Unterhaltsamer, nicht ganz ernst gemeinter Krimi

Juli 1940. Der Krieg wirft seine Schatten auf die Schweiz, viele wehrpflichtige Männer sind im Aktivdienst. Simon Schrage, bester Freund von Max Werthemann, hat ebenfalls Angst, denn als Jude darf er nicht arbeiten, zudem droht die Ausweisung in seine Heimat, sprich ins Deutsche Reich, wo sein Leben als Jude und Homosexueller in größter Gefahr wäre. Derweil treibt Kommissär Jakob Staehelin ein neuer Fall um, bei dem es sich anscheinend um einen Suizid handelt. Albert, Sohn des Industriellen Balthasar Roth und Eigentümer der Roth‘schen Chemie Fabrik, hat sich augenscheinlich mit seinem Hosengurt an einem Fenstergriff erhängt.
„Warum haben Sie eigentlich noch keinen Aktivdienst leisten müssen, Gelzer?“
„Ich bin für die basel-städtische Kriminalpolizei so unabkömmlich wie Sie, Herr Kommissär.“
„So, sind Sie das?“
Die neue Gerichtsmedizinerin Dr. Anna Hediger, deren Cousin Andreas Gelzer, als Wachtmeister für Staehelin arbeitet, findet eine weitere Strangulationsmarke, die einen Mord offenlegt. Sollte womöglich ein Erbe des schwerkranken Balthasar aus dem Weg geräumt werden? Immerhin verfügt die Firma über eine neue Wunderpille, die man mit großen Gewinn an das Deutsche Reich verkaufen könnte. Alberts älterer Bruder Werner oder Franz Mangold, Ehemann von Alberts Schwester Gertrud, wären als mögliche Haupterben die Nutznießer. Doch Franz hat ein Alibi, da er im Aktivdienst in Bad Schauenburg war und Gertrud hat wohl das beste Alibi aus Sicht von Staehelin; seinen Neffen Max.
Dritter Fall für Staehelin
Wie schon in den beiden Vorgängern („Ausgespielt“ und „Abgehängt“) ermitteln Staehelin und Gelzer, in deren Beziehung sich ein wundersamer Wandel vollzieht. Anna hat für ihren Cousin Partei ergriffen und Staehelin dessen rüdes Verhalten vorgeworfen. Tatsächlich diente Gelzer bislang als Blitzableiter für Staehelins schlechte Laune und mitunter dessen Unvermögen. Dieser gelobt jetzt Besserung, man kommt sich kollegial und menschlich näher, selbst ein gemeinsames Feierabendbier nach fünf Jahren scheint möglich.
„Da beide, obgleich schwach, mach Kirsch riechen, dürfte der Tote nicht allein getrunken haben.“
„Tote trinken in der Regel gar nicht.“
„Warum versuchen Kriminalkommissäre eigentlich immer, mit schalen Witzen abzulenken, wenn sie entscheidende Indizien übersehen haben?“
Dass sein Neffe Max Werthemann, der aufgrund einer Erbschaft seines Vaters, vermögend ist, in den aktuellen Fall involviert ist, nutzt Staehelin als Vorwand für weitere Besuche bei Max, in dessen Haus neben Simon auch die gut kochende Haushälterin Rosa wohnen. Gemeinsam diskutiert das Quartett den Fall, wobei die Gedanken nicht selten ins Absurde abdriften. Simon zitiert munter die großen Dichter und Denker, während Rosa ihre profunden Sachkenntnisse, erworben in unzähligen Kriminalromanen, zum Ermittlungserfolg beiträgt. Die Dialoge sind nicht selten grenzwertig, aber durchaus unterhaltsam. Fans der Friedo-Behütuns-Reihe von Tommie Goerz (beispielsweise) können hier zugreifen.
„… sonst habe ich nichts getan.“
„Ach ja? Können Sie das beweisen?“
„Müssten Sie nicht mir die Tat beweisen?“
Die politische Lage wird teils thematisiert, allerdings in überschaubarer Dosierung. Mehr wäre sicher möglich und von Vorteil gewesen, nicht zuletzt, um die schrägen Dialoge ein wenig auszugleichen. Der Krimiplot selbst ist ansprechend, die Lösung – kein Spoiler – unvorhersehbar. Es gibt reichlich Verdächtige und ebenso viele Blindspuren, die im Nichts enden. Weitere Todesfälle tragen zur zusätzlichen Verwirrung der Ermittler bei und sorgen für Spannung bis zum Schluss. Sprachlich trotz der oft ulkig-galligen Dialoge auf hohem Niveau, insbesondere, wenn man Baseldeutsch versteht, bietet die Staehelin-Reihe eine willkommene Abwechslung, bei der man aber in der richtigen Stimmung sein muss. Wer „normale“ respektive „ernsthafte“ Krimis sucht, sollte sich eher in Zurückhaltung üben.
- Autor: Thomas Blubacher
- Titel: Aufgelöst
- Verlag: Zytglogge
- Umfang: 224 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: März 2026
- ISBN: 978-3-7296-5211-8
- Produktseite

Wertung: 11/15 dpt







