André Breton – Anthologie des schwarzen Humors (Buch)

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André Breton - Anthologie des schwarzen Humors (Buch) Cover © Rogner & BernhardAls Schwarzer Humor wird gemeinhin ein solcher bezeichnet, der das Lachen im Halse belässt, knapp unterhalb der Kehle. Er packt sich Themen, über die normalerweise der Pietät wegen nicht gelacht werden darf und überzeichnet sie satirisch. Krankheit, Verderben,Tod und Gewalt sind nicht mehr als ein Schulterzucken wert, die Grenzen des guten Geschmacks höchstens eine Richtlinie. 1939 erschien die „Anthologie des Schwarzen Humors“, herausgegeben von André Breton, einem der wichtigsten Theoretiker des Surrealismus, zum ersten Mal – und wurde auch umgehend verboten. Erweiterte Ausgaben erschienen 1945 und 1950, in ihrer vorliegenden Fassung, neu veröffentlicht von Rogner & Bernhard, erblickte sie 1966 das Licht der Welt. Was genau unter Humor zu verstehen ist und wie er funktioniert, untersuchte schon Sigmund Freud. André Breton versammelt in seiner Anthologie nun einen veritablen Querschnitt durch die satirische, die surrealistische Literatur, deren oberflächlicher Irr- und Unsinn durch einen doppelten Boden gestützt ist. Wer in dieser Anthologie allerdings Texte erwartet, über die er herzhaft und ohne zuvor größere geistige Anstrengungen unternommen zu haben, lachen kann, – der irrt. Jonathan Swift empfiehlt zur Lösung des drängenden Problems der Überbevölkerung das Mästen und Verspeisen der eigenen Kinder. Wenn man sie gewinnbringend verkaufen könne, gehe man überdies auch deutlich besser mit ihnen um. Auch de Sade schreibt von Menschenfressern und Kinderschändern in einem Palast voller Knochen und lebendigen Möbeln. Thomas de Quincey, bekannt für seine „Bekenntnisse eines Opiumessers“, betrachtet den Mord als ästhetische Kategorie und führt daraufhin aus, welche Arten von Menschen sich am besten als Opfer eigneten. Nicht als Anleitung zur praktischen Umsetzung, zur Schärfung des Intellekts, wie er schreibt. Der Papst eigne sich, ähnlich wie andere im Licht der Öffentlichkeit Lebende, eher nicht. Wer denkt da nicht einen Moment an Hitchcocks ,Cocktail für eine Leiche‘ und die zwei Studenten, deren einziges Ziel es war, den perfekten Mord zu begehen? Die Moral und das Gesetz treten zugunsten anderer Perspektiven in die zweite Reihe zurück. Bei Christian Dietrich Grabbe erfriert der Teufel – oder doch nur eine deutsche Schriftstellerin. Baudelaire schilt den Glaser, der durch ein Armenviertel läuft, ohne mit farbigem Glas wenigstens die Schönheit vorzutäuschen, wenn sie schon in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Starre Denkmuster aufzubrechen, Perspektiven zu erweitern, Blickwinkel zu verändern war seit jeher auch Anliegen des Surrealismus. Im vermeintlich Absurden die Welt erkennen und begreifen – sie abbilden wie sie ist. Georg Kreisler, bekannt für seine zynischen Lieder über das Taubenvergiften oder Erschlagen der eigenen Ehefrau, sagte einmal, er sei nicht böse. Er versuche nur, das Böse der Welt nachzuahmen, um es sichtbar zu machen. Letztlich ist schwarzer Humor, so, wie er heute verstanden wird, niemals weit entfernt von der Realität. Statt die Schwärze der Welt zu leugnen, überzeichnet er sie, gibt ihr eine Sprache und Geschichten, mit der sie leichter zu erkennen und leichter zu ertragen ist. Breton stellt seiner Anthologie noch einige grundsätzliche Überlegungen zum Humor, insbesondere dem schwarzen, voran. Und liefert mit dieser Sammlung ein Standardwerk, das von de Sade über Baudelaire, von Carroll über Kafka und von Apollinaire bis Picasso alles versammelt, das der Welt die Zähne zeigt. Lohnenswert und in höchstem Grade widerspenstig!

Cover © Rogner & Bernhard

Wertung: 13/15 dpt

  • Autor: André Breton
  • Titel: Anthologie des schwarzen Humors
  • Originaltitel: Anthologie de l’humour noir
  • Übersetzer: Rudolf Wittkopf
  • Verlag: Rogner & Bernhard
  • Erschienen: 2011
  • Einband: Broschur
  • Seiten: 555
  • ISBN: 978-3-8077-1083-9
  • Sonstige Informationen: Produktseite beim Verlag

 


Über den Autor


Ehemalige Redakteurin (verließ uns 2014 wieder, um sich wieder voll ihrem Blog „Literaturen“ zu widmen)

Was gibt es so über mich zu erzählen, was in einen möglichst prägnanten und hübschen Fließtext passt? Ich bin 23 Jahre und bin mittlerweile ausgebildete Buchhändlerin. Ein antiquierter Beruf, mögen manche vielleicht denken, andere meinen, man säße als Buchhändler den ganzen Tag in dunklen Kammern zwischen staubigen Büchern und lese – die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

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André Breton – Anthologie des schwarzen H…

von Sophie Weigand Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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