Gerhard Kaldewei – Es wehte hier eine andere Luft. Hertha Koenig – Ein Lebensweg (Buch)


Historische Biografie einer besonderen Frau

Buchcover von Gerhard Kaldeweis Buch über Hertha Koenig mit dem Titel "Es wehte hier eine andere Luft"
Cover © Pendragon Verlag

Hertha Koenig lebte von 1884 bis 1976. Sie war Mäzenin, großzügige Förderin verschiedener Schriftsteller und bedeutende Kunstsammlerin. Sie war ebenfalls als Autorin tätig und veröffentlichte Gedichte, mehrere Romane und einen Band mit Erinnerungen an “Rilkes Mutter” (so auch der Titel des Buches). Obwohl ihr Lebensweg selbst auf den ersten Blick äußerst ungewöhnlich und interessant ist, dürfte sie heute einem breiten Publikum eher unbekannt sein. Anlass genug, die kürzlich veröffentlichte Biografie, verfasst von Historiker Gerhard Kaldewei, einmal näher in Augenschein zu nehmen …

“Es weht hier eine andere Luft …”, das schrieb der Schriftsteller Oskar Maria Graf über die Literarischen Salons in Koenigs Münchner Wohnung um 1917. Dort trafen sich expressionistische Schriftsteller und namhafte Künstler der damaligen Zeit, die weitere Interessierte in den offenen Kreis einführten. Als Gastgeberin war Hertha Koenig damals 33 Jahre alt, aus einer wohlhabenden Familie stammend und doch völlig eigen in ihrer Lebensführung mit klaren Zielen vor Augen. In der Förderung von Künstlern war sie ihr Leben lang äußerst spendabel und großzügig, auch wenn erträumte Projekte schlussendlich doch nicht realisiert worden waren oder in der Umsetzung scheiterten. Sie unterstützte alternative Ideen bedingungslos, wenn sie davon überzeugt war.

Den Familiennamen Koenig kennt man heute noch in Bonn: Dort steht “Das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig”. Es handelt sich hierbei um Hertha Koenigs Onkel, der als Zoologe 1912 den Grundstein für das Museum legte. 1

Hertha Koenig und der Picasso

Frühzeitig begann sie den Aufbau einer Kunstsammlung, darunter Werke von Pablo Picasso, Emil Nolde und Ferdinand Hodler. Ihre imposante Wohnung in München suchte sie nach einem ganz speziellen Kriterium aus: Sie musste genug Luft und Raum für ihr großes Picasso-Gemälde “La famille des Saltimbanques” (dt.: Die Familie der Gaukler) bieten, das sie freigiebig allen interessierten Augen zum Studieren und Bewundern zugänglich machte. 2 Wie viel die Kunst Hertha Koenig bedeutete, macht diese Anekdote deutlich, denn Koenig sagte über die Wohnung: “Das passte zu mir wie ein Schloß zu einem Handwerksburschen.” – auf einen representativen oder verschwenderischen Lebensstil verzichtete sie trotz großem Familienvermögen und auch sonst zeigt sie sich in ihrer Biographie als eine Frau von großer Bescheidenheit und Freigiebigkeit gegenüber anderen, nicht jedoch gegenüber sich selbst. Dieses unterhaltsame Zitat aus dem Vorwort von Alexander Häusser bringt einem die Person Hertha Koenig auf eine Art und Weise nah, wie es kaum ein zweites Mal im Buch der Fall ist. Leider! Den großen Picasso in der Münchner Wohnung kann man auch auf einer der vielen Schwarzweiß-Fotografien im Buch bewundern.

Das Familiengut Böckel

Hertha Koenig gehört zu den Menschen, deren Biographie durch das Erleben zweier Weltkriege maßgeblich geprägt wurde. Die Zeit der beiden Kriege sind eng verknüpft mit dem Familiengut Böckel. Ein großzügiges Gehöft mit mehreren Bauten im ländlichen Ostwestfalen. In den Familienbesitz gelangte es 1874 durch Hertha Königs Großvater Leopold Koenig, dem Inhaber eines sehr erfolgreichen deutsch-russischen Zuckerimperiums. Während der Zeit des Ersten Weltkrieges beherbergte Koenig dort nicht nur Rainer Maria Rilke, sondern bot auch weiteren Dichtern Schutz und Unterkunft. In den letzten Kriegsmonaten wurde auf dem Gut ein Notlazarett für verwundete Soldaten eingerichtet und Hertha König brachte ihre praktische Erfahrung als Krankenschwester bei der Arbeit ein. Ende 1933 zog Hertha Koenig endgültig aus München zurück und wurde Gutsherrin auf Böckel. Sie übernahm damit Verantwortung über mehr als 200 Angestellte und deren Angehörige auf 500 Hektar Land – eine Arbeit, der sie sehr erfolgreich und mit größtem Pflichtbewusstsein nachging. Eindrucksvoll belegt von einer Fotografie, die das Erntedankfest 1939 mit allen Arbeiterinnen und Arbeitern sowie deren Kindern auf Gut Böckel zeigt. Zu einer Zeit, als “dunkle Wolken aufstiegen”:

Im letzten Kriegsherbst erwartete den Gutshof noch eine schwere Probe: SS-Einquartierung. Dunkle Wolke, die über dem freien Himmelsausschnitt über den alten Bäumen aufstieg.Hertha Koenig erinnert sich, S. 150

Während der politischen Anfänge Adolf Hitlers, traf Koenig diesen persönlich. Freunden gegenüber gibt sie sich einsilbig. Sie kommt zu folgendem Schluss:

Ich frage mich, ob ich mit ihm etwas von den Fragen besprechen könnte, die mir in meinem kleinen Gutsbereich immer bedrängender werden. Und die Antwort in mir war ein entschiedenes ‘Nein’. Denn bei mir handelt es sich um Menschen; nicht wie bei ihm um ‘Menschenmaterial’.Hertha Koenig über Adolf Hitler, S. 105

Fazit zum Buch

Es ist ganz erstaunlich, dass eine sozial sowie kulturell engagierte Frau heute einfach in Vergessenheit geraten ist. Das mag mit ihrer bescheidenen Art und ihrem Geschlecht zusammenhängen, das zu ihren Lebzeiten hinter Männern in Politik und Gesellschaft in den Hintergrund rückte. Umso wichtiger ist es heute, den Namen Hertha Koenig wieder ins kollektive Gedächtnis zurückzuholen, was der Historiker Gerhard Kaldewei mit seiner Biographie ein stückweit ermöglicht. Allerdings bildet das Buch vorrangig Fakten ab, was der Klappentext als “Schilderung des Lebenswegs einer außergewöhnlichen Frau im Spiegel ihrer Zeit” nennt. Wer sich also einen persönlichen Zugang zum Menschen Hertha Koenig wünscht, kommt etwas zu kurz: Vielmehr beanspruchen politische, literarische und künstlerische Weggefährten einen Großteil der Seiten. Zeitweise ist ein Nachschlagewerk ratsam, wenn es in soziopolitische Tiefen geht und Namen und Daten wie an einer Perlenkette aneinandergereiht werden … Was schade ist, denn so bleiben viele Fragen zur Person Koenig offen. Besonders oft liegt der Fokus auf Rainer Maria Rilke und anderen Künstlern und Autoren, deren Namen noch immer bekannt sind. Sicherlich war ihre Verbindung zu Koenig bedeutsam, allerdings schweifen die Ausführungen zu oft ab, als dass es für das Buch noch von Bedeutung wäre. Am aufschlussreichsten sind doch die Zitate von Koenig selbst, die insgesamt rar gesät sind und eher Fragen aufwerfen, da persönlich Interessantes nur am Rande erwähnt wird.

Erfreulich ist, dass einige Gedichte Koenigs abgedruckt werden und auch auf literarische Projekte eingegangen wird. Wer allerdings mehr über ihrer schriftstellerische Tätigkeit erfahren möchte, muss wohl zu einem anderem Buch greifen, oder am besten direkt zu einer der Neuausgaben ihrer Gedichte und Romane, die ebenfalls im Pendragon Verlag erschienen sind. Kurzum: Wer sich für literarische Salons oder das Schaffen “einer der bedeutendsten Lyrikerinnen ihrer Zeit” (Klappentext) interessiert oder ein feministisch-orientiertes Buch erwartet, könnte enttäuscht sein. Wer Freude an Geschichte hat und soziopolitisches Hintergrundwissen zu den 20ern und 30ern in Deutschland mitbringt, ist hier richtig. Auf jeden Fall aber bleibt am Ende der Lektüre die Bewunderung für eine starke Frau zurück – und der Wunsch, an der ein oder anderen Stelle, noch einmal einzuhaken ..


Wertung: 9/15 dpt


Verwendete Fußnoten im Text:
  1. Nachzulesen auf der Webseite des Museums: Geschichte()
  2. Rainer Maria Rilke regte Koenig zum Kauf des Bildes an, verweilte mehrfach stundenlang in ihrer Wohnung darunter und ließ sich zu Gedichten seiner “Duineser Elegien” inspirieren.()
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