Mark Z. Danielewski – Only Revolutions (Buch)

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Mark Z. Danielewski - Only Revolutions (Buch)In beinahe entschuldigender Form lässt man den Leser im Impressum wissen, dass bei der von Nora Matoczka-Falkner und Gerhard Falkner jahrelang vorgenommenen Übersetzung aufgrund der Ungleichheit der beiden Sprachformate einige Texteinbußen unvermeidbar gewesen seien, doch wenn man das Original zum Vergleich heranzieht, muss man den beiden exzellente Arbeit attestieren, denn besser hätten es andere wohl kaum gemeistert. Dass man bei Danielewskis Werken nicht mit Konventionen rechnen darf, war spätestens seit „Das Haus“ klar, einem in drei Ebenen erzählenden Buch, welches in typographischer Hinsicht zu den wohl experimentellsten Werken aller Zeiten zählen dürfte. Nun steht endlich das 2006 in den USA erschienene Nachfolgewerk „Only Revolutions“ in den Regalen, und auch dieses Mal verschiebt der Autor sämtliche Grenzen und schafft sich seine eigenen Regeln. Dies nimmt seinen Anfang einmal mehr beim Layout, denn das aufwändig gestaltete Werk besitzt zwei Buchcover; es lässt sich von beiden Seiten lesen. Die obere Hälfte (oder die untere, ganz wie man es buchstäblich dreht und wendet) erzählt die Geschichte aus Sams Blickwinkel, die entgegengesetzte, welche „auf dem Kopf“ steht, aus Haileys – und bis auf wenige, beabsichtigte Ausnahmen besteht jedes Canto, sprich jede viertel Buchseite, aus exakt neunzig Wörtern, so dass sich insgesamt dreihundertsechzig Wörter pro Doppelseite ergeben.

Es wird vom Verlag zwar empfohlen, zuerst acht Seiten aus Haileys, dann acht Seiten aus Sams Blickwinkel zu lesen, doch das ist kein Muss. Die Schriftgröße ist bei den jeweiligen ersten „Kapiteln“ des jeweiligen Protagonisten verhältnismäßig groß und nimmt zum Ende hin konstant ab, so dass sich die beiden Schriftgrößen gegenseitig angleichen. Nach jeweils acht gelesenen Seiten beginnt ein neuer Abschnitt und hierbei fällt auf, dass die Abschnitte mit jeweils unterschiedlich großen Initialen beginnen, die nacheinander gelesen laufschriftartig „Sam und Hailey“ ergeben. Auch die Pagination dreht sich im Kreis, wenn man die Buchseiten wie ein Daumenkino blättert. In den inneren Seitenrändern findet sich obendrein eine Zeitleiste, die bei Sam von 1863 bis 1963, bei Hailey von 1963 bis 2063 reicht, bis zum Jahr 2005 durchsetzt mit realen und fiktiven Ereignissen sowie Kommentaren, bei denen man anfangs nicht weiß, was ihre Bedeutung sein mag.

Fast unaufhaltsam bewegen sich Sam und Hailey, beide trotz der zweihundertjährigen Zeitspanne, in welcher Musikstile, Automarken und Tänze jeweils der entsprechenden Zeit zuzuordnen sind, für immer 16 Jahre alt, in hohem Tempo vorwärts, immer vorwärts, missverstanden, von allen ungewollt, ausgebeutet, nie akzeptiert, nie respektiert, sich zu Beginn gar ablehnend. Doch dann entwickelt sich zwischen den Zweien eine Romanze und ein Kampf gegen den Rest der Welt, beide fühlen sich unzerstörbar, lassen alles hinter sich, was sie verletzt, lässt sie nur härter werden, und highspeedend heizen sie durch Zeit und Raum, drogig-exzessiv delirierend, pornographisch-sexuell Säfte verströmend, schonungslos gewalttätig gegen alles rundherum, nur fühlen, die Drehung des Buches lässt einen Sog entstehen, der den Leser verschlingt. Der ihn in einen Rausch, ähnlich wie ihn Hailey und Sam erleben, versetzt.

Orthographische und grammatikalische Gesetze werden, eingebettet in eine poetische Erzählweise, komplett ausgehebelt, es werden Wörter erschaffen, verdreht, in ihrer Bedeutung gebeugt und gebrochen, und oftmals gehen die Wahrnehmungen der beiden Figuren, die gelegentlich wie eine moderne, anarchische, miteinander legierte Version von Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Orpheus und Eurydike und ähnlichen Charakteren anmuten, meilenweit auseinander – doch immer wieder trifft sich alles auf irgendeine Weise. Hierbei entsteht eine in lyrischem Kontext zu verstehende zeitliche Vermischung, denn die gedichtförmigen Schilderungen wirken einerseits altbacken formuliert, haben dann aber wieder einen Reimfluss, der an die Rhythmik des Hip Hop erinnert. Eine weitere Komponente in der vermuteten Zeitlosigkeit?

Unglaublich viele Besonderheiten gibt es zu entdecken, deren Bedeutungen es zu verstehen, zu dechiffrieren gilt. Da ist dieser „Creep“, der stets in pink geschriebenen Kapitälchen auftaucht und nur in jeweils zwei Abschnitten zu finden ist, und diese begegnen sich jeweils an zwei Schnittpunkten. Da wären die Augenfarben: Sam hat grüne Augen mit goldenen Sprenkeln, bei Hailey ist es umgekehrt. In Sams Geschichte ist jede Null und jedes ‚o‘ grün, bei Hailey sind sie goldfarben. Außer beim Honig, der wohl eine zentrale Rolle spielt – da wechselt die Farbe des ‚o‘ gelegentlich in die des Gegenübers.

Die Buchstaben „H“ und „S“ sind jeweils punktsymmetrisch und der jeweils achte Buchstabe vom jeweiligen Ende der Alphabetwurst. Die 8 ist, umgekippt, das Zeichen für Unendlichkeit. Die beiden ‚o‘ – ergeben sie durch eine geschaffene Verbindung dieses Symbol? Die „Geschichten“ enden mit dem Anfang und beginnen mit dem Ende. Leben, sterben, drehen, gut, böse, Yin, Yang, Unendlichkeit. Zerstörung und Wiederaufbau. Was ist mit der Zeit? Was bedeutet sie? Ist Zeit überhaupt? Und wo besteht der Zusammenhang der Zeitleiste zum eigentlichen Inhalt?

Weiter: In Haileys Version der Prosa finden ausschließlich Pflanzen statt, Menschen nimmt sie fast komplett als Männer wahr. In Sams Version hingegen existieren nur Tiere und praktisch nur Frauen. Was hat es mit dem Linkshandgelenkarmband auf sich, das beide tragen? Wieso sind in der gesamten Geschichte beider Figuren hier und dort manche Buchstaben leicht hoch- beziehungsweise tiefgestellt? Gibt es einen Bezug zum Film? Oder zur Musik? Was bedeutet das als mathematisches „Oder“- oder als Pause-Zeichen interpretierbare Symbol mit den beiden sich in einem Kreis befindenden parallelen Vertikalstrichen? Und die auf manchen Seiten auftauchenden schwarzen Punkte mit teils farbigen Ringen außen herum?

Wieso ergeben die stets gegenüberliegenden x½ und y½ immer 12? Weshalb die Schreibweise UnS (im Amerikanischen „US“)? Weswegen werden Flora, Fauna, Personen und Honig in Kapitälchen geschrieben? Was ist mit der Biene? Was ist mit den mathematischen Komponenten? Und: Wieso das alles? Hat alles irgendwie einen Bezug zu Yggdrasil, der goldgelbgrünen Weltenesche aus der nordischen Mythologie, die schon in „Das Haus“ eine bedeutende Rolle spielte? Gab es dort nicht auch mal eine Hailey, die einen Brief schrieb?

Mark Z. Danielewskis neuester Streich unterhält den Leser nicht nur, es fordert ihn über Wochen hinaus heraus, gibt ihm Rätsel auf, lässt ihm keine Ruhe. Im einen Moment denkt man noch, man sei hinter eine Botschaft gekommen, um sich kurz darauf wieder zu fragen, ob man gerade wieder hinters Licht geführt wurde. Politikdadaismus? Dadaismuspolitik? Lebenstod? Aufersterben? Sexekution? Amor vincit omnia? Gedankenfetzen, Fragmente, wirre und doch geordnete Fäden, rasanter, schneller, immer schneller, kreisförmig, dual, exzessiv, explosiv, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, Neuronen glühen, rasen, zerebrales Gewitter, Wirbel, und sobald man das Buch zur Seite gelegt hat, klatscht es einen durch seine Windschattenkraft gegen die Wand.

Ja, die Erfahrung, einen Danielewski zu lesen, ist kein Entertainment, es ist eine Hülle, in die man schlüpft, um selbst zu erleben und zu fühlen. Und hinterher fühlt man sich nackt. Innerlich und äußerlich. „Only Revolutions“ – literarische Katharsis, Kunst, die Fleisch und Seele aufraut.

  • Autor: Mark Z. Danielewski
  • Titel: Only Revolutions
  • Originaltitel: Only Revolutions
  • Übersetzer: Nora Matoczka-Falkner, Gerhard Falkner
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Erschienen: 2012
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag, zwei Lesebändchen
  • Seiten: 360×2
  • ISBN: 978-3-608-50123-0

Wertung: 13/15 dpt

Vielen Dank an noisyNeighbours für die Gestattung der „Artikelmitnahme“ – die Originalversion findet ihr in noisyNeighbours #36, das ihr hier herunterladen könnt.

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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