Wer war das Opfer, der der Beifang?

Einst kochte Liselotte „Lis“ Castrop für den Sternekoch Quirin Taylor, doch nach einem Vorfall in seinem Restaurant wechselte sie den Job und arbeitet seit nunmehr sieben Jahren für die Familie des Milliardärs John Harman in Davos. Vielmehr arbeitete, denn beim gestrigen Silvestermenü wurde die vierköpfige Familie vergiftet und selbst Lis blieb nicht verschont. Das todbringende Gift ist das radioaktive Polonium-210, welches über das Essen in die Körper gelang. Jetzt hat Lis noch fünf Tage zu leben und die Polizei verbietet ihr den Kontakt zu ihrer zwölfjährigen Tochter Cosima wegen Verdunklungsgefahr. Schließlich gilt Lis als Hauptverdächtige, denn niemand außer ihr und der Familie war gestern Abend im Haus.
Lis will die restliche Zeit mit ihrer Tochter verbringen und ist daher fest entschlossen, den wahren Mörder zu finden. Ans Bett gefesselt, bleibt ihr nur ihr Hirn und ihre Gedanken sowie unerwarteter Weise die Palliativschwester Emre, die ihr bei der Recherche helfen will. So erinnert sich Lis zurück an jenen verhängnisvollen Tag im Restaurant oder an die Zusammenarbeit mit John, dem beim Weltwirtschaftsforum in wenigen Wochen ein lukrativer Job angeboten werden sollte. Neuer Vorsitzender des Kuratoriums könnte nun Vincent Monmouth werden, ein früherer Freund und Geschäftspartner, mit dem sich John vor Jahren zerstritten hat. Dann wäre da noch Reeta, die Ehefrau, die ihren Freundinnen und Personal nicht immer wohlgesonnen war sowie die siebzehnjährige Calliope, die unter Neurosen leidet und sich für den Nabel der Welt hält, dem sich alle unterzuordnen haben.
Wem galt der Anschlag? Wer war das eigentliche Opfer, wer Kollateralschaden oder wie man beim Fischen sagen würde Beifang? Ist diese Frage geklärt, hätte man vermutlich den Mörder. Nicht zuletzt drängt sich Damon, Johns Bruder als Verdächtiger auf, der nun der Erbe des Milliardenvermögens sein wird. Um von sich abzulenken, weist Lis der Polizei gegenüber auf ihn hin, doch kurz vor seiner Verhaftung eröffnet ihr Damon, dass er bereit sei, Cosima nach Lis‘ Tod zu adoptieren. Was tun? Die Zeit läuft gnadenlos runter.
Origineller Plot mit ebensolchem Ende
Eine Frau ans Bett gefesselt, keine Perspektive zum Überleben und wesentlich nur auf ihre Erinnerungen angewiesen, ist ein packender Plot, den es unlängst bereits bei „Voices. Ich kann euch hören“ von Natalie Chandler zu entdecken gab. In „Voices“ hatte die Betroffene jedoch keine Möglichkeit mit ihrer Umwelt zu kommunizieren und auch sonst gibt es grundlegende Unterschiede. Aber der Vergleich ist dennoch spannend, wobei es letztlich Geschmacksache ist, was die vermeintlich bessere Umsetzung betrifft.
In „Noch fünf Tage“ von Helena Falke (nicht zu verwechseln mit „Noch fünf Tage“ von Andrea Fischer Schulthess, in dem eine Frau ebenfalls nur noch wenige Tage zu leben hat) erleben wir die letzten titelgebenden Tage der Protagonistin in Echtzeit, zumindest läuft immer die Uhr mit. Nach und nach erinnert sich Lis wie oben erwähnt an die wichtigen Personen, Opfer wie mögliche Täter gleichermaßen, in mehreren gedanklichen Rückblenden. Bis auf den achtjährigen Percy haben sich die vier Familienmitglieder alle Feinde gemacht. Das liest sich durchaus spannend, allerdings gibt es auch intensive Einblicke in die Sterneküche und das Leben der Superreichen, wo Marken und Markennamen eine wichtige Rolle spielen. Die Begeisterung hierfür und die mitunter leicht ausufernde Erwähnung etlicher Spitzenprodukte sowie Menüzusammenstellungen mögen aber einigen Lesern als Seitenfüllerei störend auffallen.
„Der Hanftofu liegt in seiner Marinade, die Feinhirse ist gewaschen du wird in zehn Minuten in der Brühe gar, die Igelstachelbartessenz muss später nur noch mit kalter Butter aufgeschäumt werden und die Torta Caprese ruht in ihrer Form, sodass sie beim ersten Gang in den Ofen und als vierter Gang lauwarm serviert werden kann. Der Hummus kommt aus dem Kühlschrank auf Raumtemperatur, das Semifreddo darf in der Gefriertruhe bleiben, bis die Torta aus dem Ofen kommt. Alles ist vorbereitet. Ich habe zehn Minuten, um mich umzuziehen. Dann geht es los.“
Sagen wir so, einige Längen sind durchaus erkennbar, passen aber zum Umfeld und es handelt sich auch nicht seitenweise um ein Kochbuch, wie es beispielsweise bei Martin Walker und seinen Bruno-Chef-de-Police-Romanen der Fall ist. Der Situation von Lis geschuldet, gleicht der Roman weitgehend einem Kammerspiel und ist daher dialoglastig, was nicht negativ gemeint ist. Ungewöhnlicher Plot mit ebensolchem Ende.
- Autorin: Helena Falke
- Titel: Noch fünf Tage
- Verlag: Suhrkamp
- Umfang: 303 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: April 2026
- ISBN: 978-3-518-47538-6
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Wertung: 11/15 dpt







