Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit (Buch)

Das unfassbare rote Ei einer Trottellumme

Es ist ein Spektakel, wenn die Kletterteams in Yorkshire entlang der Steilküste zwischen Bempton und Flamborough in den Felsen die Eier zahlreicher Lummen einsammeln. Sie werden ausgeblasen, der Eierschleimspäter zu Omeletts verarbeitet und die Eier selbst an Händler verkauft. Dabei sind die Eier sehr speziell, jede Lumme legt immer das gleich gezeichnet Ei. Es ist unverwechselbar. Die schönen Zeichnungen erzielen teils ordentliche Preise, sind nicht nur bei Sammlern begehrt. So geht es den Farmern entlang der Küste gut, allein, Enid Sheppard und ihre Kinder auf der Metland Farm leben in Armut.

Nach der Geburt der jüngsten Tochter Celie hat der Vater die Familie verlassen und dank eines Felsvorsprungs kann man an der Küste die begehrten Eier nicht bergen. Es ist zu gefährlich. 1926 weiß die inzwischen sechsjährige Celie nichts von der Gefahr und bittet den vierzehnjährigen Robert, der auf der Farm arbeitet, sie durch ein winziges Loch im Felsvorsprung herunterzulassen. Sie möchte ein Omelett haben und dafür braucht es eben Eier. Gesagt, getan, doch beinahe geht es schief. Allerdings kann sie einer Trottellumme ihr Ei stehlen, welches sie kurz darauf dem zwielichtigen Eier-Makler Georg Ambler anbietet. Als Ambler das Ei sieht ist er sprachlos und hält es für eine Fälschung, denn ein rotes Lummenei gibt es nicht. Er bietet fünf Shilling, Celie verlangt ein Pfund und als ein erfahrener Kletterer dazu stößt, ist Amber plötzlich bereit zehn Pfund zu geben.     

„Je reicher der Mann (es war immer ein Mann), umso weniger wahrscheinlich, dass er sich diese Eier selbst beschaffte. Welcher Großindustrielle oder Angehörige des Oberhauses hatte schon Zeit und Lust, auf einen Baum zu klettern oder durchs Schilf zu waten? Oder hundert Meilen weit im Tross mit dem gemeinen Volk zu reisen, um sich auf einer Klippe im hohen Norden, die stank wie eine Hure aus Shoreditch, in den Tod zu stürzen?“

Hundert Jahre später. Patrick kommt von der Arbeit nach Hause und will seinen Freund Nick besuchen, wo er verwundert eine offene Haustür vorfindet. Dann entdeckt er dessen Mutter und Nick jeweils gefesselt in der Wohnung, die förmlich auf den Kopf gestellt wurde. Wenig später gesteht ihm Nick, dass ein Ei in einer auffälligen Holzbox gestohlen wurde, welches er kurz zuvor bei eBay angeboten hatte. Es geht ums Prinzip: Nick will sein Ei zurück und Patrick soll ihm dabei dabei helfen. Was bei gemeinsamen Aktionen bei Call of Duty klappt, muss auch im echten Leben klappen. Dabei erfahren die beiden jungen Männer schnell, dass das verbotene Sammeln von Vogeleiern bei vielen Menschen kriminelle Energie freisetzt. Früher wie heute.

Spannend, aber kein klassischer Krimi

Gleich mit ihrem Debütroman „Das Grab im Moor“ wurde Belinda Bauer im Jahr 2010 mit dem CWA Gold Dagger ausgezeichnet. Seitdem hat sie in der Krimiszene einen Namen und mehrere Bücher veröffentlicht. Ob man „Das Ding der Unmöglichkeit“ in das Genre des Kriminalromans einordnen sollte, dürfte Geschmacksache sein. Die Handlung wird abwechselnd in zwei Zeitebenen erzählt. Die erste spielt in den Jahren 1926 bis 1941, der zweite in der Gegenwart.

Die Erzählung in der Vergangenheit beginnt mit dem Eierfund Celies, wobei sehr ausführlich die gefährliche Arbeit geschildert wird. Andere Sammler und Familien werden vorgestellt, es bleibt zunächst etwas unübersichtlich angesichts der vielen Namen. Georg Ambler bietet recht bald das unmöglich, da rote Metland-Ei, seinen besten Kunden zum Kauf an. Drei Händler wollen das Ei haben, koste es was es wolle. Doch die geplante Auktion wird abgesagt, das Ei sei angeblich gestohlen worden. Es wird fortan nie mehr gesehen, ein Mythos ist geboren. Da aber Lummen jedes Jahr identisch aussehende Eier legen, bietet Amber Enid Sheppard ein verlockendes Geschäft. In den zwei Brutzeiten legt die Lumme jeweils ein Ei und Ambler bietet zwanzig Pfund pro Stück. Vierzig Pfund im Jahr sind ein kleines Vermögen. Da diese jedoch nicht in den Verkauf geraten, ist Ambler bei den Sammlern schnell unten durch. Freunde hatte er ohnehin nie.

Willkommene Abwechslung vom Krimi-Mainstream

Patrick und Nick stoßen hundert Jahre später auf einen Wissenschaftler der British Oological Society, einen durchaus gewaltbereiten Naturaktivisten der Royal Society fort he Protection of Birds (RSPB) und einen Sammler, der es trotz Verbots nicht lassen kann. Dabei sind die Mehtoden – früher wie heute – auf allen Seiten keineswegs immer legal. Es kommt in der Folge der Erzählung zu Familientragödien, Gewalttätigkeiten und sogar zu einem Mord. Ja, spannend ist der Roman allemal und man kann ihn durchaus als Krimi lesen. Allerdings geht es eher um Diebstahl sowie moralische Verfehlungen, denn um Kapitalverbrechen, wenngleich der erwähnte Mord schon ein sehr ungewöhnlicher ist. Überhaupt entwickeln sich die beiden Erzählstränge mitunter gänzlich anders als erwartet. Konzentration ist gefragt und die zahlreichen Überraschungen haben es durchaus in sich. Großartig geplottet und sprachlich auf hohem Niveau wie man es von Belinda Bauer kennt. Oder wie es auf dem Buchrücken zutreffend heißt: „Ein atmosphärischer literarischer Kriminalroman.“

„Ich weiß, es klingt verrückt, aber … glaubst du, es könnte das Metland-Ei sein?“

„Das was?“

„Ihr kennt das Metland-Ei nicht?“

„Wir kennen gar keine Eier.“ „Ach du Scheiße …“

Nicht zuletzt lebt der Roman, neben der außergewöhnlichen Handlung, von seinen Figuren. Mehrere Bösewichte stehen Celie und Robert sowie Patrick und Nick, den Helden wider Willen, gegenüber. Celie ist jung und unbedarft, der acht Jahre ältere Robert gilt schlechthin als „Schwachkopf“. Dennoch kann er am Seil zupacken und so fühlt sich Celie auf besondere Weise zu ihm hingezogen. Gegensätzlich sind auch die Figuren von Nick und Patrick. Nick ist übergewichtig, ein Könner bei Call of Duty und verlässt selten das Haus. Er redet viel, denkt aber meist wenig. Bei Patrick ist es umgekehrt. Er kann schlecht lügen, nimmt alles wortgenau und scheut menschliche Berührungen. Zwischen den beiden kommt es zu herrlich skurrilen Dialogen, wobei ein trockener Humor das Buch ohnehin durchzieht.

Wer eine Abwechslung zum Krimi-Mainstream sucht, wird hier fündig!

  • Autorin: Belinda Bauer
  • Titel: Das Ding der Unmöglichkeit
  • Originaltitel: The Impossible Thing. Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • Verlag: Kunstmann
  • Umfang: 400 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: August 2026
  • ISBN:  978-3-95614-687-9
  • Produktseite

Wertung: 12/15 dpt

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