Absturz und Wiedergeburt

Dr. Georg Roth, gutsituierter Jurist, will ein Buch über seine Familiengeschichte schreiben. Sechsundsechzig Stunden Tonbänder sind es geworden, die ihm sein Vater und andere vollgesprochen haben. Die meisten sind verstorben, Rücksicht muss keine mehr genommen werden. Weder auf die fraglichen Tätigkeiten seines Großvaters im Dritten Reich, noch auf die vergeblichen Versuche seines Vaters, die einst erfolgreiche Firma zu retten. Von Juni bis August, drei Monate, will sich Roth in die „Ostsee-Apartments“ in Niendorf zurückziehen, um das große Werk zu vollbringen.
Vor Ort angekommen, trifft er auf Herrn Breda, den Vermieter des Apartments, der ebenso das „Likördepot“ betreibt und sich als Strandkorbverleiher verdingt. Ein seelisches wie körperliches Frack, dass zu sehr dem Alkohol zum Opfer gefallen ist. Ein Mensch, wie sie Roth üblicherweise verachtet oder anders gesagt: „Eine dumme Sau.“ Überhaupt gönnt sich Roth den erhabenen Blick von oben, vor allem gegenüber Frauen zeigt er sich herablassend, was Folgen haben wird. Dies gilt nicht nur für seine Ex, bei der ihm die Hand ausrutscht, sondern auch für Simone, die Freundin von Breda, die dieser über das Datingportal „Rubensfan“ kennlernte.
Mit zunehmenden Aufenthalt läuft für Roth alles aus dem Ruder. Sein Buchprojekt gerät völlig ins Hintertreffen, dabei hat sich doch hier, im beschaulichen Niendorf, einst im Jahr 1952 die legendäre Gruppe 47 getroffen. Heinrich Böll, Paul Celan, Karl Krolow und Siegfried Lenz, ebenso Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, um nur einige zu nennen. Mehr deutsche Nachkriegsliteraturstars an einem Ort geht kaum. Doch die Inspiration bleibt aus. Stattdessen wiederholte Treffen mit dem übergriffigen Breda, die meist im totalen Absturz enden.
Im sozialen Elend gefangen
Heinz Strunk ist ein Meister seines Faches, wenn es darum geht, die Alltagsrealität einfachster Menschen aufzuzeigen. Der Bodensatz der Gesellschaft, ein durch und durch ebenso trost- wie hoffnungsloser Anblick. Schnell entledigt sich Roth seines Maßanzugs, isst zum ersten Mal überhaupt einen Döner und stellt bald fest, dass ihm sein bisheriges Leben völlig zu entgleiten droht. Durch seine herabwürdigende Art, verscherzt er es sich selbst mit der Bedienung seines Lieblingslokals, am Ende bleiben nur noch Breda und Simone übrig.
Frank: „Bock of my Pillerman?“
Mike: „Ach, jetzt meldest du dich, Frank, jetzt meldest du dich auch mal. Du stehst doch schon in der Wanne, bevor das Wasser warm ist. Halt lieber dein Maul.“
Hardy: „Stark am Glas, schwach am Herzen. Prost!“
ALLE: „Prost.“
Roth sitzt an seinem Tisch und lauscht. Eine aus dem Fugen geratene Säufer- und Irrenparallelwelt.
Wie schon in seinem herausragenden Bestseller „Der goldene Handschuh“ über das Leben des Serien- und Frauenmörders Fritz Honka (1935-1998) geht es auch im vorliegenden Roman um Alkoholexzesse, Verwahrlosung und daraus resultierende Folgen. Dabei lässt Strunk seine verkorksten Figuren sozusagen selber reden und handeln, er beobachtet und beschreibt, aber er richtet nicht moralisch über sie. Völlig neutral ohne jede Bewertung lässt er das Geschehen passieren und auf seine Leser einwirken. So wirkt das Ganze noch monströser und abartiger und entwickelt eine große Sogwirkung. Dass sich der Autor sprachlich auf das derbe Niveau seiner Figuren herablässt, versteht sich von selbst. Für Feingeister ist der Roman ohnehin denkbar ungeeignet.
Von einigen professionellen Literaturkritikern wurde „Ein Sommer in Niendorf“ mit der berühmten Novelle „Tod in Venedig“ von Thomas Mann in Verbindung gebracht. Es soll nicht unerwähnt bleiben. 2022 wurde der Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert und erreichte Platz1 der Spiegel-Bestsellerliste Belletristik. Im vorliegenden Fall hat der inflationär verwendete Aufkleber „Spiegel-Bestseller“ seine Berechtigung. Wer sich für die Niederungen der Menschheit nicht zu schade ist, findet einen außergewöhnlichen Roman an dessen Ende, der Protagonist nicht mehr er selber sein wird.
- Autor: Heinz Strunk
- Titel: Ein Sommer in Niendorf
- Verlag: Rowohlt
- Umfang: 240 Seiten
- Einband: Taschenbuch
- Erschienen: April 2024
- ISBN: 978-3-499-00885-6
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Wertung: 12/15 dpt







