Karneval, Revolution und giftige Bonbons

Im Februar 1848 bricht in Frankreich die Revolution aus und erreicht wenig später Köln. Mathilde von Tabouillot, Redakteurin der Kölnischen Zeitung, wird vorrübergehend verhaftet, nachdem sie bei einer Kundgebung dazu aufgerufen hat, zugunsten der Revolution auf die Karnevalsfeiern zu verzichten. Quasi ein Sakrileg, denn die Domstädter wussten schon immer zu feiern, der Umsturz muss warten. Gleichwohl wird die Stadt zunehmend von den Ereignissen überrollt und als wäre die Stimmung nicht schon gereizt genug, treibt zudem ein Giftmörder sein Unwesen. Schokoladenbonbons von Manhardt, einer angesehenen Konditorei, wurden mit Strychnin versetzt. Etliche Menschen erkranken, ein vierjähriger Junge stirbt qualvoll. In letzter Minute kann Advokat Cornelius Venedey einen Lynchmord des aufgebrachten Pöbels verhindern und hat kurz darauf einen neuen Fall.
„Mariele hat gesagt, ein Feschwiev will eine Aussage zu den vergifteten Schokobonbons machen.“
„Feschwiev?“
„Mann, Hermann. Wie lange bist du schon hier? Eine Fischverkäuferin.“
„Ja, das weiß ich doch. Ich frage mich, was ein Fischweib mit Schokoladenbonbons von Manhardt zu tun hat?“
Der vermeintliche Giftmörder entpuppt sich als Frau aus besseren Kreisen, Venedey soll sie verteidigen und die drohende Todesstrafe verhindern. An seiner Seite weilt sein neuer Kompagnon Bas Sello, der nach seinem dritten Staatsexamen aus Berlin zurückgekehrt ist, wo er die Revolution hautnah erlebte. Rund dreihundert Märzgefallene sind allein dort zu beklagen. Es folgt ein Prozess in aufgebrachter Stimmung, der sogar dazu führt, dass Wachtmeister Hans „Schäng“ Baudewin seinem besten Freund Bas die Freundschaft kündigt, weil dieser – nun als Advokat – an der Seite von Venedey eine vermeintliche Kindermörderin verteidigt.
Atmosphärisch dichter Kriminalroman
Mit „Der Blutmensch zu Köln“ (spielt 1847) startete die vom Piper Verlag herausgegebene Reihe „Die Fälle von Bas Sello und Mathilde von Tabouillot“, welche mit dem vorliegenden Band ihre Fortsetzung findet. Die Bezeichnung irritiert ein wenig, da die erste Buchhälfte weitgehend von Schäng, also Hans dem Wachtmeister, dominiert wird. In der zweiten Hälfte wird aus dem Kriminalroman dann weitgehend ein Justizthriller, bei dem das Duo Venedey / Sello erneut auf den verhassten Generalprokurator Dr. Christophe Grandjean treffen, der wie zahlreiche weitere Figuren aus dem ersten Band bereits bekannt ist.
„Mit mir können Sie Kölsch sprechen. Aber mit Wachtmeister Detka nicht. Der kann nur Amtsdeutsch.“
„Et jit Schicksale.“
Der Spannungsbogen hinsichtlich des Krimiplots ist zwiespältig, da die Art der Überführung (Verhaftung) der möglichen Mörderin dem berühmten Kommissar Zufall geschuldet ist. Auch in der folgenden Gerichtsverhandlung mag der eine oder andere Leser zumindest im Ansatz erahnen, wohin es gehen könnte. Gleichwohl bietet „Der Bonbon-Mord zu Köln“ kurzweilige und interessante Lektüre, die vor allem wegen der historischen Begleitumstände empfehlenswert ist. Wer den Vorgänger kennt, erinnert sich an die platonische Liebe von Bas und Mathilde, die allerdings einseitig von Bas ausgeht. Kleiner Spoiler: Die Figur der Mathilde hat ihr Vorbild in der Frauenrechtlerin Mathilde Franziska Anneke, so dass es konsequenterweise nicht zur großen Liebe zwischen den beiden kommen wird. Mathilde trifft während der Revolution vielmehr ihren späteren Mann Fritz Anneke, der an der Seite des berühmten Armenarztes Andreas Gottschalk (im April 1848 erster Vorsitzender des neu gegründeten Kölner Arbeitervereins, der nach wenigen Wochen bereits rund 8.000 Mitglieder zählte) die Massenversammlungen organisiert. Passend zu Gottschalk und Anneke gibt es zudem einen Kurzauftritt von Karl Marx.
„Die einfachen Leute haben kein Vertrauen zu uns. Wir sind in deren Augen die Staatsmacht, die schon auf jeden einschlägt, bloß, weil er aus der Reihe tanzen könnte.“
„Aber wir sind doch nicht Militär, sondern Sergeanten der Stadt Köln.“
„Mit Pickelhaube.“
Die politischen Ereignisse (Revolution, Märzgefallene, Frankfurter Nationalversammlung) führen dazu, dass französisches Recht, preußische Macht und Kölner Lebensgefühl aufeinandertreffen. Die Autorinnen legen als Rechtsanwältinnen viel Wert auf juristische Genauigkeit und zeigen den Prozessablauf angemessen detailliert auf. Neben juristischen Feinheiten geht es einmal mehr um die Rechte der Frauen, was nicht nur an Mathilde festgemacht wird. Will man das „Haar in der Suppe“ finden, so ist womöglich das mitunter gesprochene Kölsch diskussionswürdig. Das mehrere Personen Dialekt sprechen sorgt für zusätzliche Authentizität und ist zu begrüßen. Allerdings werden viele Sätze anschließend ins Hochdeutsche „übersetzt“. Womöglich wäre ein Glossar am Buchende besser gewesen, denn so lesen zumindest jene Leser, die den kölnischen Dialekt verstehen (und dies dürften angesichts des Handlungsortes nicht wenige sein), zahlreiche Sätze quasi doppelt.
Wer eine ausgewogene Mischung aus Krimiplot und Justizthriller vor facettenreichem historischen Hintergrund mag, kann in die Vergangenheit eintauchen und wird ebenso kurzweilig wie kenntnisreich unterhalten. Gerne mehr davon!
- Autorinnen: Eva-Maria Silber, Kirsten Wilczek
- Titel: Der Bonbon-Mord zu Köln
- Verlag: Piper
- Umfang: 328 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: Mai 2026
- ISBN: 978-3-492-50905-3
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Wertung: 12/15 dpt







