
Joseph wurde von seiner Frau Lisa verlassen. Sie ist mit dem gemeinsamen Sohn gegangen ist, weil sie das Leben, das sie mit Joseph teilt, einfach nicht mehr führen wollte. Als unerwartet die 19-jährige Ausreißerin Birdie vor seiner Tür steht, just in dem Moment, in dem Joseph seinem trostlosen Dasein ein Ende setzen will, und bei ihm Unterschlupf und Hilfe findet, verschiebt sich etwas in Josephs fester, kleiner Welt. Und da ist auch noch Ada, Lisas Schwester, die für ihn immer ein Lichtblick ist.
Vor der ländlichen Kulisse eines einfachen, arbeitsreichen Lebens entwirft Elena Fischer mit ihrem aktuellen Roman „Wirf einen Schatten“ das Bild eines einsamen, traurigen Menschen, der in sich selbst wie gefangen wirkt. Das Setting ist klug gewählt: Der landwirtschaftliche Betrieb in den 60er Jahren, von Fischer authentisch zum Leben erweckt, wirkt wie eine Zeitkapsel, in der die Vergangenheit ebenso wie die gezeigte Gegenwart eine kompakte Einheit bilden. Josephs Geschichte steht somit nicht für sich allein, sie wird zum Echo einer Generation, die mit der Bürde der Nachkriegsjahre lebt und deren Lebensläufe nicht selten durch die starren Erwartungen der Elterngeneration in ungewollte Richtungen gepresst wurden.
Sukzessive, in regelmäßigen Rückblenden, enthüllt Fischer die Vorgeschichte ihres Protagonisten: Josephs Kindheit, die schwierige Beziehung zu den Eltern, zum Vater, der nie Gefühle zuließ, zur Mutter , die keinen Hehl daraus machte, den früh verstorbenen Bruder mehr geliebt zu haben, die Belastung immer mit dem Verstorbenen verglichen zu werden und das daraus erwachsende Gefühl, selbst nie genug zu sein, das in der Überzeugung mündet, sich in den zugewiesenen Aufgaben quasi aufopfern zu müssen. Das Zurückstellen eigener Bedürfnisse und die ständige Furcht zu versagen.
Mit großer Empathie zeichnet Fischer den Lebensweg von Joseph nach, der sich durch fehlende und falsche Entscheidungen immer tiefer in sein eigenes Unglück manövriert.
Das letzte Mal, dass ich einen Roman mit einer vergleichbaren melancholischen Tiefe gelesen habe, war bei der Lektüre des amerikanischen Kultromans „Stoner“ von John Williams. Auch hier kämpft ein, übrigens auch aus der Landwirtschaft stammender Protagonist um sein Lebensglück. Doch anders als in „Stoner“, dem zwar der soziale Aufstieg, nicht aber der innerliche Ausbruch gelingt, lässt Fischer ihre Hauptfigur nicht allein. Mit Lisa, Birdie und Ada stellt sie Joseph sehr starke Frauenfiguren zur Seite. Fischers erzählerische Stärke liegt vor allem in der Darstellung der Beziehungen untereinander. Sie sind der eigentliche Motor der Handlung. Alles, was wichtig ist, passiert hier im Zwischenmenschlichen.
Geschickt kleidet Fischer das Gewicht eines großen Lebensthemas in das leichte Gewand eines Wohlfühlromans. Eine Balance, die ihr mühelos geliegt und untermauert, welch souveräne Erzählerin sie ist. Denn obwohl sie ausschließlich die Emotionen ihrer Figuren thematisiert, gerät ihr Text nie ins Risiko kitschig zu sein. Sprache, Handlung und Figuren überzeugen durch Authentizität und bilden ein ausgewogenes Ganzes. Fischer beherrscht die feinen Nuancen, mit denen sie mal die zahlreichen Erschütterungen in Josephs Leben freilegt, mal zarte Glücksmomente inszeniert. Und immer ist die Zuneigung, die sie dabei für ihre Figuren hegt, ebenso zu spüren wie ihr Verzicht, deren Verhalten zu bewerten. Mit großer menschlicher Wärme öffnet Fischer einen Raum, in dem ihre Figuren nicht nur einander sondern auch sich selbst verzeihen können.
Habe ich noch bei ihrem Debüt-Roman eine gewisse Unausgewogenheit gegen Ende des Plots empfunden, finde ich an diesem Text wirklich alles rund und gelungen. Der einzige Grund traurig zu sein, ist, dass die Lektüre nach 300-Seiten endet, weil man Joseph, Ada, Birdie und Lisa gerne noch weiter begleitet hätte.
Fazit: Ein hinreißend erzählter Roman mit dem unbedingten Potential zum Publikumsliebling
- Autorin: Elena Fischer
- Titel: Wirf einen Schatten
- Verlag: Diogenes
- Erschienen: 22. Juli 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 304 Seiten
- ISBN: 978-3257073904

Wertung: 14/15 dpt





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