Dunkle Abgründe wohin man blickt

Seit rund einem Jahr arbeitet Will Seems als Deputy Sheriff in Euphoria, einer Kleinstadt in der Southside Virginias. Zehn Jahre lang lebte er zuvor in der „Holy City“ Richmond, doch eine alte Schuld trieb ihn zurück. Damals rettete ihm sein bester Freund Sam Hathom womöglich das Leben als beide von Weißen angegriffen wurden. Wie betäubt sah Will seinerzeit zu, während sein schwarzer Freund Sam schwerwiegende Verletzungen erlitt. Drogen bestimmten fortan sein Leben, jetzt will ihm Will beim kalten Entzug helfen, weswegen er ihn auf der früheren Farm seiner Eltern versteckt, obwohl Sam mit Haftbefehl gesucht wird. Aber würde er im Gefängnis mit seiner Sucht überleben?
Als in Turkey Creek das Haus von Tom Janders niederbrennt, gelingt es Will gerade noch, dessen Leichnam ins Freie zu ziehen. Dadurch kann der Gerichtsmediziner erkennen, dass Tom unmittelbar vor dem Brand erstochen wurde. Als Sheriff Mills vor Ort erscheint, nehmen beide eine Bewegung hinter dem Haus war und stellen kurz darauf den flüchtigen Zeke, Sams Vater. Er habe als Nachbar das Feuer gesehen und wollte helfen, doch Mills sperrt ihn ein und hat hierfür gute Gründe. Zeke war zur Tatzeit vor Ort, hatte angeblich bei Tom Spielschulden und nicht zuletzt waren an der gefundenen Tatwaffe seine Fingerabdrücke.
„Mrs. Janders, ich verspreche, dass wir so gründlich ermitteln, wie wir können. Ich verspreche, wir werden …“
„Lass die Versprechungen. Versprechungen führen zu Lügen.“
Will glaubt keinen Moment daran, dass Zeke der Mörder ist, weswegen er eine Chance sieht, ein wenig seine alte Schuld begleichen zu können. Dabei stellt sich allerdings heraus, dass Sheriff Mills nur begrenzt an einer weiteren Klärung des Falles interessiert scheint, diesen gar ein wenig sabotiert. Als die Privatdetektivin Bennico Watts, eine jüngst wegen illegaler Durchsuchung entlassene Polizistin, die Bühne betritt, macht es die Sache für alle Beteiligten nicht einfacher.
Debüt Edgar 2025
„Holy City“ (Heilige Stadt) klingt ein wenig wie Hohn für Richmond, wo Will für seinen besten und einzigen Freund gelegentlich Drogen kauft, um dessen Ausstieg langsam zu begleiten. Noch schwieriger wird es bei dem eigentlichen Ort der Handlung namens Euphoria, denn dieser ist vom Niedergang geprägt. Es ist ein Country Noir, in dem maßgeblich der Ort die Handlung prägt, was bei Titeln des Polar Verlages nicht selten der Fall ist. Es ist ein Südstaatenroman, dessen Geschichte in der Gegenwart nicht vergessen ist. Die Sklaverei wurde vor Jahrzehnten abgeschafft, das schon, doch von Gerechtigkeit ist nichts zu sehen. Sheriff Mills zieht seit Jahrzehnten seine Runden, beherrscht die Stadt nach Belieben und nutzt das Mittel der Erpressung nicht selten aus. So hat er Bill Seems, Wills Vater, in der Hand, weswegen Will selbst nur eingeschränkt handlungsfähig ist.
„Es könnte also Notwehr gewesen sein.“
„Klar. Ja. Aber unschuldig ist hier keiner.“
Der Begriff Kriminalroman dürfte einmal mehr zu Diskussionen führen, zumindest testet der vorliegende Roman, ausgezeichnet mit dem Debüt Edgar 2025 (das Edgar Allen Poe Museum befindet sich übrigens in Richmond) sowie dem französischen „Transfuge Prix Polar“, die Grenzen des Genres aus. Faszinierend sind dabei die düsteren Facetten, die Trostlosigkeit, in der alle Figuren gefangen sind. Alle haben ihre echte oder sprichwörtliche Leiche im Keller, warten auf Vergebung und Erlösung, wo es keine geben kann. Nach und nach erfährt Will Geheimnisse seiner eigenen Familie, so über den Tod seiner Mutter, und kann dennoch seinem moralischen Gefängnis nicht entkommen. Er gibt sich die Schuld am Leid seines Freundes, dem er damals nicht geholfen hat, wobei er tatsächlich angesichts der Überzahl nicht hätte helfen können.
„Ich dachte, du wärst anders. Ein Weißer, dem nicht alles egal ist.“
Wo Schuld und Sühne eng beieinander liegen, ist der Glaube an Gott und der Weg zur Bigotterie nicht weit, für manche der einzig mögliche Fluchtweg. Die Ohnmacht der Figuren und deren Verkettungen untereinander prägen den Roman, während eine Ermittlung der Todesumstände im Fall von Tom Janders nur bedingt möglich ist. Mills blockiert, Seems hadert mit sich selbst und lediglich Bennico bringt gänzlich unbeschwert den Elan auf, die Wahrheit ans Licht zu fördern. Sie hat allerdings auch am wenigsten zu verlieren, Mills und Will hingegen alles. Die Spannung hinsichtlich des wahren Mörders ist überschaubar, denn die Auflösung steht früh fest, wobei dies auch nicht Kern des Plots ist. Nicht nur der Widerstand von Mills sowie Sams Drogenprobleme sorgen in der Folge für bedrückende Spannung der anderen Art.
- Autor: Henry Wise
- Titel: Holy City
- Originaltitel: Holy City. Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn und mit einem Nachwort von Alf Mayer
- Verlag: Polar
- Umfang: 344 Seiten
- Einband: Hardcover
- Erschienen: Januar 2026
- ISBN: 978-3-910918-40-5
- Produktseite

Wertung: 12/15 dpt




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