Die Autorin Sigrid Undset mag hierzulande nicht allzu bekannt sein, in ihrer norwegischen Heimat jedoch gilt sie als Nationalheldin. Sie erhielt 1928 den Nobelpreis für Literatur und war damit erst die dritte Frau, der diese Auszeichnung zugesprochen wurde. Ihre Romane werden getragen von emanzipierten Protagonistinnen, die ihrer Zeit weit voraus sind und bei Erscheinen der Bücher als „skandalös“ aufgefasst wurden.
2021 begeisterte der Kröner Verlag mit der Neuauflage der Trilogie um Kristin Lavranstochter von Sigrid Undset (Booknerds-Rezensionen hier nachzulesen), deren „kraftvolle Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter“ nicht nur das Nobelpreis-Komitee, sondern auch heutige Leser*innen nachhaltig beindrucken. Im Jahr 2023 legte der Kröner Verlag mit „Rückkehr in die Zukunft“ von Sigrid Undset nach.
Worum geht es?
Eine romanartige Erzählung sollte nicht erwartet werden: Vielmehr ist das Buch als autobiografischer Essay zu lesen, der in verschiedene Kapitel unterteilt wird: Undset berichtet von ihrer Flucht, als die Nationalsozialisten 1940 in ihre Heimat Norwegen einfallen – ein Ereignis, das die meisten Zeitgenossen in Skandinavien ebenso wie die antifaschistisch aktive Autorin nicht vorhergesehen haben. Und so entschied sie sich erst in der allerletzten Minute zur Flucht. Undset erzählt chronologisch von den Stationen ihres Exils: Schweden, Russland, Japan und schließlich von ihrem Ziel, den USA. Dort schreibt Undset den vorliegenden Text im Herbst 1941. Das Buch erschien in Norwegen 1945 – nur 4 Jahre vor Undsets Tod in Lillehammer.
Als roter Faden durch Undsets Beschreibungen zieht sich ein uneingeschränkter Hass auf alles Deutsche und die Lobpreisung Norwegens. Als heutige Leser*in benötigt man dazu ein dickes Fell, wenn die zeitgenössische Sichtweise natürlich mehr als nachvollziehbar ist. Sie beschreibt bespielsweise deutsche „Wandervögel“, die zu tausenden durch Norwegen reisten und von der Gastfreundschaft der Einheimischen profitierten, diese ausnutzten: Stellte sich später doch heraus, dass viele „arme Reisende“ tatsächlich als Spione im Einsatz waren:
Von Moskau schildert Undset eindringlich den Dreck, die prekären Verhältnisse und dass sich in den Straßen unglaublich viele Kinder tummeln. Darüber hinaus findet sie auffällig, dass Russen offenbar ein blumenliebendes Volk sind – eine der vielen überraschenden Beobachtungen, die von der Autorin aufgegriffen und literarisch weitergesponnen werden.
Unterwegs war Undset während ihrer kräftezehrenden Flucht mit ihrem Sohn zu Fuß, auf Skiern, auf Ladeflächen von Autos, im Flugzeug, im Zug, auf dem Schiff: Diese Schilderungen der Flucht sind es, die beim Lesen in den Bann ziehen. Die detaillierten Beobachtungen einer Schriftstellerin sind es, die das Buch literarisch wertvoll machen. Die politischen Hintergründe geben ihm zusätzlich den Status eines historischen Zeitdokuments.
Die ausufernden essayistische Betrachtungen, gerade im letzten Drittel von „Zurück in die Zukunft“, zeigen Sigrid Undsets Haltung, politische Stimme und Charakter. Allerdings sind diese Passagen ohne einen gewissen Hintergrund, oder ohne sich parallel dazu in den Anmerkungen zu verlieren, oft schwer zugänglich. Die Mischung aus literarischen Schilderungen, politischer Schmähschrift, Kriegstagebuch und essayistischer Betrachtung zum Charakter des Menschen, die „Rückkehr in die Zukunft“ alle zwischen zwei Pappdeckeln vereint, gehört auf jeden Fall zur anspruchsvolleren Lektüre.
Bemerkenswert ist, dass das Buch erst jetzt erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde: Gabriele Haefs, die bereits die Lavranstochter-Bände neu übersetzte, hat sich auch hier wieder geschafft und die richtigen Worte gefunden. Darüber hinaus hat sie das Erzählte mit erklärenden Anmerkungen versehen, die beim heutigen Lesen und Verstehen helfen, und das Buch mit einem Nachwort abgerundet. Haefs nennt Sigrid Undset darin „eine der bedeutendsten und interessantesten Autorinnen unserer Zeit“: Eine Begeisterung, die ohne Zweifel in die Übersetzung eingeflossen ist und bei der Lektüre über etwas trockene, ausschweifende Passagen hinweghilft.
Ein Buchtipp für alle Historiker*innen, alle die gern Essays lesen oder sich mit berühmten Autorinnen auseinandersetzen möchten. Ein Dank an den Kröner Verlag, der sich dazu entschied, dieses Buch nun endlich auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.
- Autorin: Sigrid Undset
- Titel: Rückkehr in die Zukunft – Autobiographische Erzählung
- Originaltitel: Tilbake til fremtiden
- Übersetzerin & Nachwort: Gabriele Haefs
- Verlag: Kröner
- Erschienen: Oktober 2023
- Einband: Hardcover (Halbleinen) mit Lesebändchen
- Seiten: 280
- ISBN: 978-3-520-62901-2
- Sonstige Informationen:
- Produktseite

Wertung: 10/15 dpt








