Tobi Katze – Morgen ist leider auch noch ein Tag (Buch)

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Tobi Katze - Morgen ist leider auch noch ein Tag - Cover © rororo/rowohltTobi Katze ist Kabarettist und Poetry-Slammer, also einer, dessen Beruf es ist, gute Laune zu haben und zu verbreiten. Doch was passiert, wenn so jemand depressiv wird? „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ ist also ein Erfahrungsbericht über Depressionen. Doch kann eine Depression heitere Seiten haben, wie der Klappentext uns glauben macht? Und wer liest so ein Buch? Betroffene? Therapeuten? Angehörige Erkrankter oder auch andere Menschen, die mit Depression nichts zu tun haben? Wer auch immer die Leser sind, sie sind zahlreich. „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ befindet sich derzeit (KW52/2015) auf Platz 14 der Spiegel Bestseller-Liste im Bereich Sachbuch im Taschenbuch-Format.

Ist Lachen auch bei Depression die beste Medizin?

„Morgen ist leider auch noch ein Tag“ ist in achtundzwanzig Episoden unterteilt, die einzeln abgeschlossene Ereignisse oder Tagesabläufe erzählen, sie nehmen allerdings immer wieder Bezug aufeinander. Das Buch beginnt mit dem Kapitel „Blei“, in dem Tobi beschreibt, wie er den ganzen Tag im Bett verbringt und Zwiesprache mit einem Berg dreckiger Wäsche hält. Weiter geht es mit dem Kapitel „Stille“, das in Tobis Stammkneipe „Blume“ spielt und erzählt, wie man in Gesellschaft von Jones, die eigentlich Johanna heißt, sich unterhalten und doch still bleiben kann. In „Müssen wir jetzt nicht irgendwie heulen?“ kommt endlich der Therapeut ins Spiel, der in einer Praxis mit popelgrünem Teppich, Farnen und Kuscheltieren auf einer Matratzenlandschaft Tobi zunächst einmal attestiert, ein seltsamer Vogel zu sein. Zu den weiteren Protagonisten zählt Tobis Freundin Lene, die ihn im Kapitel „Untertitel“ zu einem spontanen Kaffee einlädt. Zu ihrem freundlichen Small-Talk denkt sich Tobi Untertitel aus, die ihm selbst beweisen, dass Lene ihn für einen Trottel und eine Nervensäge halt.
Tobis besten Freund Cem lernen wir im Kapitel „Die Unordnung der Welt“ kennen. Es beginnt so ähnlich wie das erste. Nur redet Tobi nicht mit der Wäsche, sondern schaut mit dem Stress einen Film. Doch der Stress, in Gestalt von Cem, lässt nicht locker und holt Tobi schließlich doch vor die Wohnungstür. Und die Familie hält in „Holz und Pflanzen und Heimat“ Einzug in Tobis Erfahrungswelt mit Depressionen und geht mit dem Satz „Junge, Du siehst scheiße aus.“ gleich in medias res.

Diese ersten Kapitel stehen repräsentativ für das, was den Leser in „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ erwartet: Der depressive Tobi im Dialog mit den Dingen, die er nicht bewältigen kann. Oder unterwegs mit seinen Freunden, guten Freunden und weniger guten. Den Therapiestunden, in denen sich Tobi, seine Depression und sein Therapeut nichts schenken. Oder eben die Begegnungen mit der Familie, die sich so stur und warmherzig gestalten, wie sich das nur in der Familie abspielen kann.

Dieser Erfahrungsbericht über Depressionen soll, darf man der Werbung dafür glauben, ja auch lustig sein. „Diagnose: Depression, Behandlung: mit Humor.“ lautet die Überschrift des Klappentextes. Und Tobi Katze bringt als Poetry-Slammer und Kabarettist viel Talent mit, um jede Lebenssituation humorvoll zu überzeichnen und mit markanten Sprüchen zu kommentieren. Selbst wenn es sich um die Lebenssituation eines Depressiven handelt.  

Angefangen hat Tobi Katze damit, als Blogger über sein Leben mit Depression zu schreiben, erst auf „derKatze.de“, dann unter dem Titel „dasgegenteilvontraurig“ auf stern.de. Seine Texte lesen sich als Retrospektive auf das Leben aus der Sicht eines Depressiven, zum Beispiel in Form eines inneren Monologs. Oder als Provokation, um mit Vorurteilen á la „Ich bin auch manchmal traurig und schlecht gelaunt“ aufzuräumen. Im gleichen Stil schrieb Tobi Katze seinen Erzählband „Morgen ist leider auch noch ein Tag“.  

In jedem dieser Kapitel steckt viel Humor. Schnoddrige Dialoge wechseln sich mit beißendem Sarkasmus ab, absurde Situationsbeschreibungen mit Selbstironie. Mit bitterbösen Ansagen und schonungslosen Bekenntnissen hält Tobi Katze seiner Depression den Spiegel vor. Was sich passagenweise sehr vergnüglich liest, kann jedoch nicht über die tiefe Tragik und Verzweiflung, die mit der Krankheit einhergeht, hinwegtäuschen.

Ein wahrhaftiger Genuss ist der Schreibstil, klar, es ist ja auch der eines Poeten. Er reicht von lakonisch bis verschwenderisch fabulierend, von plakativ bis verzerrt. Tobi Katze findet sehr unterschiedliche und stets das richtige Mittel, das richtige Bild, um die jeweilige Situation aus seinem Leben in Szene zu setzen. Manchmal sogar poetische Worte wie:

»Alles tragisch sowie komisch,
und das Beste
liegt in der Mitte
und verschwimmt mit den Grenzen.« (S. 179)

Inwieweit sich das Erzählte wirklich genauso wie beschrieben zugetragen hat,  ist eigentlich unwichtig. Das ein oder andere wirkt schon in künstlerischer Freiheit dramaturgisch überzeichnet. Was dieses Buch vor allem lesenswert macht, ist die bestechende Offenheit, mit der Tobi Katze die Krankheit Depression dem Leser näher bringt. „Is eben so.“ lautet die kurze Formel, mit der der Autor das Ergebnis seiner Selbststudie in seinen Lesungen zusammenfasst. Es zählen die vermittelte Atmosphäre und die Erfahrungswerte und die wirken authentisch und ehrlich. Im Gesamtverlauf des beschriebenen Stücks Lebenswegs ist klar eine Entwicklung zu erkennen, wie ein umgekehrter Spannungsbogen. Von der teilnahmslosen Lethargie geht es hinab zum absoluten Tiefpunkt und hinauf auf einen Weg, an dem die Hoffnung darauf, dass auch diese Krankheit bewältigt werden kann, als Zaungast vorbeischaut. Und das ist es, was beim Leser hängen bleibt, die Message, dass Humor helfen kann, der Depression ins Gesicht zu lachen und ihr den Stinkefinger zu zeigen.

 

Zum Livebericht der Lesung am 26.11.2015 im Duisburger Grammatikoff geht es hier.

Cover © rororo

  • Autor: Tobi Katze
  • Titel: Morgen ist leider auch noch ein Tag
  • Verlag: rororo Verlag
  • Erschienen: September 2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 256
  • ISBN: 978-3-49962-927-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite bei rororo
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt

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Über den Autor

Eva Bergschneider

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Evas Nerd-Schreibtisch

Ich bin gebürtige Ostwestfälin und seit über 20 Jahren Wahlkölnerin. Verdiene mein täglich Brot im Labor eines Biotechnologie-Unternehmens, bin verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Mich begeistern Kino, Musik, Sport und Internet, vor allem aber BÜCHER. Ich lese viele Phantastik- und Kriminalromane, halte aber eigentlich nicht viel von Genre-Einteilungen und bin in Bezug auf Literatur offen für (fast) alles. 

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von Eva Bergschneider Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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