Books and the City #9 – Die Angst des weißen Mannes

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Books & The City Logo © booknerds.deDie Literatur, die Großstadt – das gehört zusammen, und zwar nicht erst seit Fotos von Buch und Kaffeekunst zu den beliebtesten Motiven auf Instagram gehören: Eine Geschichte aus der Weltstadt, von ihren Menschen und Büchern.

Gestern im Kino sah ich „I am not your Negro“, in dem der Befreiungskampf der afroamerikanischen US-Bevölkerung mit den Worten und aus der Sicht des Schriftstellers James Baldwin dokumentiert wird. Erschreckend und beinahe ein Klischee waren die „Normalbürger“, die den farbigen Demonstrant*innen häufig gegenüberstanden: alte (und wenige junge), weiße Männer. Ich dachte an die Frauenbewegung, den Kampf der LGBTI*-Community, den Streit um Behindertenrechte und kam nicht umhin, mich zu fragen: Wieso sind es immer wieder dieselben Leute, die sich vor der Freiheit der anderen fürchten?

Aktuelles Beispiel aus der Welt der Bücher: die Ankündigung eines Video-Talks zu „Zensur, Heuchelei und Notwendigkeit“ – subsumiert unter dem Wortfeld der sogenannten „Politcal Correctness“ (im Folgenden sPC) – und wie diese Faktoren Fantasy und SciFi beeinflussen. Stefan Servos, einer der Talkteilnehmer, hat seine Gedanken zu der Frage vorab in einem eigenen Text formuliert.

Für Servos ist die sPC eine unhinterfragte Tatsache, geradezu eine Naturgewalt, die die Kinderbuchklassiker „längst ereilt [hat]“ und einen „Kampf von Kunst- und Meinungsfreiheit gegen die Befindlichkeiten von Menschen“ in der heilen Weltabgewandtheit der Fantasy und SciFi entfesselt. Sie ist alles, von einer farbigen Hermine in „Harry Potter and the Cursed Child“ über Kriegerinnen in einem Herr-der-Ringe-Computerspiel bis hin zu preisgekrönten Büchern mit queeren Charakteren. Suggestivfragen und vermeintliche Toleranzbekundungen werden aneinandergereiht, woraus sich die Schlussfrage ergibt: „In der sehr hehren Absicht, auf die Gefühle von Minderheiten Rücksicht zu nehmen, ist da dogmatische Political Correctness der Schlüssel oder sollte man das Problem doch etwas differenzierter angehen?“
Die Antwort bleibt Servos schuldig. Dafür weiß er, wo es hinführte, wenn man Rücksicht nähme: „Wenn aber jetzt in Spielen, Büchern und Filmen krampfhaft der Fokus auf die Herkunft oder Sexualität einzelner Charaktere gelegt wird, stellt sich die Frage, ob dies nicht zum Selbstzweck verkommt und das eigentliche Anliegen dahinter zurücktritt.“ Was das eigentliche – also wahre – Anliegen allen Redens und Erzählens im Gegensatz zum klassischen „delectare, docere und movere“, sei, behält der Autor für sich.

Stattdessen wähnt er sich mit seiner Verteidigung der Kunst- und Meinungsfreiheit auf der grundrechtstreuen Seite und vollbringt ein rhetorisches Glanzstück, an dem wohl auch Victor Klemperer einige Freude hätte: Er setzt hohe Rechtsgüter wie Kunst- und Meinungsfreiheit gegen die Nichtigkeit vermeintlicher Befindlichkeiten (die er nonchalant mit Grundrechten verwechselt) und garniert sie mit allerlei Relativierungen: Die sPC „ereilt“ Kinderbücher; Hermine Granger ist „eigentlich“ farbig; „offenbar“ ist die reale Welt nicht politisch korrekt; der Wunsch nach Berücksichtigung bisher unsichtbarer Gruppen ist „Befindlichkeit“ zum „Selbstzweck“; eine „gewisse politische Korrektheit ein durchaus edles Anliegen“, aber ist sie „am Ende nicht nur Zensur“?

Das Übel des Ganzen liegt, wie so oft am Anfang, denn sPC ist, anders als Servos mit seiner Argumentation suggeriert, keine Agenda, die irgendwann in einem Hinterzimmer entworfen, sodann aber per Dekret und Sprechverboten durchgesetzt wurde. Das Wort ist eine Schmähung von rücksichtsvoller Sprache und ebensolchem Verhalten, deren sich vor allem Neurechte und Altängstliche gern bedienen; ein Machterhaltungsgespenst wie die „jüdische Weltverschwörung“ oder die „Homolobby“.
So schließt sich der Kreis: zu James Baldwin, zu den Kämpfen der Farbigen, Frauen, LGBTI* und Behinderten und auch zu Antisemitismus und dem aktuellen Antiislamismus. Wie unterschiedlich die einzelnen Konflikte sind, so sehr gleichen sich Argumentationen und Machtstrukturen, wenn es darum geht, scheinbar Althergebrachtes gegen die Teilhabe bisher ausgegrenzter Menschen zu wahren.
Weiße, cis- und hetero-Personen ohne körperliche oder geistige Einschränkungen, mit den richtigen Ausweisdokumenten, sehen sich jeden Tag gespiegelt: Im Kino, in Texten (auch wenn die gar nichts zur Hautfarbe sagen) auf Plakatwänden, in Schulbüchern und Stellenanzeigen. Sie halten das für völlig normal, was es nicht einmal bei einem rein deskriptiven Ansatz der Fall ist.

Sobald Menschen, die nicht diesen Zuschreibungen entsprechen, die gleiche Repräsentation für sich beanspruchen, kommt Futterneid auf und die sPC ins Spiel. Sie ist das Mittel gegen die irrationale und grundlose Angst, mit dem eigenen Bild und dem eigenen Leben aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden. Sie diskreditiert dabei alle Bemühungen um Gleichberechtigung und Sichtbarkeit als einen Sonderzustand, der erst von der generösen, machtbesitzenden Mehrheit gestattet und sogar begrenzt werden muss, wenn er dem weißen cis-hetero-Privileg allzu sehr auf die Pelle rückt. Dann ist schließlich die Kunst- und Meinungsfreiheit bedroht und muss verteidigt werden. Die Argumentation ähnelt nicht zufällig derjenigen, die die Retter*innen des Abendlandes in Dresden und anderswo gern bemühen, aber ich möchte Servos zugutehalten, dass dies nicht beabsichtigt ist. Es gibt schlicht kaum ein Bewusstsein für das eigene Privileg innerhalb der gefühlten Mehrheit. Aber frei nach dem alten Lied der Frauenrechtler*innen „Bread and Roses“ geht es schon längst um mehr als die Brotkrumen, die von ihrem Tisch fallen – auch und gerade in SciFi und Fantasy.

Tolkiens Gefährten waren so unterschiedlich, wie es seine Fantasie erlaubte; in Zeiten, da die Rassentheorie weit über die deutschen Grenzen hinweg rezipiert wurde, ein großes Zeichen! Die starken Frauen, die kleinwüchsigen, die schwulen und transidenten Personen im „Lied von Eis und Feuer“ sind kein Selbstzweck sondern Teil der Geschichte. Ihr Kleinsein, ihre Sexualität und Identität, ihre weibliche Stärke und Grausamkeit sind Teil der Geschichte, wie auch das Sklavenschicksal Jims in „Huckleberry Finn“ für dessen Verständnis keine Schimpfworte notwendig sind. In Zeiten von Kaltem Krieg und Rassentrennung dienten in „Star Trek“ ein russischer und ein japanischer Offizier mit einem amerikanischen Captain und besagter Captain tauschte den ersten gemischtrassigen Fernsehkuss der US-Geschichte mit einer farbigen Frau. Das war gesellschaftlich völlig inkorrekt, aber es zeigte eine Vision: Eine Welt des Friedens unter den Menschen (wenn auch nicht mit allen anderen im Universum), eine Welt ohne Geld und ohne ethnische Grenzen.

Dass heute im Namen der Kunstfreiheit in Fantasy und SciFi die Unsichtbarkeit und Kleinhaltung von Minderheiten verteidigt wird, ist eine bedauerliche Ironie des Schicksals gerade dieses Genres. Aber auch sie wird überwunden werden. Willkommen in der Welt der farbigen, transidenten Behinderten!

EDIT: Die Antwort auf den Text von Stefan Servos durch Lars Schmeink hält inhaltlich dagegen und ist ebenfalls lesenwert.

Bild © booknerds.de/Verwendung der Buchseite (ISBN 978-3-442-371259) für die Häuser mit freundlicher Genehmigung des blanvalet Verlags

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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