Eva Völler – Helle Tage, dunkle Schuld (Buch)

Ein Kriegsverbrechen wirkt in die Gegenwart

Essen im April 1948. In Rüttenscheid stürzt Adelheid Hoffmann in den Tod. Doch war der vermeintliche Fenstersturz tatsächlich ein Unfall? Einiges deutet darauf hin, dass jemand nachgeholfen hat, aber die Mitbewohner hüllen sich in Schweigen. Inspektor Carl Bruns nimmt sich des Falles zusammen mit seinem Kollegen an, der ihn daran erinnert, dass die Frau keine Unbekannte sei oder vielmehr deren Sohn Arnold. Im März 1945 kam es kurz vor Kriegsende zu einer Sonderaktion der Gestapo, bei der rund drei Dutzend Zwangsarbeiter erschossen wurden. Haupttäter war der inzwischen seit drei Jahren auf der Flucht befindliche Arnold Hoffmann.

Bruns reist nach Köln, wo er Hoffmanns Frau Frieda befragen möchte, die vor Jahren aus Essen floh, um ihrem gewalttägigen Ehemann zu entkommen. Dieser drohte nach einem Streit, Frieda zu töten, so dass diese mit ihrem Sohn Emil und ihren beiden Schwestern Anne und Lotti nach Köln zog. Ein unerwartetes Wiedersehen für Bruns, denn Anne war seine erste, große Jugendliebe. Beide waren anschließend verheiratet. Annes Mann gilt als im Krieg verschollen, während Bruns sich von seiner Frau trennte, ihr aber bis heute in Freundschaft verbunden ist.

„Jeder hier im Haus weiß doch über das furchtbare Massaker Bescheid, und unter uns Mietern hat sich auch rumgesprochen, dass der Sohn von Frau Hoffmann der Haupttäter dieses Gemetzels war.“

„Also denken Sie, er könnte auch seine Mutter umgebracht haben?“

„Vermutlich schon.“

„Käme aus Ihrer Sicht sonst noch jemand infrage? Gibt es jemanden im Haus oder aus Frau Hoffmanns Bekanntenkreis, mit dem sie sich öfters gestritten hat?“

„Na ja. Sie kam mit niemandem gut klar.“

Im Testament hat Adelheid Hoffmann ihren sechsjährigen Enkel Emil als Alleinerben eingesetzt, so dass diesem nun das Haus in Essen gehört, wohin die Schwestern zurückziehen. Carl freut sich, Anne wieder näher kommen zu können, doch eine Mordserie hält die Polizei in Atem. Es stellt sich heraus, dass auch die brutalen Morde mit dem Massaker im März 1945 zusammenhängen und es nur einen Verdächtigen gibt: Arnold.

Auftakt der Carl-Bruns-Reihe

Eva Völler, bekannt durch ihre „Ruhrpott-Saga“, legt mit „Helle Tage, dunkle Schuld“ ihren ersten Kriminalroman vor, der zugleich den Auftakt der Carl-Bruns-Reihe bildet. Der zweite Band „Alte Taten, neuer Zorn“ ist bereits erschienen. Wie bei einem Roman, aber insbesondere Serienstart üblich, nimmt sich die Autorin viel Zeit, die wichtigsten Figuren ausführlich vorzustellen. Diese haben ihre bewegte Vergangenheit und daraus resultierende Geheimnisse. So musste etwa Bruns wegen seines jüdischen Großvaters den Polizeidienst während der Nazizeit verlassen und arbeitete im Bergbau unter Tage, was ihm immerhin einen Fronteinsatz ersparte. Nun ermittelt er für die Mordkommission Essen und trifft dort auf Kollegen, die ausnahmslos all die Jahre im Polizeidienst tätig waren, also keineswegs unbelastet sind, wie sich später noch tragisch herausstellen wird.

Der ganz normale und vor dem Krieg durchweg unbescholtene Bürger beging aktuell im Durchschnitt eine Straftat täglich. Mindestens. Fast immer hing es mit Nahrungsmitteln zusammen. Jedweder Handel außer der Reihe war unter Androhung einer Strafe untersagt. Nahezu alles war verboten, und so gut wie niemand konnte überleben, wenn er sich an die Verbote hielt.

Eines der Hauptthemen, dem sich die Autorin widmet, ist die schon häufig gestellte Frage, wie es sein konnte, dass nach Kriegsende so viele, an Verbrechen beteiligte, Menschen in ihre alten Berufe zurückkehren konnten? Die sogenannte Entnazifizierung machte es möglich, an Aufklärung bestand nur noch ein bedingtes Interesse, denn das Land sollte ja wiederaufgebaut werden. Etliche Personen, die normalerweise verurteilt worden wären, schafften es bekanntlich in höchste Ämter wie beispielsweise Reinhard Gehlen; während des Krieges Chef des FHO, Fremde Heere Ost, beauftragt mit der Planung für Barbarossa, den deutschen Angriffskrieg auf die Sowjetunion. Mit Hilfe der Amerikaner wurde er 1956 Präsident des neu gegründeten Bundesnachrichtendienstes und blieb es bis 1968. Andreas Pflüger erzählt dies beeindruckend in seinem lesenswerten Roman „Ritchie Girl“.

Wer sich für Zeitgeschichte interessiert, findet in dem hier vorliegenden Roman einen gelungenen Einblick in die Nachkriegsjahre. Hunger und große Not bestimmen den Alltag, woran die Währungsreform in ihren ersten Wochen wenig ändert. Doch für Frieda ändert sich alles, denn zuvor lebte sie von Geschäften auf dem Schwarzmarkt, der am 20. Juni 1948 zusammenbricht. Es gibt in den Geschäften wieder alles zu kaufen, allerdings zunächst nur zu sehr hohen Preisen.

Die Lebensverhältnisse, die Nachwirkung des Kriegsgeschehens und dort begangener Verbrechen, die Folgen der Entnazifizierung und die große Frage nach der Schuld, die zahlreiche Facetten aufzeigt, werden einfühlsam beschrieben. Das Zwischenmenschliche, nicht nur bezogen auf Bruns und Anne, kommt dabei nicht zu kurz; ganz im Gegenteil. Ebenso wie zahlreiche Alltagsbanalitäten nimmt es zu viel Platz ein, so dass der Krimiplot selbst ab und an aus dem Blick gerät. Ermittelt wird oberflächlich, zumal der vermeintliche Mörder von Beginn an festzustehen scheint. Pünktlich zum Finale warten dann aber gleich mehrere Überraschungen und Wendungen auf.

Kurz: Von einigen Längen abgesehen, ist „Helle Tage, dunkle Schuld“ ein lesenswerter Roman, nicht nur für jene, die sich für deutsche Zeitgeschichte interessieren.

  • Autorin: Eva Völler
  • Titel: Helle Tage, dunkle Schuld
  • Verlag: Droemer
  • Umfang: 400 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Oktober 2023
  • ISBN: 978-3-426-30944-5
  • Produktseite

Wertung: 11/15 dpt

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