Thronjubiläum des Allerhöchsten und serbische Attentäter

Wien 1908. Kaiser Franz Joseph I. sieht seinem 60. Thronjubiläum entgegen, welches mit einer großen Illumination, sprich Festbeleuchtung, gefeiert werden soll. Noch laufen tagein, tagaus die nicht enden wollenden Huldigungen des Allerhöchsten, über die die Wiener Illustrierte Tageszeitung ausführlich berichtet. Emilia Freifrau von Ferteci, die eine erfolgreiche Kolumne für Frauenthemen betreut, erfährt von ihrem Redaktionskollegen Jancic, dass dieser einen Tipp von seinem serbischen Landsmann Ristic erhalten habe, demzufolge sich Dragun Dimitrijevic in der Stadt aufhalten soll. Der von seinen Gefolgsmännern nur Kapetan genannte Nationalist hört auch auf den Namen Apis, der Stier, und hat vor einigen Jahren den serbischen König Aleksandar Obrenovic höchst selbst ermordet. Nun weist einiges darauf hin, dass er und seine Männer ein Attentat auf „KFJI“ planen.
Die Gerüchte verstärken sich als kurz darauf die Leiche von Ristic gefunden wird. Zunge und Augen fehlen, aber Polizeipräsident Brzesowsky will von alldem nichts wissen. Nur Gerüchte, keine Beweise, irgendwer will die Feier seiner Majestät stören. So befiehlt er Liebermann, dem Chefredakteur der Illustrierten, auf jegliche Andeutungen eines möglichen Attentats zu verzichten. Als der Tischlergeselle Ferdinand wenig später in der unterirdischen Kanalisation eine erschreckende Entdeckung macht, vertraut er sich seiner Freundin Josefa an, die für Emilia als Dienstmädchen arbeitet. Zu Dritt begeben sie sich unter Tage, um ein Attentat zu verhindern.
Vielschichtiger Einblick in die damalige Zeit
Wolfgang Weinlechner nutzt die Idee eines möglichen Attentats zum 60. Thronjubiläum als Hintergrundkulisse, wenngleich dieses erst in der zweiten Romanhälfte spürbar an Fahrt aufnimmt und zudem nicht allzu spektakulär. Gleichwohl lohnt sich die Lektüre dieses kurzweiligen Romans durchaus, da dieser einen anderen Schwerpunkt hat und mittels zahlreicher Perspektivwechsel einen vielschichtigen Einblick in die damalige Zeit gibt. Vor allem, aber nicht nur, anhand der beiden Hauptfiguren Emilia und Ferdinand, erhält man eine bildgewaltige Vorstellung über die – soweit vorhanden – Rechte der Frauen und Arbeiter und in eine Phase, in der Gedanken an einen möglichen Krieg vielerorts greifbar sind.
Durch Emilia und Josefa werden die Benachteiligung der Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts sichtbar, denn die „ernsten Themen“ sind beruflich im Fall von Emilia – adelige Freifrau hin oder her – den männlichen Redakteuren vorbehalten, obwohl Emilia sogar ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Chefredakteur hat. Vom Wahlrecht für Frauen (das allgemeine Wahlrecht für Männer wurde 1907 eingeführt) und anderen Errungenschaften ganz zu schweigen. Josefa und Ferdinand sind in der Gewerkschaft aktiv, die von der Polizei als vermeintlich linke Aufrührer und Monarchiefeinde mehr als kritisch beäugt wird. So werden Ferdinands Hinweise respektive die eines Gewerkschaftsfunktionärs auf das Attentat nicht ernst genommen, man wolle ja eh‘ nur die Feierlichkeiten stören. Dabei könnte die Polizei angesichts seiner Vorgeschichte, die Anwesenheit von Dimitrijevic durchaus ernst nehmen. Zudem wird die Arbeit der Presse ernüchternd dargestellt, die statt kritisch zu hinterfragen und zu recherchieren lediglich Hofberichterstattung betreibt. Es gilt zu huldigen, freundlich flankiert von der Polizei, die für Ordnung allein im Sinne der Monarchie sorgt.
Es stoßen wiederholt Welten aufeinander, beispielsweise wenn der Geldadel im Grandhotel Südbahn am Semmering im Luxus schwelgt und Tausend-Kronen-Scheine als Spielgeld einsetzt, während unter der Erde die Strotter in der stinkenden Kloake nach allem suchen, was sich irgendwie zu Geld machen lässt. Hier geht es um jeden Heller, nicht um Kronen. Ganz unten gegen ganz oben, Monarchie gegen serbische Nationalisten, Polizei gegen Presse und die europäische Welt dank gleich drei zweifelhafter Kaiser am Abgrund sind die Ingredienzien dieses lesenswerten Romans.
- Autor: Wolfgang Weinlechner
- Titel: Illumination für Franz Joseph
- Verlag: Gmeiner
- Umfang: 272 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Februar 2026
- ISBN: 978-3-8392-8085-0
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Wertung: 10/15 dpt







