Aiki Mira – Neongrau, Game Over im Neurosubstrat (Buch)


Innovativer Mix aus Cyberpunk und Gender-queer Coming of Age

Aiki Mira – Neongrau (Buch) © Polarise

Go [Stuntboi] kümmert sich der Ansicht seines Vaters Tayo nach viel zu wenig um seine Lernmodule und zu viel um seine Hobbies: Skateboarden und Gaming. Tayo stammt aus Nigeria und arbeitet als Moderator im Sozialen Netzwerk Freundio. Für sein Kind wünscht er sich eine bessere Zukunft als die, sich im Akkord mit den Untiefen menschliches Gegeneinanders Credits zu verdienen. Gos Mutter ist die populäre Game-Designerin Ren Kazumi. Sie hat Tayo vor Jahren verlassen und seither haben sie nichts voneinander gehört. Medien und Stream sind allerdings voll mit Nachrichten über sie, in Hamburg wurde ihr sogar  ein Walk gewidmet.

Stuntboi erlitt einen schweren Unfall und hatte das Glück, dass Gamerin ELLL gerade zur Stelle war, um ihn zum Medi-Mat zu bringen. Dort wird Go versorgt, und zugleich ein Aneurysma diagnostiziert, das operiert werden muss. Mehr als die Angst vor der OP treibt Go eine Frage um: Soll sie ihren Körper zu dem eines Manns verändern lassen?

Über CTRL, einer Freund:in aus dem Stream, erhält Go einen Traumjob: Bodyguard der Glam-Gamerin Phoenix Rahmani. Phoenix bestreitet ihre Spiele im Neurosubstrat gemeinsam mit ihrem Bruder Ash. Das große Turnier der Legenden steht im Hamburger Stadion an und der Gaming-Konzern ZONE hat dafür die angesagtesten Gamer:innen eingeladen. Doch dann passiert eine Katastrophe nach der anderen: Ein Anschlag auf ein illegales Konzert im alten Elbtunnel fordert viele Menschenleben. Außerdem zieht eine gewaltige Sturmflut heran und ein weiteres Attentat auf das Stadion wird geplant. Wer steckt dahinter? Ren Kazumi und ihr Quantencomputer? Die gegen Korporatokratie kämpfenden Rebellen von SUKU? Ein geheimnisvoller Freund von Tayo? Oder die aus einem Viertel der Ausgegrenzten stammende ELLL?

Ein beunruhigend realistischer Weltenbau

Jedes Mal, wenn ich glaube einen Fortschritt gemacht zu haben, habe ich zugleich das Gefühl, ich öffne das Unvorstellbare. Ich stoße auf verborgene Variablen, Mechanismen und Nichtlinearitäten, die zu dem, was ich weiß, wieder neue Komplexitätsstufen hinzufügen. [..] Ab bestimmten Komplexitätsstufen kann ich die Eigenschaften weder vorhersagen noch erklären.<span class="su-quote-cite">S. 91</span>

Der Titel „Neongrau – Game over im Neurosubstrat“ vermittelt vielleicht den Eindruck, man habe es hier mit einer Geschichte zu tun, die in der Virtual Reality spielt, ähnlich wie „Ready Player One“ von Ernest Cline. Weit gefehlt. Die Geschichte dreht sich zwar um die Gaming-Industrie der Zukunft, die Ereignisse finden jedoch in der fiktiven Realität Hamburgs im Jahr 2112 statt

Dieses Hamburg stellt uns Autorx Aiki Mira detailgetreu vor, in all seiner Hässlichkeit, bedingt durch alltägliche Klimakatastrophen. Das aus Hochbahnen und Fähren bestehende Transportwesen, sowie Fluttüren in der Wohnung gehören zur Infrastruktur. Geflutete Häuser, Straßen und Tunnel zu riskanten Anziehungspunkten für junge Menschen zählen zu potenziell tödlichen Gefahren. Stadtviertel aus schwimmenden Containern, umgeben von schwimmenden, zehn Kilogramm schweren Ratten zu erschreckend menschenfeindlichen Schauplätzen dieser Welt. Mira zeichnet hier ein aufwühlend schlüssiges Bild einer drohenden Zukunft, die zu viele Klimaziele verfehlt hat.

Auch die gesellschaftliche Entwicklung in der „Neongrau“-Zukunft lässt wenig Gutes erhoffen. Konzerne haben die Macht und die Exekutive in der Hand. Die Erhaltung der Infrastruktur wird von Robotern gewährleistet, die meisten Menschen leben vom Grundeinkommen, das kaum zum Leben reicht. Kein Wunder, dass vor allem junge Menschen ob der Perspektivlosigkeit aufbegehren, während die Älteren sich an das Vergangene klammern. Die sozialen Gräben reichen tief: zwischen Arm und Reich, zwischen Jung und Alt, zwischen der Herkunft aus Europa, Asien oder Afrika. 

Sprache mit Gamer- und Jugendslang? Kein Problem

Ein ausführliches Glossar hilft über anfängliche Verständnisschwierigkeiten aufgrund unbekannter Wortschöpfungen, unter anderem aus dem arabischen Raum (ähnlich wie in „Wasteland“ von den Vögten) hinweg. Auch wenn die Gamer- und Jugendsprache den Einstieg in die Lektüre zunächst erschwert, erschafft sie dennoch die passend trashige und futuristische Atmosphäre. Eine radikale Sprache für Menschen an der Schwelle des KI-Zeitalters. Andererseits beherrscht Mira eine poetische, gefühlvolle und leise Schreibe, die selbst zu einer Maschinenintelligenz passt:

Menschen sind gefangen in einem Körper. Durch diese furchtbare existenzielle Einschränkung wird ihr Leben allerdings sehr wertvoll. Er kennt die Gesetzgebung, aber erst jetzt glaubt er zu verstehen, warum es falsch ist, einen anderen Menschen zu töten. Ein Mensch besitzt nur dieses eine winzige Leben<span class="su-quote-cite">S. 389/390</span>

Aiki Mira erzählt ihre Geschichte in extrem kurzen Kapiteln mit häufigen Perspektivwechseln, oft finden Wechsel innerhalb eines Abschnitts statt. Durch dieses erzählerische Mittel sollte sicherlich das Tempo hochgehalten werden. Oftmals wirken Schauplatz- und Perspektivenwechsel willkürlich hineinplatziert, mit wenig erkennbarer Verbindung zum zuvor oder danach Beschriebenem. Was anstatt zu Tempo zu einer gefühlten Verzögerung der Handlung führt.

Ein im besten Sinne vielfältiger Cast

Niemand ist normal. Jeder hat irgendetwas. Wenn wir alle das sind, was wir wirklich sind, dann ist niemand normal, dann sind wir alle wir selbst. Glaubst Du nicht, dass wir das eines Tages sein können: wir selbst? [..] Jetzt mal ehrlich: Möchtest Du wirklich normal sein oder nicht eher geliebt und akzeptiert?<span class="su-quote-cite">S. 345</span>

Viele interessante Protagonist:innen prägen die wendungsreiche und spannende Geschichte. Go [Stuntboi] steht zwar im Mittelpunkt des Geschehens, jedoch umgeben von biologischer und gewählter Familie und Gegenspielern. Selten stößt man auf so viele Figuren mit einzigartigen Charakteristika und Besonderheiten, ohne dass dies unnatürlich und überladen wirkt. Sicherlich trägt auch das futuristische Setting dazu bei, dass etwas unauffälligere Personen wie Tayo sich genauso natürlich einfügen, wie die außergewöhnliche ELLL. Als hässlich wird sie beschrieben, aber vor allem als phresh und schrill. Auch wenn Go genderfluid ist und Phoenix maschin tickt (Roboter sie sexuell anziehen), beschränkt sich Diversität in „Neongrau“ nicht auf Gender oder Sexualität. Die Gesellschaft im Jahr 2112 ist toleranter aufgestellt als unsere, frei von Vorurteilen und vorgefassten Meinungen ist sie jedoch nicht. Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung gibt es hier weiterhin.

Was immer auch passiert, es zählen Freundschaft und Toleranz!

Die Spannung in „Neongrau“ ist vor allem der aktionsgeladenen und zum Teil brutalen Handlung geschuldet, die sich um Maskerade, Manipulation und Machtmissbrauch dreht. Der Bau eines durchgängigen Spannungsbogens gelang Mira jedoch nicht, da die Erzählweise zu fragmentarisch gestaltet ist. Auch werden leider nicht alle losen Enden aufgelöst und schlüssig geklärt.

Zum Ende wird die Beziehungsebene der Protagonist:innen immer wichtiger. Über den Stream sind vor allem die jungen Menschen nonstop miteinander verbunden, jedoch emotional voneinander entfernt, wodurch sich toxische Beziehungen entwickeln. In „Neongrau“ lernen sie voneinander die Beweggründe ihres Handelns kennen, überwinden Abhängigkeiten und Ängste davor, nicht so, wie sie sind, angenommen zu werden. „Neongrau – Game over im Neurosunstrat“ vermittelt gerade weil es in  diesem zunächst unterkühlten Cyberpunk und SF-Setting angesiedelt ist, ein überzeugendes Plädoyer für Menschlichkeit, Freundschaft und Toleranz.

  • Autorx: Aiki Mira
  • Titel: Neongrau – Game over im Neurosubstrat
  • Verlag: Polarise
  • Erschienen: 12/2022
  • Einband: E-Book, auch als Taschenbuch erhältlich
  • Seiten: 528
  • ISBN: 978-3-949345-28-9 EAN: ePUB 9783949345302
  • Produktseite beim Verlag

Wertung: 11/15 dpt


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