Peter Klisa – Im Schatten der Ruinen (Buch)

Harte Kämpfe um den Schwarzmarkt

Berlin im November 1947. Captain Matthew Wallet von der U.S. Military Police wurde nach Berlin strafversetzt, nachdem er zuvor einen Colonel verprügelt hat. Ein derartig undiszipliniertes Verhalten ist für Major Timothy Gort völlig inakzeptabel und so würde er Wallet gerne sofort wieder loswerden, doch dieser genießt den Rückhalt von General Lucius Clay, dem Militärgouverneur der US-Besatzungszone. Fünf Banden haben den Schwarzmarkt unter sich aufgeteilt und diese sollen endlich wirksam bekämpft werden. Dabei will Clay auf Wallet nicht verzichten, denn dieser war vor dem Krieg der beste Detective im Boston Police Departement.

„Gibt’s hier keine Straßenschilder?“

„Doch, aber immer nur für kurze Zeit. Holzschilder werden im Winter zum Heizen gestohlen. Metallschilder werden abgeschraubt und als Altmetall verkauft. Diesen Winter probiert der Magistrat es mit Pappe, auch wenn die Schilder bei diesem Wetter nur ein paar Wochen halten.“

Für Wallet, der die Deutschen hasst, da diese für den Tod seines Vaters im Ersten Weltkrieg verantwortlich waren, ist vieles neu, vor allem die schwere Sprache. Bei einer ersten Überwachung eines Schwarzmarktes wird ihm prompt von einem Jungen sein Mantel gestohlen, doch im Gegenzug kann er dessen Tasche erbeuten. Darin ist dessen Name nebst Adresse eingenäht und Wallet erkennt, dass der fast zwölfjährige Heiner Feldmann für ihn äußerst wichtig sein kann, denn er kennt jeden Winkel und vor allem die Geschäftsabläufe einschließlich der wichtigen Figuren wie dem langen Piet.

„Genosse Prokow lässt in Ostberlin jeden Schwarzhändler hinrichten, den er zu fassen kriegt. Das stimmt doch … oder Genosse?“

„Nur die schweren Fälle. Zur Abschreckung. Aber es funktioniert, sie werden nicht rückfällig.“

Wallet beobachtet das Lager des langen Piet als dieses überfallen wird. Es gibt keine Überlebenden und bald darauf wird klar, dass hier keine normale Bandenkriminalität herrscht, sondern Mitglieder einer früheren Spezialeinheit der Wehrmacht am Werk sind. Die „Brandenburger“ operierten bei verdeckten Einsätzen in feindlichen Gebieten meist in der Uniform ihres Feindes. So auch heute wieder, wie Wallet schnell erfahren soll. Eine Task Force der Alliierten wird eingesetzt, doch die Russen blocken nach Kräften. Derweil werden die Versuche von Gort, Wallet endlich loszuwerden, immer intensiver und dann verschwindet auch noch Heiner. Zu dessen Mutter Klara fühlt sich Wallet, obwohl diese eine Deutsche ist, zunehmend hingezogen, allerdings bleibt für Gefühle keine Zeit, denn Wallet gerät in Lebensgefahr. Aber wer will ihn töten und warum?

Facettenreicher Thriller aus der Nachkriegszeit

Peter Klisa („In den letzten Stunden der Dunkelheit“) hat seinen aktuellen Thriller in den Jahren 1947/48 angesiedelt, welcher im Mai 1948 endet und somit vor der Währungsreform im Juni, was insoweit wichtig ist, da der Schwarzmarkt in deren Folge schnell an Bedeutung verlor. Noch aber herrscht Hunger und Mangelware an fast allem, so dass es nicht verwundert, dass Banden sich organisieren. Neu ist die Thematik nicht, allerdings, dass dieses Mal eine Spezialeinheit der Wehrmacht ihr Unwesen treibt. Dieser geht es nicht um die Beherrschung des Schwarzmarktes, sondern vielmehr um die damit einhergehenden Gewinne, um das eigentliche große Ziel zu erreichen. So stecken in dem Roman etliche Überraschungen, denn selbst Wallet ist nicht ganz derjenige, der er vorgibt zu sein.

„Haben Sie schon mal gesehen, dass jemand mit einer gebrochenen Hüfte auf einen Stuhl steigt, sich zur Decke streckt, einen Gürtel festknotet und sich aufhängt? Ich nicht.“

Viele Bausteine des Romans sind reichlich bekannt. Thematisch sind beispielhaft die angespannte Notlage in den Nachkriegsjahren, besagte Schiebergeschäfte sowie Streitigkeiten unter den Alliierten, insbesondere zwischen den Westmächten und den Russen, zu nennen. Hinzu kommen die genreüblichen Ingredienzien wie polizeiliche Ermittlungen, Verfolgungsjagden, Schießereien, vermisste Personen, eine sich anbahnende Liebesgeschichte und mehr oder weniger verblüffende Wendungen. Handwerklich ist dies gut umgesetzt, so dass man erneut in die damalige Zeit eintauchen kann, wie zuletzt bei dem einen Monat zuvor erschienenen Roman „Die weiße Nacht“ von Anne Stern, welcher ebenfalls in Berlin, allerdings im Dezember 1946 spielt.

Die Figurenzeichnungen bleiben ein wenig blass, was nicht unüblich, aber dennoch schade ist. Dafür setzt der Autor auf erzählerisches Tempo und eine ordentliche Portion Action, was letztlich den knapp fünfhundert Seiten durchaus zugutekommt. Alles in allem ein spannender Thriller mit teils informativen Einblicken in die Nachkriegszeit. Der Epilog öffnet zudem die Hintertür für einen weiteren Fall, da eine wichtige Frage des in sich abgeschlossenen Plots offenbleibt.

  • Autor: Peter Klisa
  • Titel: Im Schatten der Ruinen
  • Verlag: Heyne
  • Umfang: 480 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2026
  • ISBN: 978-3-453-42776-1
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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