Mordexzesse und Snuff-Videos

Kommissar Mads Lindstrøm sitzt schon im Flugzeug nach London, wo seine Schwester nebst deren Familie auf ihn warte, doch sein Chef Per Teglgard holt ihn förmlich aus dem Flieger, denn ein Leichenfund in Deutschland könnte für einen aktuellen Fall den Durchbruch bedeuten. Bei einem Spaziergang nähe Nieby an der Kieler Förde hat der Hund einer Spaziergängerin angeschlagen. Mads fährt zur Gerichtsmedizin in Kiel, wo er den Leichnam als jenen der elfjährigen Caroline Hvidtfeldt erkennt, die vor knapp drei Wochen verschwand. Ihre Eltern bestätigen die Identität ihrer Tochter.
Rechtsmediziner Werner Still aus Kiel erinnern die brutalen Verletzungen an einen gut ein Jahr zurückliegenden Fall. Damals wurde die Leiche der schwer misshandelten Lea Dietrich, neun Jahre, gefunden. Der zuständige deutsche Kommissar Thomas Beckmann will keinen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen erkennen, während Lindstrøm sich seiner Sache sicher ist. Wenig später gibt es eindeutige Beweise, die Carolines Vater belasten, der die Tat rundweg und in aggressivem Ton abstreitet. Er wird verhaftet und bestreitet weiter alles ab. Aber warum gibt er ein nachweislich falsches Alibi an? Wenig Später entdecken die Ermittler ein im Internet kursierendes Snuff-Video, welches grauenvolle Folterszenen enthält. Die Zeit drängt, weitere Opfer sind zu befürchten, während Carolines Vater zunächst weiter schweigt.
Auftakt der Grenzland-Trilogie
„Niemand hört dich“ ist der Auftakt der sogenannten Grenzland-Trilogie, deren Fortsetzungen „Niemand sieht dich“ und „Niemand rettet dich“ bereits erschienen sind.
Fangen wir mit den negativen Eindrücken an. Die Handlung spielt in Deutschland und Dänemark und da hätte man sich schon ein wenig Zusammenarbeit oder alternativ Kompetenzgerangel gewünscht. Stattdessen gibt es einen übereifrigen Ermittler aus Dänemark (Mads), der familiär vorbelastet ist, sowie einen deutschen Kommissar, dem alles egal zu sein scheint und der nur widerwillig zuarbeitet, denn da das letzte Opfer (Caroline) eine Dänin war, ist Mads zuständig. Die Zusammenarbeit, so man es denn so nennen möchte, findet nur ansatzweise statt, ein Handschlag zur Begrüßung ist offenbar schon zu viel. Hier hätte man deutlich mehr herausarbeiten können, zumal der Grund für das destruktive Verhalten Beckmanns nicht erkennbar respektive nachvollziehbar ist.
„Wollen Sie das komplette Video sehen?“
„Nein, das ist nicht nötig. Nach Ihrer Beschreibung sehe ich es so schon deutlich genug vor mir.“
Die Figurenbildung ist sehr eindimensional, will heißen, sie findet kaum statt. Über die beiden Ermittler erfährt man wenig bis gar nichts, wobei Beckmann ohnehin nur eine Nebenrolle spielt, was zumindest überrascht. Die beiden Hauptrollen teilen sich stattdessen Mads und der deutsche Rechtsmediziner Werner Still, was womöglich dem Umstand geschuldet ist, dass die Autorin im Hauptberuf als Laborwissenschaftlerin in der Pathologie arbeitet. Wer sich für Pathologie interessiert, kommt hier durchaus auf seine Kosten. Allerdings muss man einen stabilen Magen haben und die detailliert beschriebenen Arbeitsabläufe mögen. Gleiches gilt für die ebenso ausführlichen Schilderungen einiger Folterszenen, die letztlich als Snuff-Videos im Internet zu sehen sind. Der Begriff Gewaltpornografie trifft es sehr gut.
Viel explizite Gewalt, grobe Figurenzeichnungen und das Grenzland bleibt dürftig in seiner Darstellung. Wen dies alles nicht stört, findet kurzweilige Action in vielen, meist knappen Kapiteln. Nach rund dreihundert Seiten ist der Spuk vorbei mit einer Auflösung, die „zufällig“ erscheint und gleichwohl nur bedingt überrascht. Eine kleine Pointe bezüglich des Mörders gibt es immerhin. Da der Plot einfach strukturiert ist, kann man den Roman problemlos unterwegs lesen, also auch dann, wenn eine gewisse Ablenkung durch Nebengeräusche, wie bei Bus- und Bahnfahrten beispielsweise, besteht. Eine Empfehlung vor allem für Hardcore-Fans.
- Autor: Karen Inge Nielsen
- Titel: Niemand hört dich
- Originaltitel: Færgemanden. Aus dem Dänischen von Günther Frauenlob
- Verlag: Piper
- Umfang: 336 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Januar 2025
- ISBN: 978-3-492-06711-9
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Wertung: 9/15 dpt







