chez Léon“ zu fahren. Die Eltern sind getrennt, das ist nicht im Guten geschehen und deshalb ist ein Restaurant einmal im Monat der neutrale Treffpunkt. Ilaria ist acht Jahre alt, als sie beim Vater einsteigt. Aus dem geplanten Restaurantbesuch wird nach einem aufgeregten Telefonat des Vaters eine Kindesentführung: „Als er wiederkommt, sagt er, dass Mama es sich anders überlegt hat, sie hat keine Zeit mehr für das Mittagessen. Wir verbringen das Wochenende zusammen.“ Ilaria wird ihre Mutter und ihre Schwester zwei Jahre lang nicht sehen, denn der Vater benutzt sie letztendlich als Druckmittel, um die Scheidung zu verhindern. Den Kontakt zwischen Ilaria und der Mutter unterbindet er. Mit Telefonaten und Telegrammen versucht er – mal wütend, mal schmeichlerisch -, seine Frau zurückzugewinnen.

Möchte deine Stimme hören. STOP. Der Kleinen geht es gut. STOP. Sie will mit dir sprechen. STOP. Ich warte auf dich. STOP. Warte auf mich. Dein Mann.S. 18
Deine Tochter ist enttäuscht, dich nicht zu sprechen. STOP. Weise jede Anklage wegen Entführung zurück. STOP. Le bugie hanno le gambe corte. Lügen haben kurze Beine. STOP. Willst du noch lange so weitermachen? STOP.S. 24

Ilaria fühlt sich eingeschüchtert, wünscht sich zur Mutter und zur Schwester zurück, liebt aber auch ihren Vater. Gabriella Zalapì erzählt aus der Sicht der Achtjährigen, die keines der Telefonate hört, auf die Telegramme nur heimlich späht und die nicht weiß, was eigentlich gerade geschieht. An einer der vielen Tankstellen, Bars und Telefonzellen beobachtet sie die anderen Leute: „Bei den Familien, die vorbeikommen, ist alles in Ordnung, sie sind gewaschen, gekämmt, gebügelt, sie haben ein Ziel. Und wohin fahren wir?“. Mal ist der Vater nett, kauft ihr Geschenke, sucht in Ilaria die Verbündete, mal flucht er über die Mutter, ist schlechtgelaunt, trinkt zu viel und schwadroniert erfundene Geschichten in den Bars.

Das kleine Mädchen erzählt so prägnant, dass man beim Lesen fast schon neben den beiden sitzt und die beklemmende Stimmung am eigenen Körper spürt. Kommt der Vater aus den Telefonzellen, ist er wütend, fährt zu schnell und aggressiv, während Ilaria sich an den Türgriff klammert. Still hört sie zu, wenn er schlecht über die Mutter spricht, die ihn einfach verlassen habe und eine Lügnerin sei. Wenn sie ihn tröstet, weil er ein trauriges Liebeslied hört, lächelt er sie an. „Meine Prinzessin… du verstehst mich wenigstens. Es ist das erste Mal, dass er mich meine Prinzessin nennt.“ Ilaria versucht, sich den extremen Stimmungsschwankungen des Vaters anzupassen und das jeweils gewünschte Verhalten zu liefern. Mit dem ausbleibenden Erfolg seiner Kindesentführung und dem zunehmenden Chaos in seinem Leben scheint der Vater aber auch das Interesse an seiner Tochter zu verlieren. Überhaupt ist ein Leben unterwegs nichts für ein kleines Mädchen. Essen, Geld, gute Unterkünfte, oft fehlt es an allem. Zeiten, in denen Ilaria im Internat ist oder auf einem Bauernhof bei Freunden, wechseln mit dem ruhelosen Fahren durch das Land ab. Ilaria ist gefangen zwischen der Liebe zum Vater, der Sehnsucht nach der Mutter und kleinen Aktionen des Ungehorsams, die ihr wie Verrat am Vater vorkommen.

Fazit:

In „Ilaria“ schreibt Gabriella Zalapì über eine Kindesentführung, die zwei Jahre dauert. Aus der Perspektive der Achtjährigen geschildert, entsteht aus vielen kleinen, aber sehr ausdrucksstarken Situationen ein starkes Stimmungsbild. Das Dilemma des Kindes in seiner Liebe und Loyalität zu Vater und Mutter, die zunehmende Bedrohlichkeit der Situation, die kleinen Versuche, mit der Mutter zu sprechen – Gabrielle Zalapi vermittelt das Alles mit einer scheinbaren schriftstellerischen Leichtigkeit, die beeindruckt.

  • Autorin: Gabriella Zalapì
  • Titel: Ilaria
  • Originaltitel: Ilaria où la conquête de la désobéissance
  • Übersetzerin: Claudia Steinitz
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 02/2026
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 162
  • ISBN: 978-3-518-43269-3
  • „Ilaria“ von Gabriella Zalapì bei Suhrkamp

Wertung: 15/15 dpt

Teile diesen Beitrag:
Schreibe einen Kommentar

Hinweis: Mit dem Absenden deines Kommentars werden Benutzername, E-Mail-Adresse sowie zur Vermeidung von Missbrauch für 7 Tage die dazugehörige IP-Adresse, die deinem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, in unserer Datenbank gespeichert. E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden selbstverständlich nicht veröffentlicht oder an Dritte weitergegeben. Du hast die Option, Kommentare für diesen Beitrag per E-Mail zu abonnieren - in diesem Fall erhältst du eine E-Mail, in der du das Abonnement bestätigen kannst. Mehr Informationen finden sich in unserer Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Du möchtest nichts mehr verpassen?
Abonniere unseren Newsletter!

Total
0
Share