© S. Fischer Verlage

Wie beschreibt man diesen Roman, der eigentlich gar kein Roman ist? Julia Franck lässt keinen Zweifel daran, dass sie in „Welten auseinander“ Autobiographisches in ihr Erzählen webt, dass das Erinnern der Motor ihres Schreibens ist. Und doch ist der kunstvoll komponierte Text keine Biografie. Oder doch?

Francks Stil erinnert an einen Fluss: Ihr breiter Erzählstrom wird immer wieder aufgelockert durch kleine stromschnellenartige Brüche, kleine chronologische Sprünge. Auch wechselt sie die Erzählperspektiven, rückt mal als Ich-Erzählerin ganz nah an die Ereignisse heran, sucht dann aber wieder Distanz durch einen auktorialen Stil herzustellen. Das macht ihre Geschichte, welche zugleich immer auch ein Erinnern ist, sehr facettenreich und lebendig. Unübersichtlich wird es dabei nie, denn Franck manövriert ihre Leser*innen souverän durch jede ihrer Erzählebenen hindurch.

Es geht der Autorin in „Welten auseinander“ um ihre Familiengeschichte. Dabei geht sie zurück bis in die Jugendzeit ihrer Großeltern. Franck belegt eindrucksvoll wie stark verwurzelt man mit seinen Ursprüngen ist. Wie weit die Einflüsse vorangegangener Generationen in die eigene Geschichte hineinreichen. In Francks Fall ist diese Familiengeschichte geprägt durch die jüdische Herkunft der Großmutter, das Leben im Osten und die spätere Flucht in den Westen.

Den größten Teil der Handlung macht Francks ganz persönliche Biografie aus. Sie schildert schonungslos die prekären Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen ist. Ihre Mutter Anna, vom Leben überfordert, wird zum Sozialfall. Julia und ihre Schwestern wachsen in totaler Verwahrlosung auf. Mehr als einmal drängt sich der Vergleich mit Frank McCourts biographischem Roman „Die Asche meiner Mutter“ auf; an einer Stelle nimmt Franck sogar selbst Bezug auf diesen Text. Nicht weniger ist auch Francks Buch ein aufrüttelndes Sozialdrama, hautnah aus der Perspektive des betroffenen Kindes erzählt. Die Leser*innen erleben wie Familie und Gesellschaft dabei versagen, Julia und ihre Schwestern aus ihrer Not zu befreien. Wie sich niemand zuständig fühlt. Wie die Mädchen über sich selbst hinauswachsen müssen, um zu überleben. Immer wieder ist von Scham die Rede. Scham als Ausdruck dafür, dass dem Opfer die Schuld zugewiesen wird an seiner eigenen Situation. Scham als ein Trauma, das lebenslang haftet.

Der Roman ist aber auch die Geschichte einer Befreiung, ein Coming of age. Das Mädchen beginnt Tagebuch zu führen. Es “gewinnt Abstand mit dem Schreiben.” Das Schreiben wird ihm zur Rettung.

„Mein Blick ist auf Gegenwart und Zukunft gerichtet (…) Not und Scham der Kindheit sind in den weit über zwanzig Tagebüchern abgelegt, zum besseren Vergessen.“

Seite 190

Als Jugendlicher gelingt ihr der Ausbruch, sie verlässt Mutter und Geschwister, um zunächst bei Freunden, später – noch vor der Volljährigkeit  – in einer WG zu leben.

Es ist spannend, Julia Francks bisherige Romane in Relation zu diesem neuen Buch zu  stellen. Es ist unmöglich, dies nicht zu tun, wenn man ihre Bücher kennt.
Wie intensiv Biografisches in einen fiktionalen Text einfließt, wie fließend die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion beim Schreiben sind, wie schmerzhaft ein Schreibprozess ist, der das wahrhaft Erlebte und Erlittene in die Fiktion webt, all das führt uns Julia Franck mit ihrem Buch vor. In „Welten auseinander“ fügt die Autorin ihre Welten zusammen, die Erlebte und die Erdachte. Die Grenzen sind durchlässig. Es gibt sie eigentlich nicht.

Julia Francks Buch ist eine Überlebensgeschichte. Eine Hommage an die rettende Kraft der Literatur. Klare Leseempfehlung!

 

  • Autor: Julia Franck
  • Titel: Welten auseinander
  • Verlag: S. Fischer Verlage
  • Erschienen: Oktober 2021
  • Einband: Gebundene Ausgabe
  • Seiten: 368
  • ISBN: 978-3100024381
  • S. Fischer Verlage

 

Wertung: 12/15 dpt


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