Ryu Murakami – Das Casting (Buch)

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Ryu Murakami - Das Casting (Cover © Septime Verlag)Mit Ryu Murakamis Psychothriller „Das Casting“ bringt der Septime Verlag die erste deutschsprachige Ausgabe des bereits 1997 erschienenen Buchs auf den Markt, das als Vorlage für den bekannten Horrorfilm „Audition“ von Takashi Miike diente. Murakami betreibt in dieser kurzen, 190 Seiten starken Erzählung ein atmosphärisch dichtes Spiel mit den Gender-Problemen der modernen Gesellschaft und der (japanischen) Unterhaltungsindustrie. Die Übersetzung besitzt durchgängig einen melancholisch-spannenden aber ruhigen Sound, der selbst bei den Höhepunkten des Thrillers so weit hinter den pervers-brutalen Ereignissen zurückbleibt, dass er einen phantastischen Kontrast ausbildet.

Ohne dem Verlauf der Geschichte zu viel Entscheidendes vorwegzunehmen, lässt sich nur die Anfangskonstellation beschreiben. Der Mittvierziger Aoyama ist Dokumentarfilmer und hat vor sieben Jahren seine Frau verloren. Der Witwer lebt mit seinem Sohn nun alleine in der Familienwohnung und möchte wieder heiraten. Aoyamas Freund Yoshikawa arbeitet in der Werbebranche und ist im Gegensatz zum kunstinteressierten Aoyama ein Partygänger und Lebemann. Die beiden besprechen das Problem ’neue Frau‘ wie eine soziologische Studie. Es ist von zu vielen Schauspielerinnen und Popsternchen bei gleichzeitig zu wenigen Filmen und neuen Stars die Rede. Sie reden von Prostitution um der Karriere willen und auch, weil am Ende einer Ausbildung vielleicht nichts anderes mehr übrig bleibt. Aoyama will eine intelligente Frau mit musikalischer und akademischer Ausbildung, die noch nicht vom Business auf die eine oder andere Art verbraucht wurde.

Die erfolgreichen Männer kennen sich in der Geschäftswelt ihres Landes aus und sagen, dass solche Frauen selten oder teuer geworden sind. Also schmieden sie einen Plan, um Aoyama mit dieser speziellen Zielgruppe in Verbindung zu bringen: Sie fingieren eine Filmproduktion und arrangieren eine medial aufbereitete Casting-Show für die Hauptrolle, die speziell die musisch ausgebildeten Nicht-Schauspielerinnen ansprechen soll. Der Plan geht natürlich auf. Es bewerben sich 4000 Frauen, und bald hat Yoshikawa eine stattliche Auswahl an Kandidatinnen für seinen Freund zusammengestellt. Darunter ist auch die etwas zu perfekte Asami, in die sich Aoyama sofort verliebt.

Die Erzählung ist beinahe altmodisch gehalten.  Wie die zwielichtige aber schmucklose Sprache E.T.A. Hoffmans stülpt Murakami Zweifel über alles und jeden, während sein Erzähler gegenüber dem Leser den Untergang Aoyamas prophezeit. Gleichzeit schöpft der Thriller aus aktuellen Themenkreisen und unterfüttert diese mit Pornographie und Gewalt; beides geschieht leise, unbemerkt, zwischen den Zeilen und beides geschieht offen, direkt, drastisch. Ob dem Buch dadurch die kritische Darstellung einer Missbrauchsgesellschaft gelingt, bleibt dahingestellt. Denn die Darstellung von Gewalt ist nicht gleichzusetzen mit einer Kritik daran. Aber an dieser Stelle greift das ästhetische Konzept des Buches mit seinen Brüchen und Kontrapunkten. Dieses jedoch dürfte für all die Leser, die einen satten Psychothriller erwarten, eine fragwürdige Leseerfahrung bleiben, weil „Das Casting“ zwar das Genre bedient, gleichzeitig aber ein sehr artifizieller Vertreter ist.

 Cover © Septime Verlag

Wertung: 11/15 dpt

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Über den Autor

Christian Bischopink

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Christians Nerd-Schreibtisch

Aktuelle und ewige Lieblingszitate:

»I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. Time to die.«
(Roy Batty, „Blade Runner“)

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