„Die Schöne und das Biest“ – das Märchen mit dem Stockholm-Syndrom – ist den meisten vermutlich durch den gleichnamigen Disney-Film bekannt. Die schöne Belle möchte ihren Vater retten, der aus der Not heraus einen Handel mit einem furchtbaren Biest eingegangen ist, welches in einem Schloss im Wald haust. Statt seiner begibt sie sich in Gefangenschaft und schafft es letztendlich das Herz des Ungeheuers zu erweichen. Als sich ihr die Möglichkeit zur Flucht bietet, kehrt sie freiwillig zu ihm zurück und kann das Biest durch einen Kuss der wahren Liebe von seinem Fluch erlösen. Und siehe da, es war eigentlich ein verzauberter Prinz! Disney eben. In der Original-Märchen-Version von Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve (was ein Name!) geht die Geschichte danach noch weiter und die Lesenden begeben sich auf die Ursprünge des Fluchs.

Als Kind mochte ich den Disney-Film immer sehr gerne. Belle war ein kluger, sanftmütiger Charakter, die ihre Zeit am liebsten mit dem Lesen von Büchern verbrachte und den chauvinistischen Garcon regelmäßig in seine Schranken verwies. Und auch das Schloss des Biestes bot eine Menge Stoff zum Träumen: eine riesige Bibliothek und ein Haus, das durch sein Mobiliar zum Leben erwacht. Mittlerweile sehe ich die Dynamiken jedoch durchaus kritischer. Das Biest ist zu Beginn wirklich ein Scheusal, bedroht Menschen, verhält sich zynisch und aggressiv und sperrt Belle im Schloss ein. Klingt nicht nach Potential zum Verlieben, da tröstet auch die schönste Bibliothek und ein Candle-Light-Dinner nicht drüber hinweg. Nichtsdestotrotz verliebt sich Belle in das Biest und mit dem „Kuss der wahren Liebe“, ist dann jegliches Verhalten von vorher vergeben und vergessen. Nach modernen Standards würde man das wohl als eher missbräuchlich bezeichnen (den aktuellen Dark Romance Trend mal außer Acht gelassen).
Für diejenigen, die solche Geschichten ähnlich kritisch sehen, hat Evelyne Aschwanden das Märchen neu interpretiert und eine feministische Version mit sapphischer Liebesgeschichte geschrieben, die sich zwar eng am Original orientiert, aber mit den überholten Klischees aufräumt.
Die zukünftige Monsterjägerin Jade Labelle erhält, als letzte Prüfung um in die Gilde aufgenommen zu werden, den Auftrag ein Biest in einem abgelegenem Herrenhaus zu töten. Sechzehn Jahre lang hat sie auf diese Aufnahme hingearbeitet und ist sich sicher, schnell und erfolgreich wieder zu den anderen zurückzukehren. Vor Ort trifft sie jedoch auf eine verängstigte junge Frau (Louise), die unter einem Fluch leidet, der dann auch Jade auf dem Anwesen gefangen hält. Nun liegt es an den beiden, gemeinsam einen Weg hinaus zu finden, bevor das Monster zurückkehrt und Jade ihre Aufgabe erfüllen muss …
Direkt zu Beginn haben mir die Witcher-Vibes, die durch die Jagd auf die unterschiedlichen Monster entstehen, sehr gut gefallen. Nachdem Jade im Anwesen ankommt, wird die Geschichte aus zwei POVs erzählt, dem von Jade und dem von Louise. In denen wird schon angedeutet, was es mit dem Fluch tatsächlich auf sich hat. Vor allem aber wird das Monster, und wie es Louise seit Jahren quält, sehr atmosphärisch und fast schon mit psychologischem Horror beschrieben. Die Auswirkungen, die diese seelische Folter auf Louises Psyche nimmt, die eigentlich nur noch einen Todeswunsch empfindet, um den Qualen zu entkommen, werden sensibel und ohne unnötigen Voyeurismus beschrieben.
„Manchmal sind Gedanken wie Dornen. Sie drücken sich tiefer und tiefer in unser Fleisch, je länger wir sie ignorieren. Und irgendwann sind sie so tief in uns drin, dass wir sie von außen nicht mehr sehen können. Manchmal müssen wir die Wunde neu öffnen, um den Schmerz loszuwerden.“
Auch das Haus selbst spielt eine kleine Rolle und kommuniziert mit Jade und Louise, allerdings kam mir das fast ein bisschen zu kurz. Dass ich mir da mehr gewünscht habe, mag aber auch an meiner besonderen Vorliebe für verwunschene Häuser mit Charakter liegen. Das ist ein Setting, das für mich immer besonders viel schöne Atmosphäre schafft.
„Jedes Haus hat einen eigenen Rhythmus. Eine unverkennbare Melodie aus Geräuschen und Bewegungen, die in diese Hallen und Wände gehören – wie ein eigener Herzschlag, den man verinnerlicht, wenn man lange genug hier wohnt.“
Der feministische Aspekt der Geschichte wird vor allem durch Louises Vergangenheit, die wir durch ihre Albträume erfahren, deutlich. Nicht nur in diesen, sondern allgemein, geht es immer wieder um weibliche Selbstbestimmung und das Recht, sich autoritäten Strukturen, nicht unterwerfen zu müssen.
„Schreie für all die Mädchen und Frauen da draußen, die dasselbe durchlebt haben wie ich, die niemals eine Stimme hatten, weil die Ordnung sie so lange schon zum Verstummen gebracht hat. Ich schreie, bis meine Stimme zu einem Brüllen geworden ist, bis meine Fingernägel zu Klauen geworden sind, meine Haut zu Schuppen, bis ich nur noch aus Wut und Hass bestehe, und dann, erst dann, gebe ich mich zum ersten Mal willentlich dem Monster hin, Platz nur noch für einen Gedanken in meinem Kopf: Heute Nacht werde ich mir die Kontrolle zurückholen.“
Wie sich den Zitaten entnehmen lässt, schreibt Evelyne Aschwanden sehr bildhaft und lässt so eine wunderbare Atmosphäre entstehen, bei der man mitfiebern und sich reinfühlen kann. Obwohl man viele Ereignisse vorhersehen kann, wenn man das Märchen kennt, bleibt es so durchweg spannend. Das Ende kam für mich dennoch unerwartet. Die Prämisse dieses Abschluss kam mir im Text jedoch etwas zu kurz, wurde im Nachwort durch die Autorin aber nochmal aufgegriffen.
„Killing the Beast“ war für mich eine schöne Neuinterpretation mit wichtiger Message, die sich nicht an den typischen Klischees im Romantasy-Genre bedient und auch den Spice auf einem geringen Level hält.
Das Buch erschien bereits 2023 und war für den Selfpublisher-Preis nominiert. Da im November mit „Taming the Beast“ ein weiterer Band der Reihe „Women & Monsters“ erscheint, der jedoch unabhängig lesbar ist, wurde das Buch überarbeitet und neu aufgelegt.
Kurz zusammengefasst: „Die Schöne und das Biest“ meets „The Witcher“, gepaart mit Queerness und Feminismus. Sehr schöne Mischung!

Wertung: 13/15 dpt
- Autor: Evelyne Aschwanden
- Titel: Killing the Beast
- Erschienen: 09/2026
- Einband: ebook
- Seiten: 360
- ISBN: 978-3-695-18420-0
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