Das Glück ist zerbrechlich im Leben von Annegret und Richard. Wider alle Gegensätze hat sich das ungleiche Paar gefunden und geheiratet. Nun bestimmt der ständige Kampf gegen die Armut ihren Alltag. Der Ausblick in die Zukunft ist düster angesichts der politischen Umwälzungen in den 1930er Jahren. Tapfer trotzen sie allen Widrigkeiten, doch als der kleine Karl, ihr gemeinsamer Sohn, tödlich verunglückt, wird ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Annegret verliert völlig den Boden unter den Füßen, sie wird zeitweise sogar in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, der verzweifelte Richard fragt sich, wie er ihr helfen kann.

Auf den ersten Blick ist Häussers Roman eine Liebesgeschichte mit tragischen Schicksalselementen. Wäre da nicht der geheimnisvolle Erich Kelter, der nach dem tödlichen Unfall wie ein Deus ex machina in Erscheinung tritt und den beiden zur Seite steht.
Häusser ist ein Erzähler, dem es gelingt mit nur wenigen Sätzen große Zusammenhänge sichtbar zu machen. Jede einzelne Szene ist perfekt durchkomponiert. So verleiht er selbst kleinen Momenten enorme Tiefe und Glaubwürdigkeit. Mit poetischer Dichte inszeniert er die zarte Intimität des Mutter-Kind-Verhältnisses, die tiefe Zuneigung des Paares Annegret und Richard, die innere Zerrissenheit Richards, sich aus politischen Dingen heraushalten zu wollen, aber auch die Grobschlächtigkeit der Unterschicht im Kontrast zu der Verletzlichkeit einzelner Personen und vieles mehr. Sicher bewegt er sich durch das Milieu der „kleinen“ Leute und deren Alltagsprobleme. Es entsteht ein realistisches Porträt der damaligen Gesellschaftsverhältnisse.
Häussers Protagonist:innen sind alle extrem vielschichtig angelegt. Aus den einzelnen Biografien heraus, die er sukzessive freilegt, entwickelt sich eine Handlung, bei der das Private zunehmend in den Hintergrund gerät. Oder – angesichts der Figurenentwicklung – könnte man auch sagen, in der das Private zunehmend politisches Gewicht erhält. Denn das, was von außen in die Leben der Menschen dringt und sie auch existentiell bedroht, lässt sich nicht ignorieren.
Aus meiner Sicht hätten die Ereignisse des letzten Drittels durchaus noch mehr erzählerischen Raum verdient. Besonders der Figur von Annegret wäre ich in der Schlussphase gerne intensiver gefolgt. Ihre Entwicklung ist mit Abstand die größte. Mit Annegret ist Häusser eine ganz wunderbare literarische Heldin gelungen. Durch ihr Erstarken im Laufe der Handlung verleiht sie dem Roman den entscheidenden und dringend ersehnten Impuls zur Hoffnung.
„Kurze Tage des Glücks“ ist spannend zu lesen. Häussers Prosa ist gradlinig und poetisch zugleich, was sie sehr gut zugänglich macht. Der historische Bezug schlägt eine wichtige Brücke zu den aktuellen Ereignissen, ohne sich im Vergleich aufzudrängen.
Große Empfehlung!
- Autor: Alexander Häusser
- Titel: Kurze Tage des Glücks
- Verlag: Pendragon Verlag
- Erschienen: 7. September 2026
- Einband: Gebundene Ausgabe
- Seiten: 164 Seiten
- ISBN: 978-3865329660

Wertung: 13/15 dpt







