Mord im Rotlichtmilieu

Es ist der 10. März des Jahres 1919, an dem die pensionierten Herren Dr. Otto Fried, vormals Kriminaloberinspektor, sowie sein früherer Mitarbeiter und ältester Freund Anton Nowak, gleichberechtigt die Detektei Nowak & Fried eröffnen. In Zeitungsannoncen wurde die Detektei beworben und tatsächlich erscheint bereits ein erster Kunde. Rittmeister Georg Walter von Krawinak hat einen ungewöhnlichen Auftrag, denn er vermisst Valeria, die vor zwei Tagen verschwunden ist. Mit Valeria betrieb der Rittmeister schon zu Kriegszeiten ein kleines Bordell in einem Zirkuswagen. Damals stellten Offiziere die Kundschaft, heute betreibt von Krawinak ein Freudenhaus mit fünf Frauen im Struwerviertel, dem Rotlichtmilieu direkt neben dem Prater.
„Rittmeister.“
„Rangklasse neun. Einfach nur Durchschnitt.“
Fried und Nowak übernehmen den sonderbaren Auftrag, denn vom Ruhestand wollen beide noch nichts wissen. Die Neugier auf ungeklärte Kriminalfälle ist ungebrochen. Schnell bemerken die Detektive, dass sich ihr Alltag fundamental verändert hat. Eine Sekretärin fehlt ebenso wie die sonst üblichen Ressourcen der Polizeibehörde. Erste körperliche Gebrechen erschweren zusätzlich die Arbeit, zudem macht sich Fried Sorgen um seine verheiratete Tochter Amalia, deren Mann Max offiziell noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Tatsächlich verkehrt Amalia schon länger mit ihrem Arbeitskollegen Abraham Bill von der Psychoanalytischen Vereinigung.
Einen Tag nach der Beauftragung durch von Krawinak wird die Lage kompliziert, denn statt eine vermisste Prostituierte zu suchen, gilt es nun einen Mord aufzuklären, aus dem sie sich laut Frieds ehemaligem Protegé Julius Hechter unbedingt herauszuhalten haben. Es ist schließlich Sache der Polizei, den Mörder von von Krawinak zu finden, was übrigens bereits geschehen sei. Der Rittmeister wurde im Stuhl seines Friseurs Stefan Donauer mit aufgeschnittener Kehle gefunden, woraufhin Kommissar Hechter die Verhaftung Donauers veranlasst. Schließlich hatte dieser Mietrückstände bei von Krawinak und Geld war schon immer ein Motiv.
Vierter Fall für Kriminaloberinspektor Dr. Fried
Michael Ritter setzt nach „Wiener Hochzeitsmord“, „Wiener Machenschaften“ und „Wiener Künstlermord“ seine Otto-Fried-Reihe fort, die nach Kriegsende im März 1919 spielt. Inzwischen sind Fried und „der Nowak“, Freunde seit Jahrzehnten, aber immer noch per Sie, nicht mehr im Polizeidienst. Nowak leidet nach wie vor an einer Beinverletzung aus dem Krieg gegen die Preußen, welcher 1866 stattfand, Fried hat zunehmend Rückenprobleme. Diese nehmen einen nicht unerheblichen Platz in der Geschichte ein, welche jedoch von Amalias Privatleben überlagert wird. Um dieses besser zu verstehen, sind Kenntnisse des dritten Falls „Wiener Künstlermord“ hilfreich, denn die Ereignisse an Weihnachten 1916 erklären den Grund der – sagen wir vorsichtig – Entfremdung von Max.
„Keine Fingerabdrücke?“
„Deswegen verdächtigt der Kommissar ja auch den Friseur. Er sagt, Donauer hätte als Täter seine Spuren zu verwischen versucht.“
„Von seinem eigenen Rasiermesser? Mit dem er jeden Tag arbeitet?“
Thematisch geht es ins Rotlichtviertel, das Personentableau bleibt überschaubar, ergo auch die Zahl möglicher tatverdächtiger Personen. Immerhin gilt es zwei Fälle zu lösen, die offensichtlich zusammenhängen; das Verschwinden von Valeria sowie den Mordfall, wobei man Hechter die Lösung nicht zutraut. Michael Ritter widmet sich der Prostitution in Kombination mit dem Großen Krieg und beschreibt anschaulich, wieso Männer an der Front sich Prostituierten zuwenden (was man sich denken kann), aber ebenso, weshalb selbst vermeintlich bessergestellte Frauen der Ausübung des horizontalen Gewerbes nachgehen. Dies wird vielschichtig beleuchtet, ohne Voyeurismus und moralischen Zeigefinger.
Der gute Ruf der Familie! Der Nowak konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. So kannte man sie, die feinen Herrschaften: Die Fassade musste strahlend und sauber sein, wie es im Hausinneren aussah, das wusste niemand. Und Geld war jene Politur, mit der man die Fassade am Strahlen hielt.
Die Handlung verläuft gemächlich, es gibt kaum Ermittlungsansätze und außerdem passt dies zum Alter der Protagonisten. Wer sogenannte Landhauskrimis (Cosy Crime) mag, darf sich hier wohlfühlen, wer Action erwartet, greift daneben. Die politische Lage während und kurz nach dem Krieg wird angeschnitten, Wien bildet einmal mehr die Kulisse für eine kurzweilige Handlung, die – wie erwähnt – längere Phasen außerhalb des Krimiplots enthält.
Zwei „erstaunliche“ Petitessen am Rand: Der ermordete von Krawinak wird nach seinem Besuch bei Fried und Nowak am nächsten Tag tot aufgefunden, auf dem Buchrücken heißt es „Wenige Tage später“. Außerdem enthält der Roman im Anhang das vermutlich kleinste Glossar der Literaturgeschichte mit lediglich zwei Einträgen, von denen der Begriff „Kiberer“ gerade Krimilesern bekannt sein dürfte. Sei’s drum, die Serie hat ihren Reiz, wenn man es gern geruhsam angehen lässt. Eine neue Sekretärin verspricht zudem eine Fortsetzung.
- Autor: Michael Ritter
- Titel: Wiener Begierde
- Verlag: Gmeiner
- Umfang: 288 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Mai 2026
- ISBN: 978-3-8392-8080-5
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Wertung: 11/15 dpt







