Heute jährt sich die TV-Erstausstrahlung von “Star Trek” zum 60. Mal. Zumindest in den Vereinigten Staaten, in Kanada flimmerte “The Man Trap” sogar zwei Tage früher über die Röhrenschirme.
Warum wir den utopischen Anker im Unendlichen noch immer so verdammt dringend brauchen

Als mittlerweile Vierzigjähriger ziehen manche vielleicht schon einen heißen Tee dem aufputschenden Kaffee vor. Doch auch wenn ich mit den Worten “Earl Grey, heiß” aufgewachsen bin, bleib ich nach wie vor beim irdischen Pendant zum klingonischen Raktajino. Möglicherweise werden nicht nur Nerds jetzt genau wissen, wem diese Heißgetränkbestellung zuzuordnen ist: Captain Jean-Luc Picard von der U.S.S. Enterprise NCC 1701-D. Als Leitfigur der zweiten Realserie “Star Trek: The Next Generation” steht der Franzose, wunderbar gespielt mit dem besten britischen Englisch von Sir Patrick Stewart, als Sinnbild für Moral und eine utopische Gesellschaft, wie wir sie uns nur wünschen können. Wohl mehr denn je. Schließlich steht die Vereinte Föderation der Planeten für die friedliche Koexistenz zahlreicher, unterschiedlicher Völker im Weltraum und setzt auf Erforschung und Frieden.
1966 war diese Idee von Serienschöpfer Eugene “Gene” Roddenberry ebenfalls vorhanden, wirkt aber “Star Trek” (oder gern auch: “The Original Series”) heute wie ein Western im Weltraum. Dennoch gab es für damalige Verhältnisse, nach dem zweiten Weltkrieg und inmitten des Kalten Kriegs, Bemerkenswertes zu sehen: Ein Außerirdischer als erster Offizier in der Sternenflotte, eine dem Militär angelehnten hierarchischen Organisation, ein Russe, ein Asiate und eine schwarze Frau ebenfalls auf der Brücke, dem Kommandozentrum des Raumschiffs. Sowie der erste TV-Kuss zwischen einer schwarzen Frau und einem weißen Mann. Das war für damalige Verhältnisse schon etwas Besonderes. Dass der weiße Mann, Captain Kirk, gespielt von William Shatner, generell ein Frauenheld war und auch vor Außerirdischen keinen Halt machte, sei nur am Rande erwähnt.
Im verwirrenden Sendernetzwerk Amerikas war der Serie allerdings damals keine lange Zeit gewährt. Nach drei Staffeln wurde der Stecker gezogen und erst nach ein paar Jahren wurde der Warpantrieb dieses Mal auf der Kinoleinwand angeworfen und legte somit den Grundstein für die oben erwähnte “Next Generation”, die Woche für Woche (respektive täglich) fremde Welten, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen entdeckte.

Es war die Sternenflotte, die uns zeigte, wie eine aufgeklärte Menschheit aussehen könnte: Eine, die Armut, Gier und Nationalstolz überwunden hatte, nicht, weil es keine Konflikte mehr gab, sondern weil man gelernt hatte, sie durch Diplomatie, Verstand und Neugier zu lösen.
Genau das machte (und macht) den wahren Kern von Roddenberrys Vision aus. Star Trek war nie blinde Effekthascherei. Es war Sci-Fi als gesellschaftlicher Spiegel, als philosophisches Labor. Rassismus, Kalter Krieg, Umweltzerstörung, die Angst vor dem atomaren Abgrund – all das wurde in den Weiten des Alls verhandelt, während man auf der Erde noch mühsam lernen musste, über den eigenen Tellerrand zu blicken.
Mit der Zeit wurde auch diese Zukunftsvorstellung düsterer, das zeigte vor allem “Deep Space Nine”, wo sich die Föderation plötzlich in einem langen Krieg befand oder gerade die neuere Produktion namens “Destiny” die bis zum Schluss nicht genau ihren Weg oder Nische fand. Auch wenn gerade die letztgenannte Serie viel Kritik (teils auch berechtigt) aus dem Fandom einstecken musste, so ging es nie nur um Tricorder, Phasersalven oder die Frage, ob Romulaner ehrenhafter sind als Klingonen. Es ging um den Glauben an das Gute im Menschen. An den Fortschritt. Daran, dass Vielfalt keine Bedrohung, sondern die absolute Grundvoraussetzung für Stärke ist. Wenn Data, der androidische Kollege auf der Suche nach dem Menschsein, uns Woche für Woche vorgelebt hat, wie wertvoll jede einzelne Regung des Lebens ist, dann hat das Spuren hinterlassen.
Die kreativen Strömungen sind vielleicht in den letzten Jahren etwas diverser und aufgeschlossener für eine breitere Anzahl an Zielgruppen geworden, dennoch ist es diese unerschütterliche Gewissheit, dass wir die letzte Grenze erreichen können, wenn wir nur zusammenhalten. In einer Welt, die sich aktuell oft genug anfühlt, als würde das Dominion wieder die Verhandlungen übernehmen und der Delta-Quadrant vor der Haustür liegen, ist dieser utopische Anker wichtiger denn je.
Solange wir auch als Fans offen für Neues bleiben und das vulkanische UMUK-Prinzip (unendliche Mannigfaltigkeit in unendlichen Kombinationen) verinnerlichen, können wir beruhigt auf die nächsten 60 Jahre anstoßen – ob nun mit romulanischem Ale oder einem heißen Earl Grey.
In diesem Sinne,
lebt lange und in Frieden.







