J. R. R. Tolkien – Bauer Giles von Ham/Die Abenteuer des Tom Bombadil/Der Schmied von Großholzingen

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Cover © Hobbit PresseJohn Ronald Reuel Tolkien gilt bis heute als Urvater der modernen Highfantasy; ein Ruf, den er vor allem dem epischen Großwerk „Der Herr der Ringe“ verdankt, das seinerseits Teil der noch umfassenderen Mythologie des „Silmarillion“ ist. Neben diesem – im wahrsten Sinne des Wortes – Lebenswerk hat Tolkien auch etliche kürzere Texte verfasst, von denen drei jetzt in erweiterten Ausgaben das Programm der Hobbit Presse bereichern: „Bauer Giles von Ham“, „Die Abenteuer von Tom Bombadil“ und „Der Schmied von Großholzingen“. In allen drei Fällen lohnt die Text- ebenso wie die Editionsbetrachtung.

„Bauer Giles von Ham“ ist die Geschichte eines unfreiwilligen Helden, der einen Riesen vertreibt, einen Drachen zähmt und dann sein eigenes Kleines Königreich gründet.
Ungefähr 1938 und ursprünglich zur Unterhaltung der Tolkien’schen Nachkommenschaft geschrieben (wenn auch später und für deutlich älteres Publikum veröffentlicht), merkt man dem Text seine Nähe zum wesentlichen bekannteren „Hobbit“ durchaus an. Giles wie Bilbo sind widerstrebende, im Grunde kleinbürgerliche Helden. Beide bekommen es mit der archaischen Gewalt eines Drachen zu tun, der weder für Giles noch für Bilbo der eigentliche Gegner ist. Chrysophylax wie Smaug sind, was sie sind: Drachen – gierig und gerissen. Wesentlich schwieriger ist, mit der Gier derer fertig zu werden, die kein Teil der archaischen Wirklichkeitsebene sind (in Gestalt des Königs des Mittleren Königreichs und des Bürgermeisters von Seestadt). Viel stärker als „Der Hobbit“ strotzt „Bauer Giles von Ham“ aber von sprachlichem und sprachwissenschaftlichem Witz und teils scharfem Humor. Für wissende Leser*innen ist er alles andere als eine Kindergeschichte.

Ganz ähnlich verhält es sich mit „Die Abenteuer des Tom Bombadil“. Die namensgebende Figur dürfte auch jenen ein Begriff sein, die nur „Der Herr der Ringe“ gelesen haben, hat Tolkien Tom Bombadil dort doch mit einer hübschen Episode verortet, als das Buch noch der Nachfolger des Hobbits werden sollte. Der Einzelband „Die Abendteuer des Tom Bombadil“ beinhaltet aber keine erweiterte Fassung dieses Stoffes, sondern lediglich zwei Gedichte über Tom selbst, und wie der Originaltitel verrät: „Other Verses from the Red Book“. Zu den literaturwissenschaftlich am häufigsten besprochenen gehören sicherlich „Das letzte Schiff“ und „Muschelklang“. „Der Steintroll“ und „Olifant“ wiederum sind in „Der Herr der Ringe“ enthalten.
Tolkien war ein begnadeter Lyriker, vor allem mit altsprachlichen Reimformen und Versmaßen sehr geschickt. Nah an der mittelalterlichen Tradition waren viele Hauptgeschichten seiner großen Mythologie Versepen, bevor sie zu modernen Romanen wurden. So finden sich in dem Band neben Toms oft komisch anmutenden Abenteuern etliche Gedichte, die im weitesten Sinne zu Tolkiens Mythologie gehören und sie in ihrer ureigenen Form zeigen.

„Der Schmied von Großholzingen“ ist Tolkiens letzte zu Lebzeiten veröffentliche Erzählung. 1964 ursprünglich als Vorwort zu einem Kinderbuch gedacht, das den Ursprung und Sinn des Wortes „fairy“ erklären sollte, wurde daraus letztendlich die Geschichte des Schmieds, der als Kind einen silbernen Stern verschluckt, der es ihm erlaubt, ins Land der Elben zu reisen. Als der Schmied nach zahllosen Reisen ein älterer Mann und Familienvater geworden ist, gibt er den Elbenstern an einen anderen weiter.
Tom Shippey nannte diese Erzählung (auch entgegen anderer Forschungsmeinungen und Tolkiens eigener Abneigung gegen diese literarische Form) eine „autobiographische Allegorie“. Eine Auffassung, der man durchaus folgen kann, vor allem, wenn man Tolkiens früheren Aufsatz „On fairy strories“ (1939) mit bedenkt. Darin ist Fairy nicht nur eine literarische Form, sondern auch ein (imaginärer) Ort: Einer, an den es Tolkien Zeit seines Lebens immer wieder zog, bis er im hohen Alter beschloss, dieses Reisen künftig anderen zu überlassen.

Alle drei Bände wurden mit fast schon literaturwissenschaftlichem Anspruch und den Originalillustrationen von Pauline Baynes veröffentlicht.

Die Ausgabe der „Abenteuer des Tom Bombadil“ ist nur mit einem Vorwort am spartanischsten ausgestattet, enthält aber neben dem deutschen auch den vollständigen englischen Text der Gedichte. Ein Blick und vor allem ein lautes Lesen lohnt sich, auch wenn man nicht jedes Wort versteht.

„Bauer Giles von Ham“ ist mit einer editorischen Einführung und dem Vorwort Tolkiens versehen und enthält außerdem die erste (handschriftliche in dieser Ausgabe aber gedruckte) Fassung des Textes sowie den Anfang einer nie vollendeten Fortsetzung. Vor allem im Vergleich der beiden Textfassungen wird der Unterschied der angesprochenen Leser*innenschaft deutlich. (Nach Tolkiens Dafürhalten würden vor allem Erwachsene die Anspielungen und Feinheiten seines endgültigen Textes zu schätzen wissen.) Abgerundet wird die Ausgabe durch eine Galerie von Illustrationen, die Pauline Baynes für die 1980 veröffentlichten „Poems and Stories“ teilweise überarbeitete oder ganz neu entwarf.

Das umfangreichste Material beinhaltet „Der Schmied von Großholzingen“: allem voran ein Vorwort, das kein Vorwort ist. Verlyn Flieger, die es bereits für die erweiterte, englische Ausgabe schrieb, orientierte sich an Tolkien, der selbst zu der Einsicht gelangte, dass ein Vorwort im Zweifel ein Vorurteil bildet, ehe das eigentliche Werk rezipiert werden kann. Alle weiteren editorischen Kommentare finden dementsprechend nach dem Text Raum.
Neben dem Nachwort sind es vor allem Originaltexte Tolkiens, die im Zusammenhang mit dem „Schmied von Großholzingen“ stehen: der Entwurf des ursprünglichen Vorwortes zu „The Golden Key“, ein Zeit- und Figurenplan sowie ein mögliches Ende des letztlich entstandenen Textes, außerdem Transkriptionen einiger hand- oder maschinenschriftlicher Fassungen.

Ob also aus reiner Neugier, zum Zeitvertreib für gemütliche Sonntagnachmittage oder aus editorischem Interesse: Alle drei Bände sind nicht nur für eingefleischte Tolkien-Liebhaber*innen ein besonderer Genuss (und wegen der schönen Umschlaggestaltung auch ein ideales Geschenk), auch wenn diese sicherlich und absehbar das meiste Vergnügen an ihnen haben werden.

Buchcover © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH (Hobbit Presse)

  • Autor: John Ronald Reuel Tolkien
  • Titel:
    Bauer Giles von Ham
    Die Abenteuer des Tom Bombadil
    Der Schmied von Großholzingen
  • Originaltitel:
    Farmer Giles of Ham
    The Adventures of Tom Bombadil
    Smith of Wooton Major
  • Übersetzer*innen:
    Angela Uthe-Spencker und Susanne Held
    Ebba-Margaretha von Freymann
    Karl A. Klever und Lisa Kuppler
  • Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH (Hobbit Presse)
  • Erschienen: 2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten:
    240
    195
    246
  • Seiten:
    978-3-608-96092-1
    978-3-608-96091-4
    978-3-608-96093-8
  • Sonstige Informationen:
    Verlagsseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 15/15 dpt


Über den Autor

Henri Vogel


Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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