Michele Serra – Die Liegenden (Buch)

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Michele Serra - Die Liegenden (Cover © Diogenes)Ob der italienische Autor, selbst verheiratet und Vater von einer Tochter und drei Söhnen, aus Erfahrung schreibt? Man könnte es meinen, wenn man der Lektüre seines Romans „Die Liegenden“ frönt.

In diesem gerade mal rund 150-seitigen Werk befindet sich ein Vater im Zwist mit seinem achtzehnjährigen Sohn, denn er ist das Musterbeispiel eines „Liegenden“: Ein Jugendlicher, der – bis auf gelegentliches abendliches unangemeldetes Verschwinden und Irgendwann-wieder-Auftauchen – hauptsächlich damit beschäftigt ist, den Tag zu verpennen und sich selbst lediglich für den Toiletten- oder Duschgang vom Bett oder Sofa aufzuraffen.

Die Freizeitgestaltung des jungen Mannes besteht ausschließlich aus der simultanen Benutzung des Fernsehers, des Laptops, des Smartphones und seiner Ohrhörer. Seine Welt befindet sich hinter Bildschirmen, irgendwo im TV-Programm, noch mehr aber online. Überall ist er für jeden erreichbar – nicht jedoch für seinen alleinerziehenden Vater, den er behandelt, als sei er gar nicht da. Der Vater fragt sich, ob man sich heutzutage wirklich so gegen das Establishment stemmt.

Er gibt sich einen Ruck und versucht diesen Ruck auf seinen Sohn zu übertragen: Wie wär’s mit Wandern? Antwort: Nö. Bergsteigen? Der Blick und die Nichtantwort signalisieren: Kein Bock. Zusammen auf Weinlese gehen? Das quittiert der Sohn mit Verschlafen. Einfach nur zusammen irgendetwas unternehmen, um einfach die Gemeinsamkeit zu genießen? Reaktion: Den Vater spüren lassen, dass er wohl von einem anderen Planeten zu stammen scheint.

In diesem Buch, welches in der zweiten Person an den Sohn gerichtet ist, zeigt sich der Erzeuger hilflos und ist völlig »konsterniert« (Zitat Backcover). Er hinterfragt sein Tun und das Tun seines Sohnes, fragt sich, was er anders machen kann. Wie er ihn motivieren kann, aktiv am Leben teilzunehmen oder wenigstens mal ein paar Stunden mit seinem Vater zu verbringen. Doch genau so schildert er, zuweilen bitter ironisch, zynisch und bissig-sarkastisch, gerne lakonisch, oftmals aber auch resignierend, wie er seinen Filius wahrnimmt. Welch befremdliche Gefühle dabei aufkommen. Wie ihn die Teilnahmslosigkeit und Entfremdung seines Sohnes gleichzeitig wütend und traurig macht. Wie er ihm dann doch hinterherräumt und -putzt. Und wie er doch nie aufgeben möchte, irgend einen Draht zu dem Menschen herzustellen, den er irgendwann mal gemeinsam mit einer Frau in die Welt gesetzt hat. Einen Sohn. Seinen Sohn.

Den Stil, den Serra hierbei pflegt, kann man einerseits als direkt und grundehrlich beschreiben, und auch die Selbstwahrnehmung des Protagonisten kommt dabei nicht zu kurz. So ertappt der sich selbst dabei, wie ihn die Verbitterung ereilt, die sich bei vielen Menschen erst im fortgeschrittenen Alter nach vielen Enttäuschungen manifestiert. Der Vater gerät nicht nur mit seinem Sohn in den Clinch, sondern auch mit sich selbst.

Andererseits ist Serras sehr emotionaler Stil allerdings auch latent poetisch und voller philosophischer Ansätze. Und auch die Kämpfe der Gefühlspole miteinander werden auf entwaffnende Art und Weise im Kopf ausgetragen – etwa, wie der Vater seinen Sohn gleichzeitig liebt und verachtet. Ihn am liebsten windelweich prügeln oder doch lieber in den Arm nehmen möchte. Ihn am liebsten ermuntern oder ihn aber hochkant aus dem Haus werfen würde.

Zwischen all den Gedanken, die durch die Schreibform fast wie ein überlanger Brief wirken, reflektiert der Erzählende immer wieder die eigenen Erfahrungen, die er in seinem Leben gemacht hat. Die Träume und Visionen, die er verfolgt oder zumindest geträumt hat. Die Dinge, die in seinem Kopf herumschwirren und -schwirrten. Diese Flure, die er hierbei hinter der Schädeldecke entlangwandert, vergleicht er hierbei immer wieder mit den Wegen, die sein Sohn und seine Tochter – eine Lightversion ihres Bruders – gehen.

„Die Liegenden“ ist ein zwar kurzes, aber umso intensiveres Buch, das Hilflosigkeit, Elternliebe, Motivation, Resignation, Wut und Hoffnung explosiv miteinander kollidieren lässt und im Leser ein schizophrenes Gefühl heraufbeschwört. Ein Gefühl des Amüsiertseins und der Beklemmung zugleich. Es lässt bejahend nicken, führt aber mitunter dazu, auch das eigene Verhalten zu hinterfragen. Es ist gleichermaßen eine Momentaufnahme der Generation Messenger sowie ein Plädoyer für mehr Miteinander im realen Leben – vor allem im Familienleben. Es birgt trotz der aussichtslos erscheinenden Lage des Vaters eine Kraft in sich, die sich besonders dann entfaltet, wenn die Lektüre beendet ist und man den Inhalt hat sacken lassen.

Cover © Diogenes Verlag

  • Autor: Michele Serra
  • Titel: Die Liegenden
  • Originaltitel: Gli sdariati
  • Übersetzer: Julika Brandestini
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • Erschienen: 24.09.2014
  • Einband: Hardcover Leinen
  • Seiten: 160
  • ISBN: 978-3-257-06910-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 14/15 dpt

 

 

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Über den Autor

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

Gebürtiger Mannheimer. Jahrgang 1974. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Besessen von Büchern, Serien, Hörbüchern, Computerkram, Kaffee und Königsberger Klopsen. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.

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Michele Serra – Die Liegenden (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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