Jim Nisbet – Der Krake auf meinem Kopf (Buch)

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Jim Nisbet-Die Krake auf meinem Kopf-CoverDer titelgebende Krake ist das Tattoo auf Curly Watkins’ kahlem Schädel, ein Überbleibsel aus wilden Punk-Tagen, der Hauch einer Erinnerung an eine Zeit, als es schien, Musik könne wild und ein wenig gefährlich sein, sogar im ehemaligen Flower-Power-Schmelztiegel San Francisco.  Doch statt nach neuen musikalischen Facetten und Möglichkeiten zu suchen, verdient sich Curly einen Hungerlohn, indem er in einer Szenekneipe Jazz- und andere Standards auf der Gitarre zum Besten gibt.
Immerhin arbeitet er als Musiker, im Gegensatz zu seinem Kumpel Ivy Pruitt, der seine Drumsticks in die Ecke geschmissen hat und auf seine Vergangenheit als exzellenter Drummer keinen Wert mehr legt. Sich stattdessen mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und ansonsten damit beschäftigt ist, “den Drachen zu jagen”. Teerheroin hilft dabei.

Statt mit Curly in einer Band zu spielen, gehen die beiden also auf Drachenjagd, geraten in eine Razzia, die für Ivy im Knast endet. Gemeinsam mit Ivys Freundin Lavinia versucht Curly das Geld für die Kaution aufzutreiben, indem er unbezahlte Instrumente gegen Provision zum Verkäufer zurückschafft. Was zunächst nach  einem relativ leichten Job aussieht, wird zu einer Reise in die Finsternis, die mit einer Leiche beginnt und bei einem der bizarrsten Serienkiller der jüngeren Literaturgeschichte endet.        

Wobei Nisbet nicht den Fehler begeht, seine Figuren sensationslüsterner Abstrusität zu opfern. Sein Killer steht am Endpunkt der Entfremdung. Nicht in der Lage, zu seiner Umwelt und seinem Selbst eine Bindung aufbauen zu können versucht er seine Einsamkeit durch gewalttätigen Lustgewinn kurzzeitig zu überwinden und sieht sich dabei als kreativer Gestalter. Doch Kreativität stirbt ohne Empathie. Wie die Opfer. Um die es im Zentrum des Romans geht. Nisbet zeigt Menschen in einer Stadt und einer Zeit bar jeder Illusionen. Selbst kleine Träume werden rasch zunichte gemacht.

Was zählt, ist der Gebrauchswert im gängigen Warenwirtschaftssystem. Musik hat nichts mehr mit Talent, Engagement, Revolte und Visionen zu tun, sondern wird nach ihrem Unterhaltungswert beurteilt. Curly hält sich als Gitarrist mit dem Spielen von Easy-Listening-Standards knapp über Wasser, er beherrscht die Kunst, nicht unangenehm aufzufallen, während das Kneipenpublikum speist. Ivy ist konsequenter und ausgestiegen, keine Frage, dass ihn Curlys wohlmeinende, aber wenig konsequente Versuche nicht zur Musik zurückbringen. Im Gegenteil. Er hat seine Drogen und Gelegenheitsjobs und bald folgt Curly eher ihm als umgekehrt. Lavinia sorgt für ein bisschen Aufruhr, doch auch dies halbherzig, denn sie hat genug finanzielle Ressourcen im Hintergrund, um ihrem Underdog-Dasein jederzeit den Rücken kehren zu können.

Jim Nisbet beschwört mit “Der Krake auf meinem Kopf” keinen nostalgischen Abgesang auf vergangene (Hippie-)Ideale, nichts liegt ihm ferner als eine verklärte “früher war alles besser”-Attitüde. Er lässt die ideellen und beruflichen Intentionen seiner Hauptfiguren mit einer Wirklichkeit kollidierten, die sich wenig um Inhalte, sondern mehr um deren Vermarktung schert. Was die Möglichkeit eröffnet, das unkonventionelle Trio als Melange aus Noir-Drifter und Privatdetektiv ohne Attitüde wirken zu lassen. Die das Glück haben, dass der ermittelnde Polizist nicht dem gängigen Klischee des starrköpfigen Ermittlungsboykotteurs entspricht. Sonst wären am Ende nur Opfer zu beklagen.

Der Noir und die Zivilisationskritik. Jim Nisbet bringt das locker unter einen Hut, ködert den Leser beiläufig noch mit multikulturellen Verweisen und Referenzen, ohne dass es aufgesetzt wirkt oder der schwarzhumorige, finster-spannende Verlauf der Geschichte samt kontrastierendem Wendepunkt Belehrungen und Gefühlsduselei geopfert wird. Sentimentalitäten hingegen erlaubt er seinen Figuren wohl, doch die sind gesetzt wie Nadelstiche.

P.S.: Auf Seite 116 wird es dann doch einmal wehmütig. Dort findet sich nämlich eine Bücherliste, die sich wie ein Paradigma von Sex, Drugs, Rock’n’Roll und politischem Widerstand liest: Unterwegs zu den Bergen des Wahnsinns, als Fremder in einer fremden Welt, dessen Seele gefressen wurde wie ein nacktes Mittagessen (Siouxsie würde sagen: ‘Mittageisen’) oder auf Eis lag, während das andere Geschlecht in Gestalt von Justine und eines weiblichen Eunuchen, LSD-Astronauten gleich im Wendekreis des Krebses über das Kuckucksnest flog; nur um festzustellen, dass die schöne neue Welt unter einer Glasglocke liegt. Der Steppenwolf heult dazu unter Strom und öffnet die Pforten der Wahrnehmung – es gibt so viel, dass man wieder oder neu lesen könnte.

Cover © pulp master

  • Autor: Jim Nisbet
  • Titel: Der Krake auf meinem Kopf
  • Originaltitel: The Octopus On My Head
  • Übersetzer: Ango Laina, Angelika Müller
  • Verlag: pulp master
  • Erschienen: 14.07.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3927734487
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 12/15 dpt

 


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman “Mitternachtsblues” (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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2 Kommentare

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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