A. M. Homes – Auf dass uns vergeben werde (Hörbuch, gelesen von Jürgen Uter)

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A. M. Homes - Auf dass uns vegeben werde (Hörbuch, Cover © GoyaLiT)Gnadenloser kann ein (Hör-)Buch kaum mit der Tür ins Haus fallen, denn die Ereignisse in A. M. Homes’ aktuellstem Roman “Auf dass uns vergeben werde” überschlagen sich gleich zu Beginn – die erste CD ist an Turbulenz kaum zu überbieten. Harold Silver, College-Dozent und Historiker mit Nixon-Vorliebe, ist eher die graue Maus der Familie, im Gegensatz zu seinem erfolgreichen Bruder George, einem Fernsehproduzenten, führt er selbst ein eher überschaubares, bescheidenes und gar langweiliges Leben. Bis zu diesem einen Tag. Ein Tag, der alles verändert. Der das weitere Drehbuch in Harolds Leben komplett neu schreibt.

Der stets schnell aufbrausende George baut einen schweren Unfall, bei welchem die Eltern eines Jungen namens Ricardo ihr Leben verlieren. George verkraftet dieses grausame Ereignis nicht und landet in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses. Harold kümmert sich um Georges Frau Jane – und landet mit ihr im Bett. George gelingt auf unerklärliche Weise die Flucht aus dem Krankenhaus, und sofort macht sich auf den Weg nach Hause, erwischt seine Frau mit seinem Bruder, wird einmal mehr jähzornig und brät seiner Frau eins mit der Nachttischlampe über. Dies allerdings derart heftig, dass Jane ins Koma fällt und wenig später ihren Verletzungen erliegt. Als logische Konsequenz darf George nun durch Gitterstäbe gesiebte Luft atmen.

Da die beiden Kinder der Eheleute George und Jane Silver, nämlich Ashley und Nate, nun ohne Eltern dastehen, trägt ab sofort Harold die Verantwortung für die Kids. Doch nicht nur das, denn auch um die Haustiere, das Haus selbst sowie um die Finanzen muss er sich nun kümmern. Das Chaos bricht nun erst recht über hin herein, denn zuerst verlässt ihn Claire, seine Frau. Ein wenig später erleidet der Gebeutelte einen Hirninfarkt, und dann verliert er auch noch seinen Dozentenjob. Was auch immer an Negativem geschehen kann: Harold widerfährt es.

Doch irgendwann endet ein persönliches Erdbeben auch mal, und mit dem Ende des Rattenschwanzes an Unereignissen verändert sich auch der mitunter derbe Schreibstil der US-Autorin und wird milder, ohne allerdings den Biss und die leicht satirische Note zu vernachlässigen – das Chaos muss Stück für Stück der Menschelei weichen, und der anfängliche Kampf mit der neuen Lebenssituation scheint sich zu lohnen. Innerhalb dieser schwierigen, herausfordernden Phase lernt Harold sich selbst immer besser kennen

Man darf nun als Leser respektive Hörer gespannt sein, welche Bilanz Harold Silver nach einem Jahr ziehen kann, mit diesem ihm unverhofft in die Hände gefallenen neuen Leben, in dem man sich (und der Protagonist sich selbst) die Frage stellen muss, wann das eigene Handeln nun “gut” oder “böse” ist – wann es allzu altruistisch (für alle da sein) und wann es allzu egoistisch (für sich selbst da sein, zudem sucht er recht bald rein sexuelle Kontakte via Internet) ist. Und diese innere Spannung macht den besonderen Kick dieses Werkes aus.

Das Beiwohnen der Geschichte ist eine schizophrene Angelegenheit, denn einerseits ist man sehr nah dabei, wird vom Erzähler andererseits immer wieder ein Stückweit auf Abstand gehalten, sodass man praktisch kein Beobachter im Türrahmen ist, sondern mehr oder minder hinter dem Türrahmen steht und vorsichtig hineinlugt, um ja alles mitzukriegen. Und so wird man Zeuge, wie ein einst unscheinbarer Mensch an sich wächst, zumal auch der verwaiste Sohn der verstorbenen Autounfallopfer Fürsorge erleben muss. Und neben Harolds Sexualtrieb wäre da ja noch dieses unberechenbare Ding namens Herz…

Harolds temporärer Begleiter zu sein erweist sich als eine äußerst packende Angelegenheit, und durch die Wärme und Echtheit, die die Story versprüht, fällt es auch leicht, dem Protagonisten nicht von der Seite zu weichen. Und hier kommt Sprecher Jürgen Uter ins Spiel, der mit seiner reifen, leicht heiseren und in den richtigen Momenten distanzierten, in den ebenfalls passenden Momenten warmen Stimme die passende Atmosphäre schafft, sodass man an kontinuierlich an seinen Lippen hängt. Auch die Ironie und Satire, die immer wieder hervorblitzt, bringt der Schauspieler hervorragend zur Geltung.

Dennoch hat man ab und zu das Gefühl, dass in diesem Hörbuch inhaltlich das ein oder andere fehlt, und anhand der Tatsache, dass das gedruckte Buch über sechshundert Seiten dick ist und sich die Hörbuchversion über gerade mal sechs CDs erstreckt, erhärtet sich der Verdacht, dass die Schere oftmals etwas zu exzessiv zum Einsatz kam. Was auch den Abzug in der Wertung erklärt.

Cover © GoyaLiT

  • Autor: A. M. Homes
  • Titel: Auf dass uns vergeben werde
  • Originaltitel: May We Be Forgiven
  • Übersetzer: Ingo Herzke
  • Label: GoyaLiT
  • Erschienen: 04/2014
  • Sprecher: Jürgen Uter
  • Spielzeit: ca. 7:34 Stunden auf 6 CDs
  • ISBN:  978-3-8337-3275-1
  • Sonstige Informationen:
    Gekürzte Lesung
    Produktlink beim Label
    Buchversion erschien bei Kiepenheuer & Witsch

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris’ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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A. M. Homes – Auf dass uns vergeben werde …

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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